Einschätzung
Jürgen Klopp gibt Einblick in sein Innenleben. Foto: Kevin Kurek

Jürgen Klopp gibt Einblick in sein Innenleben. Foto: Kevin Kurek

dpa

Jürgen Klopp gibt Einblick in sein Innenleben. Foto: Kevin Kurek

La Manga (dpa) - Die Hinrunde in der Bundesliga-Saison war für Borussia Dortmund ernüchternd. Trainer Jürgen Klopp hat nicht nur das Verletzungspech und der vierte Rang zugesetzt, sondern auch die öffentliche Wahrnehmung.

Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa erklärte der 46-Jährige, dass er über sich nachgedacht habe. Und er zeigte sich überzeugt, dass sein Team angreifen wird.

Frage: Jürgen Klopp, sind Sie durch die wenig erfreuliche Schlussphase in der Hinrunde dünnhäutiger geworden?

Klopp: Dass ich wie jeder Mensch nach Niederlagen ein bisschen schlechter drauf bin als nach Siegen, liegt in der Natur der Sache. Ich fand mich aber nicht dünnhäutig. Aufgrund unterschiedlichster Dinge, die passiert sind, hatte ich mein Verständnis für die Medienschaffenden anscheinend mal abgelegt und war sehr direkt. Ich habe darüber nachgedacht. Jetzt ist alles wieder gut. Wir sind erholt und wieder bereit.

Frage: Mussten Sie Ihre Mannschaft in dieser Phase anders anfassen?

Klopp: Nein, viele Dinge, die passiert sind, konnte man der Mannschaft nicht in die Schuhe schieben. Das einzige, was man erwarten darf im Fußball, ist Einsatz. Und den habe ich gesehen. Wir hatten Verletzungsprobleme. Dadurch ist uns während der Saison eine komplette Achse weggebrochen. Was natürliche Abläufe angeht, ist das in diesem Drei-Tage-Rhythmus nicht aufzufangen und zu trainieren. Aber ohne sieben Spieler aus dem letztjährigen Champions-League-Halbfinale ziehen nicht viele Mannschaften wieder ins Achtelfinale ein. Das ist eine tolle Leistung. Und dennoch hängen die negativen Ergebnisse nach. Das soll nur Ansporn sein für den Rest der Saison.

Frage: Welche Ziele haben Sie?

Klopp: Wenn wir am Saisonende Zweiter werden sollten, hole ich mir einen Lastwagen, fahr durch den Garten und freu mich. Was den DFB-Pokal angeht, gibt es keine Limits. In der Champions League sind wir nicht gerade der Titelfavorit, aber das waren wir letztes Jahr auch nicht und sind trotzdem ins Finale gerutscht. Da würden wir uns auch ungern limitieren. Ich wünsche mir, dass Ende Mai alle BVB-Fans mit einem Strahlen auf die Saison zurückblicken.

Frage: Die Konkurrenz in der Bundesliga ist groß, Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach stehen vor Dortmund.

Klopp: Platz zwei in der Liga ist superschwer. Wir sind nun wieder in der Rolle des Jägers und gehen vollgeladen in die Rückrunde. Leverkusen hat uns im Nacken, Gladbach auch. Wenn die Bayern sich im Training nicht gegenseitig über den Haufen laufen, kann die wohl keiner mehr holen.

Frage: Wie kann man eine Mannschaft motivieren, wenn sie weiß, dass es nur noch um Platz zwei in der Bundesliga geht?

Klopp: Wie könnte ein Mensch sich hinstellen und sagen: Für Platz zwei bin ich nicht bereit, etwas zu investieren. Das empfinde ich als dämlich. Das zeigt aber, dass so ein Gefühl in der öffentlichen Diskussion manchmal vermittelt wird. Als wenn Platz zwei nichts ist, bloß weil man mal Erster war.

Frage: Aber es ist doch eine Frage des gestiegenen Erwartungsdrucks, oder nicht?

Klopp: Nein, das ist eine Frage der gestiegenen Erwartungshaltung. Wenn man Bayern München nimmt, muss man fragen: Wer kann denn überhaupt Meister werden, wenn man mit ihnen in der gleichen Liga spielt? Da gibt es nicht viele, die diese Qualität haben. Wer war denn wie wir schon zweimal Meister in Folge? Nicht viele Mannschaften. Wir haben die Bayern mit unseren Titeln bis zur Weißglut gereizt, und sie haben mit allem zurückgeschossen, mit dem man zurückschießen kann.

Frage: Aber man wird doch an dem gemessen, was man erreicht hat. Im Fall von Borussia Dortmund sind es nun mal Titel.

Klopp: Ich war jetzt zweimal Meister und hätte früher nie gedacht, dass ich es überhaupt mal werde. Wenn man im Champions-League-Finale war, ist es möglich, dass der Wunsch, es wieder zu schaffen, größer als vorher ist. Aber Menschen, die sich so eingebracht haben, dorthin zu kommen, dann zu unterstellen, dass sie einen Gang zurückschalten, wenn sie es nicht erneut schaffen können, das ist unredlich. Das Problem hatten wir nicht ein einziges Mal.

Frage: Wie kann man mit Bayern München wieder auf Augenhöhe agieren?

Klopp: In einem Spiel können wir das schaffen. Aber die Bayern haben die allergrößten Möglichkeiten auf das zu reagieren, was im Fußball passieren kann. Es ist eine Topmannschaft mit einer Breite, die ihresgleichen auf diesem Planeten sucht. Das macht es für alle Mannschaften, die mit ihr im ständigen Wettbewerb stehen, so schwer. Für Mannschaften, die nur ein- oder zweimal im Jahr auf sie treffen, hat das keine Relevanz. Wir messen uns die ganze Zeit mit ihnen. Diesen Wettkampf kann man auf Dauer nicht gewinnen.

Frage: Offenbar auch nicht auf dem Transfermarkt. Aber aufgrund der Erfolge muss Dortmund mehr investieren, um Robert Lewandowskis Abgang nach München zu kompensieren. Wie schwer wird das?

Klopp: Personal zu finden, ist immer schwer und für den BVB sicher auch nicht leichter geworden. Dass wir ein paar gute Transfers in den vergangenen Jahren gemacht haben, ist offenkundig. Wenn wir jetzt irgendwo ankommen, wird nicht nur der Spieler teurer, sondern auch die Interessenten-Gruppe, die wir hinterher ziehen, größer. Aber wir werden etwas finden.

Frage: Zlatan Ibrahimovic hatte sich scherzhaft auf der Weltfußballer-Wahl ins Gespräch gebracht...

Klopp: Ich mag ihn, ich mag seine Extravaganzen, er ist ein überragender Fußballer. Es gibt allerdings gar keine Chance, dass wir so einen Spieler mal verpflichten. Aber er hat mir stellvertretend für alle hier in Dortmund gesagt, dass es ihm Spaß macht, uns Fußball spielen zu sehen. Es gab Jahre, da wusste er wahrscheinlich gar nicht, dass es in Dortmund einen Fußball-Verein gibt. Jetzt weiß er das, und er findet ihn auch noch cool. Damit ist alles gesagt.

Zur Person: Jürgen Klopp ist 46 Jahre alt und seit dem 1. Juli 2008 Trainer des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund. In seiner Zeit beim Revierclub gewann der einstige Coach des FSV Mainz 05 zwei deutsche Meisterschaften (2011 und 2012), den DFB-Pokal (2012) und stand mit seinem Team in der vorigen Saison im Finale der Champions League. Derzeit rangiert der BVB in der Bundesliga auf Rang vier.

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