Der langjährige Bundesliga-Manager Heribert Bruchhagen sieht keine Gefahren für den Profifußball-Boom. Vor seinem Debüt als neuer Sky-Experte spricht er über die kommende Saison 2016/2017, Fernsehgelder und das "Bruchhagen-Modell" der Verteilung.

Erstmals seit fast 30 Jahren beginnt eine Bundesliga-Saison, ohne dass Sie Verantwortung haben. Wie fühlt sich das an?

Als Manager eines Bundesligisten – wie übrigens auch in vielen anderen Berufen mit Führungsaufgaben – weiß man, wenn der Tag beginnt, dass man Entscheidungen treffen muss, die oft auch unangenehm sein können. Es ist einfach schön, dass ich morgens nach dem Aufwachen nur die Frage beantworten muss: Wie viele Brötchen und welche Zeitung holst du jetzt? Damit sind die Probleme des Tages erstmal erledigt, und das empfinde ich durchaus als Befreiung – zumindest im Moment.

Als 1963 die Bundesliga begann...

...war ich mit einigen Spielern der Schülermannschaft der TSG Harsewinkel in Münster. Die Preußen spielten gegen den HSV, das Stadion an der Hammer Straße war total überfüllt. Die Ordner hatten uns in den Innenraum gelassen, wir standen direkt an der Eckfahne. Der Eckball des HSV, der zum Ausgleich durch Charly Dörfel führte, wurde quasi vor meiner Nase getreten. Von dieser Faszination für den Fußball und speziell für die Bundesliga bin ich nie losgekommen.

Gehen Sie mit dem Gefühl in den Ruhestand, dass es gut bestellt ist um die Liga?

Ja. Gut, wir haben vier Wettbewerbe innerhalb der Bundesliga: In dem einen geht es um die Meisterschaft, im zweiten um die weiteren Champions League-Plätze, im dritten um die Europa League und schließlich um den Klassenerhalt. Bedauerlich ist allerdings, dass der erste der vier Wettbewerbe entfällt. Die Bayern dominieren die Liga stärker als je zuvor und werden das erneut tun. Das ist schade.

Langeweile an der Spitze – kann man da wirklich sagen, dass alles in Ordnung ist?

Die Menschen irren sich ja nicht. Wenn wir bei Eintracht Frankfurt einen Zuschauerschnitt von 48000 haben, obwohl wir nun wirklich keine grandiose Saison gespielt haben, dann muss schon wesentlich mehr in Ordnung sein als schief läuft. Es ist alles perfekt organisiert, die Menschen wollen zum Fußball, mehr denn je. Sie wollen teilhaben an dem Erlebnis, viele kommen nicht als Fachleute. Ein Beispiel: Wir lagen gegen den FC Ingolstadt zur Pause 0:1 hinten, und in der Kurve wurde gesungen - wohlgemerkt in unserer. Bernd Hölzenbein, die Eintracht-Legende schüttelte fassungslos den Kopf und sagte zu mir: „Wenn es bei uns zur Halbzeit 0:0 stand, dann gab es von 15000 Zuschauern ein gewaltiges Pfeifkonzert.“

Und was ist, wenn Teile dieses Eventpublikums, das keine echte Bindung zum Kern Fußball hat, sich einem anderen Erlebnis zuwenden?

Die Menschen suchen nach Identifikation, nach Gemeinschaftserlebnissen. Die finden sie nicht mehr in den kleinen Vereinen um die Ecke, nicht mehr bei den Pfadfindern – nein, sie finden dieses Gefühl, wenn sie samstags ihr Trikot anziehen und ihrem Verein folgen. Da holen sie sich das Wir-Gefühl, das man auch nicht mehr automatisch am Arbeitsplatz oder in der Familie bekommt. Nein, ich sehe beim schlechtesten Willen keine dunklen Wolken über dem Profifußball.

Aber Sie haben schon vor Jahren davor gewarnt, dass sich immer öfter die Geldrangliste in der Tabelle niederschlägt.

Ja, das stimmt, und es bestätigt sich ja auch. Aber dieses Handicap der Vorhersehbarkeit des sportlichen Wettbewerb schlägt sich ja in keiner Weise nieder, die Menschen kommen mehr denn je, die TV-Rechte kosten 1,18 Milliarden pro Saison statt 670 Millionen. Kein Sender will die Bundesliga verlieren. Offenbar ist diese Vorhersehbarkeit nur ein Scheinproblem.

So ähnlich wie bei der EM in Frankreich, als die Experten das aufgeblähte Teilnehmerfeld und die Folgen kritisierten...

