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Der Nürnberger Trainer Michael Wiesinger stellte konsequent nach Trainingsleistung auf. Foto: Daniel Karmann

Der Nürnberger Trainer Michael Wiesinger stellte konsequent nach Trainingsleistung auf. Foto: Daniel Karmann

dpa

Der Nürnberger Trainer Michael Wiesinger stellte konsequent nach Trainingsleistung auf. Foto: Daniel Karmann

Nürnberg (dpa) - Nürnbergs neuer Trainer Michael Wiesinger zeigt mit einer umstrittenen Personalentscheidung prompt Stehvermögen - und freut sich jetzt auf die größte Fußballbühne Deutschlands.

Wiesinger nahm sich als erstes den Filigrantechniker vor. Bis kurz vor Schluss verzichtete der neue starke Mann im Trainerstab des 1. FC Nürnberg bei seinem Bundesligadebüt gegen den Hamburger SV freiwillig auf Hiroshi Kiyotake, den fußballerisch wohl talentiertesten Spieler im fränkischen Kader. Was für Außenstehende überraschend war, kam beim restlichen Team sogar bestens an: Mit der unpopulären Entscheidung machte Wiesinger deutlich, dass er sich von großen Namen nicht beeindrucken lässt.

«Kiyo muss sich genauso empfehlen und beweisen wie jeder andere auch. Die Trainer haben sich etwas dabei gedacht», meinte Routinier Hanno Balitsch nach dem 1:1-Remis. Aus der Sicht von Kapitän Raphael Schäfer war die Reservistenrolle für den Japaner nur folgerichtig: «Das hat sich angedeutet», behauptete der Torwart, der sich bei einer unglücklichen Aktion die Nase brach, aber wohl keinen längeren Ausfall befürchten muss. Der 33-Jährige äußerte: «Der Trainer hat die elf Spieler aufgestellt, von denen er überzeugt ist, dass sie in der Woche alles getan haben, um am Wochenende zu spielen.»

Kiyotake gehörte nicht dazu. Jenen Vertrauensvorschuss, den sich der 23-Jährige in der Hinrunde unter Wiesingers Vorgänger Dieter Hecking erarbeitet hat, muss er dem Neuen erst mal bestätigen. Weniger wegen seiner drei Treffer und fünf Torvorlagen, sondern mehr noch dank seiner herausragenden Qualitäten am Ball galt Kiyotake als eigentlich unersetzliches Puzzleteil in der Nürnberger Offensive. Wiesinger juckte das kein bisschen: «Im Training kam zu wenig, er hat nachgelassen, das hat mir nicht so gefallen», urteilte er.

Verbiegen lassen will sich Wiesinger nicht - zumindest das hat er nach seiner knapp vierwöchigen Amtszeit schon klargemacht. Im Gespann mit Heckings bisherigem Co-Trainer Armin Reutershahn sorgt er für einige neue Impulse. Was war, ist vorbei und zählt nicht mehr - dieses Signal ist dem 40-Jährigen ganz wichtig. Ebenso ließ Wiesinger keinen Zweifel daran, sich als Chef des neuen Trainerduos zu sehen. Beim Debüt war der Trainernovize omnipräsent: Er rechtfertigte die Aufstellung, er stand weitgehend allein gestikulierend an der Seitenlinie, hinterher stellte er sich den Fragen der Journalisten.

Wiesingers Chance ist eine große. Die Möglichkeit, aus dem Amateurbereich von jetzt auf gleich einen der begehrten 18 Trainerjobs in der Beletage serviert zu bekommen, hat wahrlich nicht jeder. «Jetzt kann er beweisen, dass er es kann. Es ist eine unglaublich schwierige Aufgabe», meinte Franz Beckenbauer beim TV-Sender Sky. «Ich hoffe, dass er den Club weiterhin auf der Spur hält, die Hecking vorgegeben hat. Der Schuh ist groß.»

Wiesingers Ziele aber auch. Am Rande des HSV-Spiels demonstrierte er Selbstsicherheit, ohne arrogant zu wirken. Mit Dialekt, Brille, den platt gegelten Haaren und seinem schlichten Blick kommt Wiesinger zwar gerne mal in die Gefahr, als Fußball-Streber abgestempelt zu werden - einen derartigen Eindruck zerstreut er aber schon im Ansatz. Zumal Wiesinger bereits aus seiner Profizeit beim FC Bayern weiß, dass er mit Zurückhaltung und Nettigkeiten allein nicht vorankommt.

Am Montag feierte Wiesinger eine weitere Premiere. Im Kreis seiner neuen Kollegen traf er bei der Bundesliga-Trainertagung in Düsseldorf neben Joachim Löw auch auf BVB-Ikone Jürgen Klopp. Vier Tage später kommt es schon zum neuerlichen Wiedersehen, dann bei Wiesingers Auswärtsdebüt auf der größten Fußballbühne Deutschlands. «Freitagabend, Dortmund, 80 000 Zuschauer - besser geht's kaum», befand Mittelfeldmann Balitsch stellvertretend für alle Nürnberger.

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