Leverkusens Stürmer Stefan Kießling erzielte in dieser Saison bereits sechs Treffer. Foto: Marius Becker
Leverkusens Stürmer Stefan Kießling erzielte in dieser Saison bereits sechs Treffer. Foto: Marius Becker

Leverkusens Stürmer Stefan Kießling erzielte in dieser Saison bereits sechs Treffer. Foto: Marius Becker

dpa

Leverkusens Stürmer Stefan Kießling erzielte in dieser Saison bereits sechs Treffer. Foto: Marius Becker

Düsseldorf (dpa) - Die Bundesliga ist so torreich wie lange nicht mehr. Bis zum Start des siebten Spieltages gab es noch kein Spiel, das 0:0 endete - zum ersten Mal in der Bundesliga-Historie.

Dafür mussten die Torhüter schon 176 Mal die Bälle aus ihrem Netz fischen. So viele Treffer gab es zuletzt in der Saison 1994/1995. Alles nur Zufall? Vermutlich nicht, denn schon Bayern-Coach Pep Guardiola betonte bei seiner Vorstellung in München: «Ich liebe es anzugreifen, das ist meine Idee von Fußball.»

Mit Bedacht müsse man solche Statistiken lesen, warnt Daniel Memmert von der Sporthochschule Köln. «Sechs Spieltage sind natürlich nicht die größte Erhebungsmenge, doch man könnte mit einiger Vorsicht etwas daraus interpretieren.»

Memmert analysiert Fußballsysteme, und für ihn hat sich der Bundesliga-Fußball in den letzten Jahren gewaltig gewandelt. Knackpunkt sei das Champions-League-Finale 2011 zwischen dem FC Barcelona und Manchester United (3:1) gewesen: «Diese Partie mit der Spielweise von Barcelona wurde unzählige Male analysiert.»

In Deutschland sei von zahlreichen Trainern versucht worden, die von Guardiola in Barcelona mit Fußball-Künstlern wie Messi, Iniesta oder Xavi perfektionierte Spielweise in die Bundesliga zu übertragen. Mirko Slomka und Jürgen Klopp haben laut Memmert mit Hannover und Dortmund diesen Spielstil im deutschen Profifußball frühzeitig salonfähig gemacht: Frühes Pressing, frühes Stören vor dem gegnerischen Tor, schnelles Umschalten: Binnen zehn Sekunden muss unter Slomka ein Torangriff abgeschlossen werden. Seine Spielidee erklärte der Coach der «96er» in der «Neuen Presse» einmal wie folgt: «Die Überfalltaktik entspricht unserer Systematik.»

Funktioniert hat es: Hannover wurde 2011 in der Bundesliga Vierter und zog überraschend in die Europa League ein. Der BVB holte im selben Jahr erstmals mit Klopp die deutsche Meisterschaft. Auch wenn der Dortmunder Coach mit seiner stets offensiv orientierten Mannschaft wieder maßgeblich dazu beitrug, dass es in dieser Spielzeit noch keine Nullnummer gab, kann er auf Anhieb noch nicht so viel mit der Tor-Statistik anfangen. «Das wird immer so bleiben, dass es kein 0:0 mehr gibt», sagte Klopp zunächst scherzhaft. «Aber im Ernst: Um daraus Schlüsse ziehen zu können, muss man die Zeit haben, darüber nachzudenken.» Und die fehlte dem BVB-Coach bislang.

Dafür aber nahm sich Fußball-Analytiker Memmert längst diese Zeit. So stellt er fest, dass «es schon bemerkenswert ist, dass in den anderen europäischen Ligen weniger Tore fallen als es seit neuestem in Deutschland der Fall ist. Ich denke da wurde im Ausland ein Trend verschlafen.»

Doch für den Sportwissenschaftler sind die vielen Tore nicht nur die Folge offensiver Systeme. «Die Psychologie der Spieler spielt eine enorme Rolle. Sie stehen heutzutage unter Druck wie noch nie, weil die Kader so ausgeglichen sind und fast jeder eigentlich ersetzbar ist. Das bedingt auch mehr individuelle Fehler und ermöglicht Tore», erläuterte Memmert. Kapitän Simon Rolfes von Bayer Leverkusen führt die Torflut aber eher auf die veränderten Spielsysteme zurück: «Grundsätzlich sind die Ausrichtungen der ganzen Mannschaften deutlich offensiver geworden, es gibt nur noch wenige Teams, die sich einfach nur hinten reinstellen.»

Auch Markus Gisdol sieht darin keinen Zufall: «Es ist ein Trend und für die Zuschauer eine tolle Sache, wenn die Mannschaften offensiv spielen», sagte der Cheftrainer von 1899 Hoffenheim. Doch in gewissen Fällen bevorzugt er weniger Tore. «Natürlich sieht jeder lieber ein 2:2 als ein 0:0, wobei so ein 1:0-Sieg geil sein kann. Da hätte ich auch nichts dagegen.»

Die Fußball-Fans sind sicher nicht unglücklich, wenn der Trend fortgeführt wird. Und womöglich sitzen die ausländischen Fußball-Analysten ja schon längst an der Aufarbeitung des deutschen Champions-League-Finals 2013.

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