Karl-Heinz Rummenigge (l) und Uli Hoeneß haben die Fäden beim FC Bayern München in der Hand. Foto: Roberto Tedeschi
Karl-Heinz Rummenigge (l) und Uli Hoeneß haben die Fäden beim FC Bayern München in der Hand. Foto: Roberto Tedeschi

Karl-Heinz Rummenigge (l) und Uli Hoeneß haben die Fäden beim FC Bayern München in der Hand. Foto: Roberto Tedeschi

dpa

Karl-Heinz Rummenigge (l) und Uli Hoeneß haben die Fäden beim FC Bayern München in der Hand. Foto: Roberto Tedeschi

München (dpa) - Er ist der Mr. FC Bayern: Uli Hoeneß. Am 5. Januar feiert der Präsident des deutschen Fußball-Rekordmeisters seinen 60. Geburtstag. Zur Jahreswende steht sein Verein blendend da - jetzt sollen im neuen Jahr auch Titel her.

Haben Sie Vorsätze oder Ziele für 2012?

Uli Hoeneß: «Vorsätze habe ich immer, fünf oder zehn Kilo abzunehmen, aber das ist an Silvester immer so. Manchmal klappt's, dann nicht. Die beste Therapie für mich wäre stressfrei zu sein. Wenn die Mannschaft gut spielt, habe ich gute Chancen.»

Die Mannschaft hat Ihnen zuletzt sehr viel Freude gemacht, so kann es doch weitergehen, oder?

Hoeneß: «Es hat selten ein Jahr gegeben, wo wir so rundum zufrieden sein konnten, es ist ja alles unvorstellbar, wenn man das Gesamtbild anschaut. Es geht ja nicht nur um die Herbstmeisterschaft und Champions League, sondern auch um die wirtschaftliche Situation, es ist Ruhe im Verein, kein Krach, kein Streit, es gibt keine großen Konflikte. Wenn Sie mal die Welt anschauen, Syrien, in Ägypten geht es wieder los, in den Parteien jeder gegen jeden, die Grünen gegen die Roten, aber auch die FDP in sich, CDU/CSU Gott sei Dank nicht im Moment, ist mein Geheimrezept für alles Erfolgreiche: sich einig sein, alle Konflikte intern lösen. Anders geht es nicht.»

Das ist der große Unterschied zum Vorjahr?

Hoeneß: «Wir haben keine Reibungsverluste innerhalb des Clubs, wir können draußen angreifen. Wir haben hier drin oft genug Sitzungen gehabt, die waren boring, würde der Engländer sagen. Die kosten zu viel Kraft.»

Das war beim Ex-Trainer Louis van Gaal auch ein bisschen so, oder?

Hoeneß: «Ich will jetzt das Thema van Gaal beenden. Es war einfach nie das, was wir uns vorgestellt haben. Fachlich brauchen wir nicht diskutieren, das war okay. Aber du darfst heutzutage keine Reibungsverluste haben. Es gehört nicht nur fachliche Kompetenz dazu, sondern auch menschliche.»

Wenn alles so rund läuft in diesem Jahr, kann es ja nur in dem einem oder anderen Titel enden.

Hoeneß: «Ja, aber man darf nicht vergessen, draußen gibt es auch andere gute Mannschaften. Und unsere Gegner, in Deutschland sind es Dortmund, Schalke und Gladbach, die haben den Vorteil, sie haben gar keinen Europapokal mehr. Okay, Schalke spielt Europa League, aber die haben die Champions League nicht mehr. In der Champions League wollen wir weit kommen. Dort ist Real Weltklasse dieses Jahr, Barcelona sowieso, dann kommt vielleicht noch der eine oder andere Engländer. Auch die Italiener darf man nie unterschätzen.»

Und dann der FC Bayern, der Ihnen in dieser Serie viel Freude gemacht hat. Zum Beispiel mit vielen Siegen in Serie...

