Reizfigur
An Sportvorstand Matthias Sammer scheiden sich die Geister. Foto: Andreas Gebert

An Sportvorstand Matthias Sammer scheiden sich die Geister. Foto: Andreas Gebert

dpa

An Sportvorstand Matthias Sammer scheiden sich die Geister. Foto: Andreas Gebert

München (dpa) - Schon als Spieler war Matthias Sammer ein Typ, der Trainer oder Teamkollegen verrückt machen konnte.

«Das eine oder andere graue Haar hat Ottmar Hitzfeld mir zu verdanken», gestand der Sportvorstand des FC Bayern München Anfang des Jahres anlässlich des 65. Geburtstages seines ehemaligen Trainers bei Borussia Dortmund.

Sammer und Hitzfeld wurden in den 90er-Jahren gemeinsam deutscher Meister und Champions-League-Sieger. Allzeit harmonisch aber war die Zusammenarbeit nicht. Auch in der Fußball-Nationalmannschaft war der heute 46 Jahre alte «Feuerkopf» aus Dresden als Führungsfigur ein ständiger Antreiber, was im EM-Triumph 1996 in England gipfelte.

Sammer konnte mit seinem extremen Ehrgeiz und seinen emotionalen Ausbrüchen auf dem Spielfeld ein Erfolgsfaktor, aber auch ein Quälgeist für alle Beteiligten sein. «Stark akzeptiert nur stark», lautet eine seine zentralen Regeln im Leistungssport.

Mit provokanten Aussagen zur ausbaufähigen Trainingsarbeit anderer Bundesliga-Clubs im Vergleich zum weit überlegenen Tabellenführer FC Bayern hat der Münchner Sportverband gerade für Wirbel gesorgt. Die Konkurrenz reagierte gereizt auf die vermeintlichen Belehrungen.

Dortmunds Trainer Jürgen Klopp, ein spezieller Freund von Sammer, schwang sich mit rhetorischem Geschick zum Liga-Sprecher auf. Sammer müsse jeden Morgen, wenn er das Münchner Trainingsgelände betrete, Gott danken, dass jemand die Idee hatte, ihn dort zum Sportvorstand zu machen. «Ich weiß nicht, ob der FC Bayern ohne Sammer einen Punkt weniger geholt hätte», stichelte Klopp. Mit 130 Millionen Euro für neue Spieler könne auch Mainz «ohne die Ratschläge von Matthias Sammer Meister» werde, bemerkte FSV-Manager Christian Heidel.

Sammer wollte wohl gar nicht so sehr provozieren. Auch wenn er die früher vom langjährigen Manager und heutigen Vereinspräsidenten Uli Hoeneß ausgefüllte Rolle der «Abteilung Attacke» bisweilen bewusst sucht. Seine Einlassungen zur vorbildlichen Arbeit beim Triple-Sieger FC Bayern unter der Leitung von Pep Guardiola zielten aber mehr darauf an, die sportliche Überlegenheit zu erklären. Für Sammer basiert sie auf Arbeit, Arbeit, Arbeit - lediglich flankiert von einer mit Millionensummen gespeisten Einkaufspolitik.

«Erfolg ist steuerbar», lautet Sammers Credo: «Der Pokal kommt zu dir, wenn du ihn verdient hast.» Fünf Trophäen gewann der FC Bayern 2013, seit Sammer in München ist (Sommer 2012), schwimmt der deutsche Rekordchampion auf der Erfolgswelle. Dank Sammer? Trotz Sammer?

«Ohne Matthias Sammer hätte der FC Bayern diese Erfolge nicht gehabt. Er kam zur richtigen Zeit. Der FC Bayern war scheintot», behauptete Ehrenpräsident Franz Beckenbauer. «Er ist sehr wichtig für mich», sagte Trainer Pep Guardiola vor dem Champions-League-Achtelfinale gegen den FC Arsenal am Dienstagabend. Der Sportvorstand sei eine ruhige Person: «Er analysiert, was in den wichtigen Momenten in der Kabine und in der Mannschaft passiert.»

Diese Beschreibung ist gar nicht schlecht. Sammer ist der Akteur im Hintergrund, der jedes Training verfolgt, der in der vergangenen Erfolgssaison gerade auch den Kontakt zu frustrierten Ersatzspielern hielt, diese motivierte. Mit Guardiola, der ebenso besessen dem Maximum an Titeln und der Perfektion auf dem Spielfeld nachjagt, hat Sammer einen geistig Verbündeten gefunden. Sammer schwebt «Weltspitze» als Normalfall und Dauerzustand vor: «Ich bin mir bewusst, dass ich da manchmal nerve» - intern und extern.

Mit 34 Jahren wurde Sammer mit Borussia Dortmund jüngster Meistertrainer der Bundesliga-Geschichte. In seiner Amtszeit beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), wo er auch Sportdirektor auch einige Kämpfe mit Bundestrainer Joachim Löw austrug, fielen die EM-Titel der deutschen Juniorenteams U 17, U 19 und U 21.

Wer Sammer verstehen will, muss ihn abseits des Rampenlichtes erleben. Er lebt Fußball, 365 Tage im Jahr. Im Winter-Trainingslager des FC Bayern in Katar verzichtete er auch an einem trainingsfreien Vormittag der Münchner Profis nicht auf Fußball. Er schaute halt dem nebenan übenden FC Schalke zu. Und als die Bayern in Doha ein Testspiel gegen den sudanesischen Meister Al-Merrikh gewonnen hatte, sprach Sammer in der Pressekonferenz nicht über das Spiel, sondern ereiferte sich über den Zustand des Rasens. «Mit dem Platz war ich nicht und zufrieden. Das war ein Ärgernis.» So tickt Sammer.

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