Zweckoptimist
Hertha-Trainer Otto Rehhagel gab zuletzt Durchhalteparolen von sich. Foto: Sebastian Kahnert

Hertha-Trainer Otto Rehhagel gab zuletzt Durchhalteparolen von sich. Foto: Sebastian Kahnert

dpa

Hertha-Trainer Otto Rehhagel gab zuletzt Durchhalteparolen von sich. Foto: Sebastian Kahnert

Berlin (dpa) - Bei seiner vermutlich letzten Trainerstation steht Altmeister Otto Rehhagel vor einer der größten Pleiten. In Berlin war der Meistercoach im Februar mit viel Brimborium angetreten, um Hertha vor dem Absturz zu bewahren.

Das Gastspiel am Samstag auf Schalke könnte nun den Gang in die Zweitklassigkeit besiegeln. Impulse für ein verunsichertes Team, Tricks und Kniffe aus Rehhagels jahrzehntelanger Erfahrung und nicht zuletzt den Überraschungseffekt: All das hatte sich Hertha durch den Coup erhofft - bislang vergebens.

Mittlerweile sind nur noch Durchhalteparolen zu hören. «Wir haben noch zwei Spiele und stehen zwei Punkte hinter dem Relegationsplatz», sagte Rehhagel in dieser Woche. «Solange es rechnerisch möglich ist, bleiben wir natürlich am Ball.» Ähnliche Formulierungen hatte er nach allen zehn Partien auf der Bank des Berliner Fußball-Bundesligisten parat. Sechsmal musste er Niederlagen erklären, unter anderem die Klatschen in Augsburg (0:3) und die Heimblamagen gegen Bayern München (0:6), Wolfsburg (1:4), Freiburg (1:2) und Kaiserslautern (1:2).

Ob sich der frühere Titelsammler mit dem Engagement in der Hauptstadt einen Gefallen getan hat, wurde immer mehr die zentrale Frage. Eine Antwort hatte er selbst eigentlich schon bei seiner Präsentation vorweggenommen. «Ich habe nichts zu verlieren», verkündete Rehhagel - nach absoluter Identifikation mit einem Club in der Krise klang das nicht. Als Prämie für den Klassenverbleib sollten offenbar 250 000 Euro winken.

Vielmehr übte Rehhagel immer wieder leise Kritik an Personal und Zusammensetzung des Kaders. «Wir müssen mit den Spielern auskommen, die wir haben», sagte der 73-Jährige regelmäßig. «Uns fehlen die erfahrenen Leute im Kampf gegen den Abstieg», betonte er jüngst.

Dass zu allem Überfluss auch noch viele Verletzungen dazukamen, passt in die glücklose Hertha-Rückrunde. «So etwas habe ich noch nicht erlebt», sagte Rehhagel. Gegen Kaiserslautern fehlte fast die komplette Stammabwehr, in Gelsenkirchen hofft Hertha nun auf Blitz-Comebacks der Verteidiger Christoph Janker und Roman Hubnik.

Im Kurz-Trainingslager in Castrop-Rauxel versuchte der Coach in dieser Woche noch einmal, letzte Kräfte für den Liga-Endspurt zu mobilisieren. Abgeschottet von den Medien sollten Mannschaft und Betreuer noch einmal enger zusammenrücken, am Donnerstagabend saßen alle zusammen in Bochum im Kino. Auf dem Programm: American Pie 4. Lacher und Klamauk gegen die sich sportlich anbahnende Tragödie.

Es liegt nicht mehr nur an der Hertha, den unmittelbaren Absturz nach dem Erstliga-Aufstieg 2011 zu vermeiden. Wenn die Konkurrenten aus Köln und Augsburg selbst punkten, nützen Hertha womöglich sogar zwei Siege nicht. Ironischerweise hatte sich Rehhagel in den gut zwei Monaten seiner Zeit bei Hertha stets dagegen gesträubt, in der Tabelle den Blick auf die Liga-Rivalen zu richten. Nur Hertha, «das ist mein Thema», betonte er immer wieder. Inzwischen haben es Rehhagel und seine Spieler nicht mehr selbst in der Hand.

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