...aber die Stadien – übrigens trotz horrender Eintrittspreise – voll waren und die Einschaltquoten im Fernsehen rekordverdächtig. Richtig, das ist dasselbe Phänomen.

Schwächen nicht die gigantischen Ablösesummen und die immer weiter steigenden Gehälter den Bezug des Publikums zum Fußball? Das schreckt doch viele Menschen ab.

Aber nicht die, die ins Stadion gehen oder das Sky-Abo haben. 1978 holte der 1. FC Köln einen belgischen Stürmer namens Roger van Gool und war damit der erste Bundesligist, der eine Million DM Ablöse für einen Spieler zahlte. Es gab einen Aufschrei quer durch die Republik, selbst die Kölner Spieler haben sich aufgeregt, die Kritiker schüttelten den Kopf und schrieben „Wahnsinn! So geht der Fußball kaputt.“ Und? Was ist passiert? Nichts ist passiert, außer dass die Zahlen explodiert sind.

Und das ist keine Gefahr?

Das Geld ist im Markt, in den Sponsoren und Investoren geradezu drängen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann Investoren auch in der Bundesliga tätig werden. Die 50:1-Regel, die ja geschaffen wurde, um zu verhindern, dass ein einzelner Investor den Kurs des Vereins bestimmt, wird in absehbarer Zeit fallen, davon bin ich überzeugt. Ich würde das nicht befürworten, aber die Schranke ist doch eigentlich schon längst hoch gefahren – denken Sie an Bayer, an Wolfsburg, an Hoffenheim; jetzt kommt Leipzig. Auf der anderen Seite: Soll man dem HSV einen Vorwurf machen, weil er die Millionen von Herrn Kühne in die Mannschaft investieren kann? Im Gegenteil: Erst Investitionen, die von außen zufließen, verbessern die Chancen eines Vereins.

 Reichen die Fernsehgelder denn immer noch nicht aus?

Nein, denn wenn alle mehr bekommen, verändern sich nicht die die Chancen des eigenen Clubs im Wettbewerb. Wer ganz hoch will, muss deutlich mehr investieren als seine unmittelbare Konkurrenz. Mich hat ein Frankfurter Bankenchef mal gefragt: Wieviel Geld brauchen wir, um die Eintracht so richtig voranzubringen bis in die Champions League? Ich habe geantwortet: 100 Millionen Euro – mal fünf, also fünf Jahre lang in jeder Saison einen Zuschuss von 100 Millionen. Dann kann man zumindest halbwegs planen, dann kann man oben angreifen, allerdings nicht ganz oben, nicht die Bayern. Die können auf einen solchen Angriff reagieren, auch wenn sie mal – wie gegen Dortmund – ein Rennen verlieren. Danach haben sie dann aber erst recht die Muskeln spielen lassen...

Aber es geht den Menschen nicht nur um Geld, sondern um Emotionen und Bindungen. Es bleiben doch Werte auf der Strecke, wenn Spieler in immer höheren Frequenzen wechseln und Trainer ihren Club nur als Sprosse auf der Karriereleiter sehen. Und fast immer folgen sie dem Ruf des Geldes.

Ihre Frage geht ja wieder zielsicher in die Richtung, dass die Bundesliga durch diesen Trend Schaden nimmt. Diese Fragen habe ich mir schon vor Jahren gestellt, und nach allen Erfahrungen, die ich gemacht habe, heißt meine Antwort ganz schlicht: Nein. Der Profifußball kann sich offenbar absurde Auswüchse leisten. In Anlehnung an eine berühmte Wortschöpfung aus Bochum könnte man sagen: Der Fußball ist unkaputtbar.

Der Fußball war seit Einführung der Bundesliga schon immer die Nummer 1 in Deutschland, aber noch nie so dominant wie heute: TV-Gelder, Sponsoring, Zuschauer, Medien-Präsenz – da bleiben für andere Sportarten nur noch Brosamen.

Das wäre ja pharisäerhaft, wenn ich auf diesen Zug aufspringen würde! Natürlich faszinieren mich auch andere Sportarten, ich begeistere mich für Olympia. Aber der Fußball hat mein Leben geprägt, er hat mir Wohlstand und Anerkennung gebracht. Da soll ausgerechnet ich jetzt diese Entwicklung beklagen? Sicher, wir müssen auf der Hut sein, dass wir nicht alles erdrücken. Denn wer alles gewinnt, kann auch viel verlieren. Aber noch einmal: Ich sehe nichts am Horizont, das dieses Geschäft bedroht.

