Buchautor und Fußball-Experte Christoph Biermann über die stark zunehmende Bedeutung des Fußballs. Und was das mit dem Ruhrgebiet zu tun hat.

2007: Schalker Fans nach der Niederlage in Dortmund, die den Weg zum Titel versperrt hat.
2007: Schalker Fans nach der Niederlage in Dortmund, die den Weg zum Titel versperrt hat.

2007: Schalker Fans nach der Niederlage in Dortmund, die den Weg zum Titel versperrt hat.

Autor Christoph Biermann über sein neues Buch "Wenn wir vom Fußball träumen."

UweSpeck, Bild 1 von 2

2007: Schalker Fans nach der Niederlage in Dortmund, die den Weg zum Titel versperrt hat.

Düsseldorf. Christoph Biermann beschreibt in seinem Buch „Wenn wir vom Fußball träumen“, wie der Fußball zu der großen Erzählung wurde, die kaum jemanden kalt lässt. „Weil es nicht nur um Fußball geht. Sondern darum, wie wir leben wollen“, sagt er. Zeit, mit ihm zu sprechen.

Herr Biermann, wieso haben Sie dieses Buch geschrieben?

Christoph Biermann: Ich wollte wissen, wieso der Fußball so wichtig geworden ist und so omnipräsent ist. Ich hatte das Gefühl, dass ich das am besten über das Ruhrgebiet erzählen kann, weil ich glaube, dass hier der Fußball am meisten gelebt wird.

Jürgen Klopp sagt im Gespräch mit Ihnen in dem Buch, es gehe darum, jetzt Geschichten zu schaffen, über die man Jahrzehnte später noch reden kann. Haben Sie eine solche Lieblingsgeschichte?

Biermann: Das sind so viele. Ich war als Kind beim Spiel Bochum gegen Bayern, dieses berühmte 5:6, als Bochum 4:0 geführt hatte. Ich war auch im Stadion, als Schalke 2001 nicht Meister geworden ist. Und als Dortmund zum ersten Mal nach ewigen Zeiten wieder den Titel gewonnen hat. Damals bin ich zu Fuß zum Dortmunder Bahnhof gegangen. An der Möllerbrücke im Kreuzviertel standen Menschen auf der Brücke und sangen: „Möller-Brücke, Möller-Brücke, hey, hey.“ Ein Wahnsinn.

1962 geboren in Krefeld und aufgewachsen in Herne, ist einer der bekanntesten deutschen Sportjournalisten und Fußball-Buchautoren.

„Wenn wir vom Fußball träumen – eine Heimreise“, KiWi-Verlag, 256 Seiten, 18,99 Euro.

Sind Sie ein Fußball-Romantiker?

Biermann: Das würde ich nicht sagen. Aber es gibt in meiner Art, Fußball zu gucken, sicher auch eine sentimentale Seite. Aber Nostalgiker bin ich nicht. Fußball ist in vielerlei Hinsicht auch besser geworden.

Inwiefern?

Biermann: In der Art und Weise wie das Spiel gespielt wird. Und: In den 70er bis hinein in die 90er Jahre hat es wie selbstverständlich Gewalt im Fußball gegeben. Wie wenig Platz für Frauen und Minderheiten im Stadion war. Da wünsche ich mir tatsächlich nicht die alten Zeiten zurück.

Sie sprechen in dem Buch viel mit den Marketingstrategen der Vereine. Ist die Suche nach der Identität eines Clubs, die inzwischen jeder anstrengt, nicht letztlich nur ein Mittel zum Zweck der Profitmaximierung und der Bindung an den Verein?

Biermann: Das ist doppeldeutig und nicht einfach zu beantworten. Der Markus Rejek hat mir in Dortmund die Marketing-Bibel gezeigt. Er hat den Begriff des ,Prosumenten’ geprägt. Das heißt: Der Fußball-Konsument ist nicht nur Kunde, er gestaltet das Ereignis mit. Mit allem, was an die Vereine an Wünschen herangetragen wird. Dem muss man Rechnung tragen. Und das lässt sich nicht steuern. Rejek nennt das „Marketing unter Kontrollverlust“. Ein Dietrich Mateschitz kann sich zwar ausdenken, was Red Bull für ein Produkt ist. Aber das lässt sich so nicht auf den Fußball übertragen.

Wird Red Bull mit seinem Projekt deshalb in Leipzig scheitern?

Biermann: Ich unterscheide ja zwischen Fußball-Freunden und Fußball-Fans. Freunde sind jene, die vielleicht mal bei einem Großereignis wie einer WM dazu kommen. In Leipzig passiert das gerade ähnlich. Lokomotive und Chemie Leipzig haben sich selbst zerstört, Red Bull bietet nun die Plattform, dort Fußball zu erleben, nach dem die Menschen gieren. Jetzt ist die Frage, ob man das dort als cleanes Marketingereignis über die Runden bekommt. Spannend.

Alle Vereine geben sich bestimmte Slogans. „Wahre Liebe“ in Dortmund. „Wir leben Dich“ auf Schalke. Sind die nicht austauschbar?

Biermann: Natürlich sind die schon teilweise austauschbar. Und besonders ist jener des MSV Duisburg: „Leben, Liebe, Leidenschaft.“ Der ist tatsächlich allen Vereinen zuzuordnen. Was sagt das über Duisburg?

