Kölns Trainer Peter Stöger über die neue FC-Stabilität, die Qualitäten des Jonas Hector und die Zahl seiner Assistenten.

Trainer Peter Stöger vom Fußball-Bundesligisten 1. FC Köln beim Trainingsauftakt zur Rückrunde im RheinEnergieSportpark in Köln.
Trainer Peter Stöger vom Fußball-Bundesligisten 1. FC Köln beim Trainingsauftakt zur Rückrunde im RheinEnergieSportpark in Köln.

Trainer Peter Stöger vom Fußball-Bundesligisten 1. FC Köln beim Trainingsauftakt zur Rückrunde im RheinEnergieSportpark in Köln.

Marius Becker

Trainer Peter Stöger vom Fußball-Bundesligisten 1. FC Köln beim Trainingsauftakt zur Rückrunde im RheinEnergieSportpark in Köln.

Köln. Peter Stöger hat ein bisschen Zeit mitgebracht. Fußball-Bundesligist 1. FC Köln hat kein Trainingslager besucht, trainiert derzeit im Regen von Köln. Er bringt seinen Kaffee mit zum Gespräch, in der eigenen Peter-Stöger-Weihnachtstasse. Der Trainer, der seit dreieinhalb Jahren in Köln arbeitet, wirkt gelassen, aber konzentriert. Und immer reflektiert.

Herr Stöger, haben Sie über die Weihnachtszeit im Urlaub in Österreich abschalten können, oder denken Sie auch dann an Köln und Fußball?

Peter Stöger: Es war bei uns in der Hinrunde von außen sehr viel ruhiger als bei anderen Vereinen. Trotzdem überlegst du dir jeden Tag, was könnten wir noch besser machen. Aber ich bin niemand, der in stressigsten Phasen permanent schlaflose Nächte hat. Gott sei Dank. Ich bin insgesamt sehr zufrieden mit unserer Entwicklung und den 25 Punkten aus 16 Spielen, weil wir viel Verletzungspech kompensiert haben. Wir haben das kaum thematisiert, aber wissen es - und finden das Ergebnis dafür richtig gut. Trotzdem denke ich darüber nach. Haben die zurecht weniger gespielt, die oft draußen waren? Ich will in der Vorbereitung ausschließen, dass wir im Trainerteam Spieler schon mit Vorurteilen betrachten.

Wie arbeiten Sie das auf?


Stöger: Mit meinen Trainerteam und unserem Teamentwickler Werner Zöchling (Soziologe, mit dem Stöger schon länger zusammenarbeitet, Anm. d. Red.). Er ist relativ zufrieden mit mir. Da geht es dann nicht um die taktische Ausrichtung. Er beobachtet viel und hat ein Gefühl für die Gruppierung hier, weil er regelmäßig viele Gespräche führt.

Sind noch Spieler auf dem Absprung?

Stöger: Ich habe das Gefühl, dass die, die jetzt da sind, auch hier bleiben und ihre Chance nutzen wollen. Wir haben ja in den letzten zwei, drei Jahren relativ viele Beispiele gesehen, wo Spieler viel eingesetzt wurden, bei denen man vorher gedacht hätte: Das würde ich anders einschätzen.

Wie Abwehrmann Mergim Mavraj. Schmerzt Sie sein Abgang nach Hamburg?

Stöger: Wenn man weiß, dass er eine sehr attraktive Möglichkeit bekommen hat in Hamburg, dann verstehe ich das zu hundert Prozent. Ich freue mich für ihn, dass er am Ende gezeigt hat, dass er richtig gut Fußball spielen kann in der Bundesliga. Mergim haben viele als guten Zweitliga-Kicker gesehen. Er war ein super Junge in der Kaderstruktur und hat sich nach schwerer Verletzung unfassbar zurückgearbeitet. Er hat sich selbst belohnt. Da bin ich auf der Seite der Spieler. Wir hätten ihn in dieser Kategorie sicher nicht mitgezogen, deswegen war es klar, dass wir ihm den Weg nicht versperren. Vor einem Jahr wollte er im Winter zu einem Zweitliga-Verein, das haben wir nicht zugelassen. Da hat niemand nach ihm geschrien. Ein Jahr später fragen die Fans, warum wir ihn gehen lassen.

Brauchen Sie noch einen Abwehrspieler?