Hoeneß: «Was ich besonders genossen habe, waren diese vier, fünf Heimspiele, wo wir Fußball zelebriert haben. Wir hatten es ja oft in den letzten Jahren: 1:0 geführt, gezittert, mit Mühe und Not das zweite gemacht, und dann irgendwann vielleicht 2:1 gewonnen. Aber diesmal waren da Spiele bei, ich denke an Hertha, Freiburg, Hamburg. Da war nach einer halben, dreiviertel Stunde alles gegessen. Dann sitzt du ja ganz anders da oben, dann genießt du, dann kannst du in der Halbzeit mal einen Glühwein trinken, wenn es kalt ist, oder einen Apfelstrudel essen.»

Über was redet man da oben eigentlich?

Hoeneß: «Ich sage ja während des Spiels gar nichts (schmunzelt). Der Karl-Heinz (Rummenigge) spricht ja immer. Der muss immer aufpassen, dass er nicht zu viel spricht.»

Wer ist da oben der Ruhigste? Wer der Impulsivste?

Hoeneß: «Karl Hopfner ist natürlich der allerruhigste von uns allen. Aber ich bin auch ruhig - im Gegensatz zu Karl-Heinz bin ich ein Lamm! Aber weil wir beide immer so ruhig sind, schaut Karl-Heinz uns oft an und sagt: War ich jetzt wieder zu weit?»

Ist es oben auf der Tribüne eigentlich schöner als auf der Bank?

Hoeneß: «Auf der Bank ist es natürlich intensiver. Oben bist du noch ohnmächtiger, da bist du fast schon im Himmel. Beides hat seine Vorteile. Es ist eine neue Zeit. Da unten war es natürlich Adrenalin pur, wenn du noch den Linienrichter beschimpfen konntest und dem Schiedsrichter auf dem Weg in die Kabine sagen konntest: Was sie heute wieder pfeifen, das geht ja gar nicht!»

Haben Sie einen Spieler des Jahres ausgemacht?

Hoeneß: «Ich hätte schon den einen oder anderen, aber ich möchte ihn eigentlich nicht nennen, weil man damit die anderen ein wenig abwertet. Wenn ich jetzt jemanden nenne, das ist halt leider so, dann geht vielleicht jemand anderes zu ihm hin und sagt: Hat der Hoeneß was gegen dich? Du hast doch eine Super-Saison gespielt! Deswegen lass ich es.»

Aber der Spieler käme schon vom FC Bayern.

Hoeneß: «Was mich jetzt wieder gewundert hat: Dortmund wird deutscher Meister, fliegt in der Champions League in hohem Bogen raus - wird aber Mannschaft des Jahres. Ein Jahr vorher wurden wir deutscher Meister, Pokalsieger, waren im Champions-League-Finale, wurden aber nicht Mannschaft des Jahres. Also da wundert man sich manchmal schon. Die Relation ist manchmal schon komisch.»

Sind Ihnen diese Auszeichnungen noch wichtig?

Hoeneß: «Absolut. Das macht mir keine schlaflosen Nächte, aber ich finde immer, so eine Geschichte ist eine Frage des Respekts. Und da hat der FC Bayern naturgemäß ein Problem. Weil es immer noch gewisse Leute gibt, die einen Neidkomplex haben. Die glauben immer noch, wir haben von irgendeiner reichen Tante in Amerika geerbt oder irgendwann im Lotto gewonnen. Aber das war bei uns nicht so. Wir haben uns dieses Geld hart erarbeitet. Ich möchte nur daran erinnern: Als ich nach München kam 1970, war der Nummer-Eins-Verein: 1860! Und als die Bundesliga gegründet wurde, war 60 drin und Bayern nicht. Wir haben uns das alles hart erarbeitet.»

Blickt man auf das Jahr 2011 zurück, war der Vorfall um Babak Rafati ein Thema. Man hatte nach Robert Enke gesagt, dass sich in der Liga moralisch etwas ändern muss. Ist etwas passiert oder kann nie etwas passieren?