Inwiefern sind für diese Sehnsuchtserfüllung Typen vonnöten. Sie sprechen im Buch mit Jürgen Klopp, Peter Neururer oder Joachim Hopp.

Biermann: Ich habe eine relativ klare Vorstellung davon, wie die Spieler des VfL Bochum sind - ohne mit denen geredet zu haben. Wir gehen nicht mehr in eine Kneipe und fragen Hans Tilkowski, wie er das Spiel gesehen hat. Wir kennen die Spieler heute nicht mehr. Trotzdem sehen wir sie regelmäßig. Wie sie spielen. Da entdecken wir verträumte Dribbler oder wortkarge Innenverteidiger, die nichts als ihren Job machen. Das ist der Reiz des Fußballs generell: dass man sich in Leuten wiederfindet. Und Eigenschaften wiederentdeckt, wie bei Charakteren im Film. Die man grundsätzlich mag. Oder die einen schon immer gestört haben.

Sie schreiben in einem Kapitel über Mario Götzes Wechsel nach München, junge Spieler wie Götze, Draxler oder Goretzka hätten es besonders schwer. Warum?

Biermann: Viele Spieler wechseln beliebig hin und her. So fällt es schwer, sich an ihnen festzuhalten. Diese jungen Spieler, die durch die Leistungszentren in Vielzahl auch sportlich gut und damit wichtig sind, haben eine Doppelbedeutung: als gute Spieler eben und als Träger der Identität des Vereins. Einer wie Draxler kapiert Schalke, der kommt aus einer Schalker Familie. Der weiß, was die Leute da wollen. Deshalb wird er für die Fans auch immer eine besondere Rolle spielen. Im Umkehrschluss ist die Enttäuschung, wenn einer wie Mario Götze Dortmund verlässt, tausendmal größer als beim Abgang von Robert Lewandowski. Der ist ein toller Spieler, aber eben auch einer von vielen Legionären, die kommen und gehen. Das weiß man vorher.

„Pöhlen ist der Anfang“, sagt Klopp. Er hat, heißt es im Buch, den „Malocherfußball auf den neuesten Stand gebracht“.

Biermann: Wir haben ja im Ruhrgebiet die komische Obsession mit dem Malochen auf dem Platz. Das hat mich immer schon gestört. Der Sprechchor müsste doch heißen: Wir wollen Euch spielen sehen! Was Dortmund und der Spitzenfußball allgemein machen, das sollte mit dem ursprünglichen, begeisterten Pöhlen nicht mehr zu tun haben. Das ist eine High-End-Veranstaltung. Aus dem Geiste dieses Wilden, dieses Intensiven etwas zu gestalten, das ist Dortmund unter Klopp gelungen. Und das finden im Ruhrgebiet und in der ganzen Welt Leute super. Viele Schalke-Fans sagen heute hinter vorgehaltener Hand, dass sie es super fänden, wenn Klopp bei ihnen wäre.

Im Fall von Schalke heißt es, der Club sei verliebt in sein Scheitern.

Biermann: Es ist natürlich inzwischen Scheitern auf hohem Niveau, zugegeben. Das war auch mal anders: In den 80er Jahren waren sie mal fünf Zentimeter von der 3. Liga entfernt. In Köln heißt es: Et hät noch immer jot jejange. Auf Schalke: Das wird am Ende doch wieder nix. Das steckt tief im Club, spätestens seit den verpassten Titeln 2001 und 2007. Dieser Grunddefätismus steht dem ungeheuren Enthusiasmus entgegen. Das passt zum Ruhrgebiet. Aufgrund vieler Erfahrungen von Niedergang und Strukturwandel gibt es hier nicht den großen, nach vorn gewandten Zukunftsoptimismus.

In Dortmund heißt es: „Wir sind auch Pott, aber nicht nur Pott!“

Biermann: Schalke spielt diese Ruhrgebietskarte am härtesten. Und es ist richtig, dass Dortmund sagt: Wir müssen nicht noch in diesen und jenen Schacht einfahren, um uns als Ruhrgebietsclub zu positionieren. Dortmund bekommt diesen Dreh hin, modern und zukunftsgewandt zu sein. Und der BVB wirkt – warum eigentlich? – sehr viel internationaler als Schalke, obwohl sie auch dort nicht nur zwischen Gelsenkirchen und Bottrop unterwegs sind.

Gibt es diese speziellen Momente, die Ihre Träume vom Fußball genährt haben?

Biermann: 1997 etwa, als in den Stadien gegen den Rückgang der Kohle-Subventionierung demonstriert wurde. Oder vergangene Saison, am ersten Spieltag: Duisburg gegen Heidenheim, dritte Liga. Der Verein war total am Ende, und plötzlich haben die Fans das Gefühl: Hey, wir werden hier wieder gebraucht. Wie glücklich die Leute waren! Anderes Beispiel: Dienstag um 20.45 Uhr spielt Dortmund gegen Real Madrid in der Champions League. Um 19 Uhr davor trifft RW Essen auf den MSV Duisburg im Halbfinale des Niederrhein-Pokals. Und das Stadion ist ausverkauft. Duisburg siegt im Elfmeterschießen, und die Fans singen: Champions League kann jeder, scheiß auf erste Liga, Niederrhein-Pokalsieger - MSV! Das ist doch großartig.

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