Stöger: Dominic Maroh ist wieder gesund. Wenn wir im anderen System mit drei Innenverteidigern gespielt haben, weil unsere Außenspieler Risse und Bittencourt verletzt waren, dann würde es vielleicht eng. Wir hatten aber auch schon vier starke Innenverteidiger und einer saß auf der Tribüne. Soll heißen: Man kann es nicht prognostizieren. Wenn wir Spieler bekämen, bei denen es Sinn macht, würden wir es selbst dann machen, wenn wir schon vier Innenverteidiger hätten. Wir müssen dann dazu holen, wenn wir das Geld haben und auf dem Markt der Spieler zu haben ist, der uns weiterhelfen kann.

Käme auch ein Leihspieler in Frage?

Stöger: Er müsste uns kurzfristig einen richtigen Mehrwert geben. Wir planen gefühlt langfristig, das ist in dieser Stadt, in diesem Verein besonders wichtig. Aber wir wissen auch, dass die kurzfristigen Erfolge eine langfristige Planung erleichtern (lacht).

Es wurde über Kevin Wimmer aus Tottenham und Holger Badstuber vom FC Bayern diskutiert. Ist Köln schon so weit?

Stöger:
Die Gehälter wird hier natürlich niemand bekommen, das ist ja klar. Die Wimmer-Geschichte wäre nie aufgekommen, wenn der sich in Köln nicht wohlfühlen würde und vor Weihnachten Freunde in der Stadt besucht hätte. Nach kurzem Gespräch zwischen uns war klar, dass das kein Thema ist. Und Badstuber ist eine andere Größenordnung.

Warum haben Sie Christian Clemens zurückgeholt?

Stöger: Wir sind auf der Außenposition derzeit unterbesetzt. Risse fehlt noch lange, Bittencourt würden wir gerne entspannt nach seiner Verletzung zurückkommen lassen. Christian deckt viel ab: Er kennt den Club und weiß, wie speziell der FC sein kann. Das ist schon mal gut, auch wenn wir jetzt hier nicht bewusst die Kaderlisten der Ligen nach eventuellen Rückkehrern durchforsten. Er hat Schnelligkeit, ist ein guter Kicker, kann Bälle für unsere Stürmer reinbringen. Und er ist topfit und richtig gut drauf.

Wer hat Sie in der Hinrunde am meisten überrascht?

Stöger:
Es haben sehr viele permanent auf ihrem höchsten Niveau gespielt. Die Fans würden Modeste nennen, ich sage: Dass der treffen kann, wussten wir schon. Ist es Hector, der gefühlt immer noch besser wird? Oder Öczan, der auf einmal spielt und mittendrin ist in der Liga? Kessler steht im Tor, und es fällt gefühlt nicht auf, dass mit Timo Horn einer der besten deutschen Torhüter fehlt. Es wird auch in den vergangenen 15 Jahren niemanden beim FC gegeben haben, der wie Marcel Risse zweimal das Tor des Monats erzielt hat. Wir hatten schon viele Highlights.

Modeste im Sommer einen neuen Vertrag gegeben zu haben, war trotzdem wichtig.

Stöger: Ich habe gleich danach gesagt, dass es für uns richtig und für ihn wichtig ist. Es war von beiden Seiten eine sehr gute Entscheidung.

Hectors stete Entwicklung überrascht alle Experten.


Stöger: Bei Jonas stelle ich eine klare Selbstverständlichkeit in seinem Spiel fest. Er hat Selbstsicherheit, die innere Ruhe nimmt zu, zur Aufgeregtheit neigt er ohnehin nicht. Jonas arbeitet immer weiter an sich. Er hat sich trotz anderer Möglichkeiten entschieden, in diesem Verein länger zu bleiben, das hat ihm Sicherheit gegeben. Er arbeitet jetzt auch mit der Nationalmannschaft, hat Eindrücke von anderen, herausragenden Trainern und Spielern. Man muss dann nicht zwangsläufig besser werden, wenn man aber so strukturiert und intelligent ist wie Jonas, dann ist das keine Überraschung. Beeindruckend, dass er immer wichtiger wird. Es ist nicht sein Naturell, aber er übernimmt auch immer mehr Verantwortung für die Mannschaft.

Nach dem letzten Spiel gegen Leverkusen haben Sie gesagt, in einer Zeit, in der alle zwei Wochen ein Trainer entlassen wird, sind Sie froh, dass Sie im Januar wieder nach Köln kommen dürfen. Ist der Druck wahnsinnig groß?

Stöger: Das kann jeder Trainer einordnen. Wir haben alle Visionen, aber wissen, dass die nach fünf verlorenen Spielen keinen mehr interessieren. Auf allen Positionen in den Clubs sitzen Menschen. Deswegen ist es klar, dass unter Druck auch Entscheidungen getroffen werden müssen. Auch das verstehe ich.

