Tayfun Korkut 2009 beim Training der U 17 von 1899 Hoffenheim. Foto: Markus Ulmer
Tayfun Korkut 2009 beim Training der U 17 von 1899 Hoffenheim. Foto: Markus Ulmer

Tayfun Korkut 2009 beim Training der U 17 von 1899 Hoffenheim. Foto: Markus Ulmer

dpa

Tayfun Korkut 2009 beim Training der U 17 von 1899 Hoffenheim. Foto: Markus Ulmer

Hannover (dpa) - Mit einem kühnen Votum in der Trainerfrage hat Hannover 96 den verängstigten Fußballprofis den Weg gewiesen. Der bislang nur Insidern bekannte Tayfun Korkut soll als Nachfolger des geschassten Mirko Slomka der Bundesliga-Konkurrenz in der Rückrunde das Fürchten lehren.

«Es ist eine mutige Entscheidung mit Perspektive», kommentierte 96-Clubchef Martin Kind am Neujahrstag den Zuschlag für den Nobody. «Wir sehen da kein Risiko. Herr Korkut hat seine Karriere ganz gezielt geplant. Er weiß, was zu tun ist.«

Sportdirektor Dirk Dufner, der den Silvester-Coup mit dem ersten türkischstämmigen Bundesliga-Trainer seit Arkoc Özcan 1977/78 beim Hamburger SV eingefädelt hatte, äußerte sich begeistert. «Korkut ist ein wahnsinnig talentierter Trainer, von dem wir vollkommen überzeugt sind», sagte Dufner. Er ließ sich bei der überraschenden Wahl mehr vom Konzept des 39 Jahre alte früheren türkischen Nationalspielers als von dessen Namen beeindrucken. Korkut bedeutet in der Verbform so viel wie «jemandem Angst machen, in Furcht versetzen».

«Ich danke Hannover 96 ausdrücklich für das Vertrauen, mir diese Chance zu geben», sagte der gebürtige Stuttgarter Korkut, der seine Spielerkarriere einst bei den Stuttgarter Kickers in der Regionalliga begonnen hatte. Für ihn ist der Job in Hannover der erste Chefposten im Männerbereich. Er erhält einen Vertrag bis 2016 und wird am Freitag vorgestellt. Am Sonntag steht er zum Trainingsstart erstmals mit seinem neuen Team auf dem Platz, nächste Woche bricht er mit der Mannschaft des Tabellen-13. ins Trainingslager nach Belek auf.

«Vor uns liegt eine anspruchsvolle, aber auch faszinierende Aufgabe, auf die ich mich sehr freue», sagte Korkut, der 2011 in Köln die deutsche Fußballlehrer-Lizenz erwarb. «Wir wollten einen jungen Trainer mit klaren Vorstellungen, der konzeptionell arbeiten kann», sagte Dufner. Damit passe Korkut genau ins Konzept von 96.

Clubchef Kind, der in der Vergangenheit mit ungewöhnlichen Personalien wie Trainer Branko Ivankovic oder Manager Ricardo Moar mehrfach Schiffbruch erlitten hatte, wollte unbedingt eine mutige Entscheidung präsentieren. Die hat er jetzt, denn der zweimalige EM-Teilnehmer Korkut war nach seiner Profizeit in Spanien und der Türkei bislang nur im Jugendbereich hauptverantwortlich tätig. Bis Sommer 2013 war er Co-Trainer des türkischen Nationalteams, die Bundesliga kennt er weder als Spieler noch Trainer.

«Die Herren Gisdol, Schneider und Weinzierl hatten auch keine Bundesliga-Erfahrung. Jetzt sind sie Cheftrainer», argumentierte Kind mit Verweis auf das Beispiel der Liga-Rivalen Hoffenheim,, Stuttgart und Augsburg. Er erwartet, dass Korkut die zuletzt unter Slomka verschütteten sportlichen Qualitäten wieder entwickelt. «Von der Europa League als Saisonziel haben wir uns schon vor längerer Zeit verabschiedet. Am Ende sollte irgendwas um Platz zehn herausspringen, plus oder minus», erklärte der 96-Chef.

Lange Zeit galt der frühere Interimscoach des Hamburger SV, Ricardo Moniz, als Favorit auf die Slomka-Nachfolge. «Das ist keine Entscheidung gegen einen anderen Trainer, sondern für Korkut, von dem wir absolut überzeugt sind», sagte Dufner: «Wir haben von Anfang an mit mehreren Trainern gesprochen.»

Der 96-Sportdirektor widersprach vehement dem Eindruck, Korkut sei nur eine B- oder C-Lösung, nachdem Wunschkandidat Thomas Schaaf abgesagt hatte und andere vermeintliche Kandidaten wir André Breitenreiter (Paderborn) oder Frank Kramer (Fürth) nicht realisierbar gewesen seien. «Ich habe dazu lang geschwiegen, aber es ist unglaublich, dass jemand wie Breitenreiter, der bei uns nie ein Thema war, sich selbst ins Spiel bringt», echauffierte sich Dufner: «Und dann plötzlich öffentlich über Facebook absagt, als er gemerkt hat, dass ihn keiner haben will. Das ist einfach unfassbar.»

Dufner ist sich durchaus bewusst, dass er mit dieser Personalie erstmals voll in der Verantwortung bei 96 steht. Der im Frühsommer aus Freiburg nach Hannover gewechselte Manager führte die Verhandlungen mit Korkut und überzeugte den Clubchef. «Martin Kind ist jemand, der sich sehr schnell mit mutigen Entscheidungen anfreundet», berichtet Dufner darüber.

Die Entscheidung kommt nicht nur überraschend, sie birgt auch ein gewisses Risiko. Das 96-Team, das unter Slomka in der Hinserie auswärts nur Niederlagen kassierte, muss zum Rückrundenstart in vier Spielen dreimal in der Fremde ran. Daheim empfangen die Niedersachsen zudem die Top vier der Liga: Bayern München, Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund. «Das ist uns durchaus bewusst», sagte Dufner dazu: «Wir sind aber davon überzeugt, erfolgreich zu sein. Wenn nicht, stehen wir das gemeinsam durch.»

Tayfun Korkut im Kurzporträt:

Geboren: 2. April 1974 in Stuttgart

Vereine als Spieler:

1994/1995 Stuttgarter Kickers

1995 - 2000 Fenerbahce Istanbul

2000 - 2003 Real Sociedad San Sebastián

2004 - 12/2005 Besiktas Istanbul

12/2005 - 2006 Genclerbirligi Ankara

Erfolge als Spieler:

42 A-Länderspiele für die Türkei, EM-Teilnahmen 1996 und 2000

Vereine als Trainer:

2007/2008 Real Sociedad San Sebastián (U 19)

2009/2010 1899 Hoffenheim (U 17)

2011 VfB Stuttgart (U 19)

2012/2013 Co-Trainer Türkei

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