Kann der Fußball helfen? Was können andere Verbände vom Fußball lernen?

Das ist doch nicht die Sache des Fußballs! Wenn die ARD sich entschließt, keine Handball-Bundesliga mehr zu zeigen oder keine Basketball-Bundesliga, keine Leichtathletik, kein Turnen und kein Tischtennis, dann kann doch der Fußball nichts dafür! Vom Endspiel um die deutsche Tischtennis-Meisterschaft sehen wir in der Sportschau den Matchball, 18 Sekunden, fertig. Und dienstags zeigt Sport1 lieber Oberhausen gegen Wattenscheid aus der vierten Fußballliga anstatt THW Kiel gegen Flensburg. Ich weiß, dass es so ist, aber ich werde das jetzt hier nicht beklagen. Das müssen andere tun, da müssen sie andere befragen. Ich werde nicht über eine Entwicklung jammern, zu der ich als kleines Rädchen in einem großen Getriebe beigetragen habe.

Jetzt sagen Sie nicht noch, dass Sie die Entwicklung bei der Verteilung der Fernsehgelder begrüßen.

Darüber wird der Ligavorstand erst noch entscheiden, dem ich seit dem 1. Juli 2015 nicht mehr angehöre. Deshalb werde ich mich in dieser Frage nicht mehr positionieren, sondern sie höchstens problematisieren. Ich sympathisiere mit der Position, dass das Geld nicht nur analog zum sportlichen Ranking verteilt wird, sondern auch Faktoren wie Reichweite, Zuschaueraufkommen auch bei Auswärtsspielen und Beliebtheit berücksichtigt werden. Dass mir die Spreizung bei der Verteilung innerhalb der Bundesliga schon bisher zu groß war, ist kein Geheimnis.

Sie sind doch völlig unabhängig jetzt. Wie sähe denn das Bruchhagen-Modell der Verteilung aus?

Ich bin nicht mehr im Ligavorstand, ich bin nicht mehr im Amt. Deshalb werde ich ganz sicher keine Lösungen nennen, das gebietet der Anstand und der Respekt vor den handelnden Personen. Als ich mich in Berlin für den Ehrenpreis des Ligaverbandes bedankt habe, erzählte ich von einem Traum, den ich kürzlich hatte: Darin hat die Liga beschlossen, die TV-Gelder in umgekehrter Rangfolge zu verteilen: Die letzten bekamen das meiste, die ersten das wenigste Geld. Meine Frage am Ende: War das jetzt ein Wunschtraum oder ein Alptraum?

An diesem Samstag beginnt für Sie beim Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen der neue Job. Was hat Sie an dem Angebot von Sky gereizt?

Mich interessiert die Bundesliga nach wie vor, und ein bisschen Eitelkeit ist auch im Spiel, davon kann man sich als Bundesliga-Fuzzi nicht frei machen. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als ich angesprochen wurde. Ich werde Dietmar Hamann an dem Vierer-Tisch beim Topspiel am Samstag ablösen, dort sitze ich zusammen mit Lothar Matthäus, Christoph Metzelder und Sebastian Hellmann.

Das schütteln Sie doch als einer der begabtesten Rhetoriker der Bundesliga aus dem Ärmel.

Mag sein, dass ich mich einigermaßen unfallfrei artikulieren kann und vor Kameras keine Angst habe. Aber ich werde mich auf jedes Spiel intensiv vorbereiten, mich vor allem mit den neuen Spielern beschäftigen und mit den taktischen Veränderungen in den Mannschaften.

Sie sind bekannt für ihre spitze Zunge und haben sich nie um unbequeme Meinungen herumgedrückt. Wird das so bleiben?

Selbstverständlich. Anders würde ich es nicht machen, und Sky würde es anders auch nicht wollen. Ich werde aber nicht den Holzhammer mitbringen, das war noch nie meine Art. Manchmal ist es ganz gut, wenn man sich etwas sybillinisch ausdrückt – da darf sich der Zuschauer ruhig mal fragen: Wie hat er das denn jetzt gemeint?

Mainstream hat Ihnen noch nie gelegen, stimmt´s?

Richtig. Meine Erfahrung aus dem Dasein als Bundesliga-Manager: Wenn du in schwierigen Fragen gegen die Meinung des Mainstreams, gegen die Meinung des Aufsichtsrates, gegen die Tendenzen der Internet-Foren und auch gegen die Meinung der Journalisten entscheidest, dann liegst du viel öfter richtig als falsch.

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