Die Zahl der Verletzten stieg im vergangenen Jahr um zehn Prozent. Beim Fankongress wird nach Lösungen gesucht.

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Randale gibt es auch in unteren Ligen, wie hier beim Leipziger Derby.

Randale gibt es auch in unteren Ligen, wie hier beim Leipziger Derby.

dpa

Randale gibt es auch in unteren Ligen, wie hier beim Leipziger Derby.

Düsseldorf. Die neuesten Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Zehn Prozent mehr Körperverletzungen in deutschen Fußballstadien im Vergleich zum Vorjahr (Höchststand seit zwölf Jahren), rund 13 000 polizeilich registrierte „Gewalttäter Sport“ – so viel wie nie zuvor – und eine klare Mehrheit (84 Prozent) der Fans gegen Pyrotechnik.

Dazu geistern seit Tagen die Bilder und Berichte von einem Hallenturnier durch die Medien, wo sich Fans aus Hamburg und Lübeck eine stundenlange Schlacht mit der Polizei lieferten.

Aktiver Fußballfan zu sein ist dieser Tage nicht einfach. Erst recht nicht, wenn es darum geht, Freiräume zu erkämpfen, Ticketpreise zu reduzieren, die Macht des Bezahl-Fernsehens zu schwächen und für die Erlaubnis von Pyrotechnik einzustehen.

Vertreter von DFB, DFL und des TV-Senders Sky diskutieren mit

Doch genau um diese Themen geht es am Samstag beim bundesweiten Fankongress in Berlin. Neben Wissenschaftlern und Vertretern von dutzenden Fanszenen haben sich auch Holger Hieronymus, Geschäftsführer der DFL, Hendrik Große Lefert, Sicherheitsbeauftragter des DFB, und Dirk Grosse vom Pay-TV-Sender Sky angekündigt.

Da kann es kaum verwundern, dass DFB, DFL und die Politik im Vorfeld allerhand Zahlen veröffentlichten, die auf eine „Steigerung der gewalttätigen Handlungen“ im deutschen Fußball aufmerksam machen wollen, wie es die Bundesregierung nun in der Erklärung tat. Und um dem Trend entgegenzuwirken, steht aktuell sogar ein Stehplatz-Verbot im Raum. Zwar seien diese „Teil der Fankultur, die schützenswert ist und um die uns viele in Europa beneiden. Aber wir werden unter Druck gesetzt und laufen Gefahr, die Fankultur zu verlieren“, sagt Hieronymus von der DFL.

Weniger Verletzte beim Fußball als beim Oktoberfest

Noch gibt es Stehplätze in den deutschen Stadien. Doch die Eintrittspreise ziehen immer mehr an. In Dortmund hat sich bereits in der vergangenen Saison die Initiative „Kein Zwanni für nen Steher“ gebildet, nachdem Schalke 04 die Karten für den Gästeblock vor dem Derby auf 20 Euro erhöht hatte.

Da der Hamburger SV die Preise für seinen Gästeblock nun ebenfalls auf 20 Euro erhöht hat, planen die BVB-Fans für ihr Gastspiel in der Hansestadt einen Boykott. Anreisen werden sie zwar, allerdings das Stadion nicht betreten und die Partie am Radio verfolgen. Die Initiative stellt sich am Samstag ebenfalls beim Fankongress in Berlin vor.

Für Gerd Debowski, Fan-Soziologe an der Freien Universität Berlin und Sprecher des Bündnisses Aktiver Fußballfans, sind diese „Drohgebärden genau das falsche Signal“. Besonders kurz vor einem von Fans initiierten Kongress, mit dem die sonst so abgeschottet erscheinenden Ultras den Verbänden symbolisch die Hände reichen, sei die Außenwirkung derartiger Überlegungen fatal – und langfristig auch schädlich für das Produkt Bundesliga. „Die Wichtigkeit der Kurven wird unterschätzt“, sagt der Fanforscher und meint damit, dass Fußball vor allem über Emotionen vermarktet wird. Ohne die stimmungsvollen Stehränge könnten die Zuschauer auf teuren Plätzen die Lust am Stadionbesuch verlieren.

Generell fordert Dembowski eine Versachlichung der Debatte. Mit den Gewaltexzessen der 70er und 80er Jahren habe die aktuelle Fankultur nicht viel zu tun. Daran könnten selbst Zwischenfälle wie der der Dresdener in Dortmund oder die Leuchtraketenschüsse zwischen Rostock und St. Pauli nichts ändern: „Gemessen an der Gesamtzahl der Besucher gab es 0,00005 Prozent Verletzte. Das ist im Vergleich zum Oktober- oder vielen Schützenfesten erheblich weniger. Und da sind die, die durch Schlagstöcke und Pfefferspray der Polizei verletzt wurden, bereits mit eingerechnet.“

Sportrechtler Schickhardt wirft Klubs zu viel Fan-Toleranz vor

Ganz anders sieht das Sportrechtler Christoph Schickhardt. Der Jurist aus Ludwigsburg fordert eine „Null-Toleranz-Politik“ und nimmt die Vereine in die Pflicht: Diese hätten den Ultras durch eigene Kartenkontingente, Räume und Kurven „Wellnessoasen“ gebildet, die, sobald es Probleme gibt, wieder abgeschafft werden müssten.

Nicht nur wegen dieser Forderungen dürfte das kommende Jahr entscheidend für die Ultraszene werden. Besinnt sie sich wieder auf sachliche Kritik und Stimmung oder verfängt sie sich in Kleinkriegen gegen andere Gruppen oder die Polizei? Nach dem endgültigen Pyro-Verbot und den zahlreichen Gewaltexzessen steht die Szene im Fokus. Fest steht: Die Ultras fühlen durch sich durch die Art der Absage hintergangen und werden weiter Bengalische Feuer zünden, die Verbände werden diese weiter bestrafen. Ausgang ungewiss – Kongresse hin oder her. Hieronymus sagt es ganz offen: „Wir haben keine Lösung des Problems.“

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