Verbraucht sich ein Trainer? Haben Sie schon erlebt, dass ihnen einer so richtig auf die Nerven gegangen ist?

Stöger:
In meiner Karriere sind Trainer nie wirklich lange geblieben (lacht), niemand jedenfalls so lange, wie ich jetzt in Köln bin. Herbert Prohaska war drei Spielzeiten dabei, ich bin mit ihm super ausgekommen, wir haben in der Zeit aber auch fast alles gewonnen. Klar kann man sich abnutzen, aber ich empfinde das hier bei uns überhaupt nicht so. Früher war die Fluktuation der Spieler nicht so groß, da war die Gefahr größer. Jetzt gibt es ständig Erneuerung und damit frischen Wind. Und die Jungs, die da bleiben, die bleiben ja im Kern, weil das auch miteinander funktioniert.

Bekommen Sie selbst keine Angebote oder sprechen sie nur nie darüber?

Stöger: Wissen Sie: Ich nehme wahr, dass mir eine gewisse Wertschätzung entgegen gebracht wird. Es wird vielleicht der ein oder andere darüber nachdenken. Warum es trotzdem nicht zum Angebot kommt? Weil alle wahrscheinlich wissen, dass das kein Thema ist und ich richtig gerne hier bin. Ich kann aber auch falsch liegen, und keiner denkt über mich nach (lacht).

48 Teams bei einer Weltmeisterschaft. Zu viel? Oder für Österreich genau richtig?

Stöger: Es ist dann wohl nur ein Europäer mehr und zwei mehr in der Quali, also für Österreich spielt das nicht so eine große Rolle. Die Frage ist, wo spielt man ein solches Turnier? Die Kombination Österreich/Schweiz als Gastgeber fällt dann schon mal weg. Die Frage ist auch: Wieviel bist du dann unterwegs bei so einem Turnier? Und bei drei Gruppenspielen gibt es ein letztes, bei dem jeder weiß, wie es ausgehen muss.

Wie 1982 beim Nichtangriffspakt von Gijon beim 1:0 zwischen Deutschland und Österreich. Ein Ergebnis, mit dem beide Teams weiterkamen.


Stöger: Wobei das ja nicht abgesprochen war (lacht).

Natürlich.

Stöger: Ich bin jetzt 50 und habe noch Europameisterschaften mit acht Mannschaften gesehen. Jetzt haben wir 48 bei einer WM. Das finde ich eher schwierig.

Die Branche wird immer größer, in Leverkusen hat jetzt Roger Schmidt einen Trainer-Manager. Eine logische Weiterentwicklung?

Stöger: Vielleicht haben in fünf Jahren viele diese Position besetzt, man weiß es nicht. Wir hier sind gefühlt relativ schlank strukturiert - und es funktioniert. Jeder hat seine Wertigkeit und ausreichend zu tun.

Sie spielen auch noch nicht europäisch.


Stöger: Die Trainerarbeit bleibt immer die gleiche. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn ich drei oder vier Assistenten hätte. Ich hätte das Gefühl, dass ich dann kurzfristig überfordert wäre, weil ich nicht genau wüsste, was jeder machen soll. Die Mitarbeiter brauchen das Gefühl, dass sie Entscheidungsprozesse beeinflussen können. Wenn du international spielst, kommt auf viele Menschen im Club mehr Arbeit zu, aber nicht auf die Trainer.

Was muss in den kommenden Monaten passieren, damit Sie im Sommer glücklich sind?

Stöger: Wir sind aufgestiegen, waren dann Zwölfter, darauf Neunter, die beste Platzierung seit 24 Jahren. Jetzt sind wir gefühlt immer unter den Top Ten. Wenn wir dann Zehnter werden, werden sicher viele enttäuscht sein. Wir wollen verteidigen, was wir haben. Wir wissen aber auch, wer hinter uns ist. Ich wäre am Saisonende glücklich, wenn wir alles abgerufen hätten und wir als Trainerteam nicht so wahnsinnig viele Fehler gemacht hätten, die den Verein viele Punkte gekostet haben. Klar, dass Europa die ganze Stadt glücklich machen würde. Wir würden sicher auch teilnehmen. Aber wir haben in den ersten drei Wochen fünf Spiele, vier davon auswärts: Mainz, Darmstadt, Wolfsburg zuhause, dann Pokal in Hamburg, dann in Freiburg. Wenn wir danach noch dabei sind, können wir mal weiterschauen.

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