Hoeneß: «Ich möchte zu diesem Thema eigentlich keine Vorwürfe machen, aber wenn man welche machen kann, dann muss man sie den Medien machen. Wenn jemand dazu beiträgt, diese Dinge zu transportieren, dann sind es die Medien. Mal weg von Rafati: Als ich für René Obermann (Telekomchef) in Berlin eine Laudatio halten sollte, waren natürlich 1000 Leute und 50 Journalisten da. Auf dem roten Teppich haben mich zehn Leute hintereinander gefragt, wie ich die Italien-Griechenland-Krise lösen würde? Ich habe gesagt: "Ich bin nicht der Messias, aber ich würde Ihnen allen verbieten, drei Monate über das Thema zu schreiben." Das ist das Problem, diese Medienberieselung, dieses nicht mehr entkommen, das macht die Leute krank. Ganz abgesehen davon, würde ich nie eine Rubrik "Der schlechteste Schiedsrichter" erlauben.»

Es gibt aber auch den schlechtesten Spieler beziehungsweise die Enttäuschung des Jahres. Muss man sich dem nicht stellen?

Hoeneß: «Der Spieler kann sich wehren, der Schiedsrichter nicht. Die Schiedsrichter sind in einem anderen Spannungsfeld als die Spieler. Wenn ein Spieler einen schlechten Tag hat, können dir die anderen zehn Spieler helfen. Wenn du ein Eigentor machst, kannst du trotzdem 2:1 gewinnen.»

Auch wenn Sie so über den Ist-Zustand des FC Bayern schwärmen - in der Nachwuchsabteilung könnte es besser laufen.

Hoeneß: «Christian Nerlinger wird in den nächsten Wochen noch einige persönliche Gespräche führen müssen und dann das Konzept erläutern. Er hat es dem Vorstand und dem Aufsichtsrat vorgestellt und es ist gut aufgenommen worden. Eine gewisse Struktur gibt es ja schon mit (Jörg) Butt, (Michael) Tarnat und (Mehmet) Scholl. Was (Andries) Jonker macht, ist noch nicht klar. Es kann nicht sein, dass wir so dastehen, wie wir dastehen - das ist nicht so, wie wir uns das bei Bayern vorstellen.»

Im internationalen Vergleich ist der FC Barcelona mit La Masia sicherlich ein Vorzeigemodell. Ist das auch Ihre Vision?

Hoeneß: «Wir müssen uns in dieser Beziehung nicht verstecken. Wir haben in den letzten Jahren hervorragende Ergebnisse erzielt. Jetzt haben wir mal eine kleine Delle, die ich für möglich halte, aber nicht für dramatisch. Wir müssen jetzt nicht den ganzen Verein verändern, sondern nur ein paar Stellschrauben. Der Weg ist angedeutet, mehr auf europäische, mehr auf deutsche und ganz speziell auf bayerische Spieler zu setzen.»

Wird durch die Verpflichtung deutscher und bayerischer Spieler die Identifikation zum FC Bayern stärker gewichtet? Stichwort Barcelona.

Hoeneß: «Die Medien in Spanien haben das gut ausgearbeitet, aber schauen Sie sich unsere aktuelle Mannschaft an: Schweinsteiger, Lahm, Müller, Badstuber, Kroos, Alaba und der Kraft in Berlin. Da brauchen wir uns nicht verstecken. Es wird nur über Barcelona und ihre Nachwuchsarbeit gesprochen. So schlecht sind wir nicht.»

Es gibt eine neue Generation der Ex-Bayern-Spieler, die in die Verantwortung rücken: Früher Hoeneß und Rummenigge. Jetzt Butt, Scholl, Nerlinger.

Hoeneß: «Das ist genau in meinem Sinne. Ehemalige Leute holen und einbauen, die prädestiniert für diese Aufgabe sind, ist bayern-like! Die Identifikation der Fans mit diesen Leuten ist höher, als wenn du einen aus Wanne-Eickel holst.»

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