Enthüllungsjournalist Thomas Kistner prophezeit dem Profifußball den nächsten Skandal – diesmal wegen Dopings.

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Thomas Kistner: Im Fußball gehört Doping zum Alltag – und das seit Jahrzehnten. (Archivfoto)

Thomas Kistner: Im Fußball gehört Doping zum Alltag – und das seit Jahrzehnten. (Archivfoto)

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Thomas Kistner: Im Fußball gehört Doping zum Alltag – und das seit Jahrzehnten. (Archivfoto)

Ingolstadt. Doping im Radsport? Klar. In der Leichtathletik? Sicher. Im Skilanglauf? Längst bewiesen. Erstaunlich ruhig ist es dagegen um den Profifußball, wenn dieses Thema zur Sprache kommt: Seit rund zehn Jahren sind keine Dopingfälle mehr publik geworden. „Und das Beste: Seit es sauber ist, wird dieses Spiel immer athletischer und spektakulärer“, schreibt Thomas Kistner voll beißender Ironie in seinem kürzlich erschienenen Buch „Schuss: Die geheime Doping-Geschichte des Fußballs“.

Keine Fälle, kein Doping? Dieses Bild, das der Fußball so gerne zeichnet, ist eine Fälschung. Kistner hat unzählige Indizien, Aussagen, positive Fälle und Merkwürdigkeiten aus der ganzen Fußballwelt zusammengetragen – in der Summe ergeben die ein erschreckendes Bild.

Der Journalist enthüllt die Wagenburg-Mentalität der Branche, zitiert entlarvende Studien und lässt Doping-Experten zu Wort kommen. Die Summe seiner Enthüllungen lässt nur einen Schluss zu: Im Fußball, der reichsten aller Sportarten, gehört Doping zum Alltag – und das seit Jahrzehnten.

Herr Kistner, können Sie ein Champions-League-Spiel eigentlich noch genießen, ohne sich zu fragen, ob die Profis möglicherweise gedopt sind?

Thomas Kistner:
Ich bin selber immer Fußballer gewesen und trainiere heute noch eine Jugendmannschaft. Ich habe gelernt, einen Trennstrich zwischen dem Fußball und dem Geschäft mit dem Fußball zu ziehen. Das Buch beschäftigt sich mit dem Geschäft. Je höher man kommt, umso geschäftiger wird es. Es wird nicht rund um die Uhr gedopt, auch im Fußball nicht, sondern punktuell, vor großen Spielen. Das ist bei der Tour de France im Radsport nicht anders. Es ist relativ einfach, das mit einem kritischen Auge zu sehen, denn es gibt natürlich merkwürdige Spiele. Da kommt man ins Grübeln. Da denke ich mir schon: Was ist da los?

Ein häufig gehörter Satz lautet: Doping im Fußball bringt nichts, denn Technik kann man nicht dopen. Warum ist das Unsinn?

Kistner:
Dass das Unsinn ist, würde jeder Wissenschaftler unterschreiben. Auch jeder Mensch, der halbwegs bewandert ist und nicht in Vereinsbettwäsche schläft. Im Fußball gibt es so viele ausschlaggebende Faktoren wie Ausdauer, Sprintstärke, Schnellkraft. Schauen Sie Christiano Ronaldo an, was der für ein Modellathlet ist. Früher hieß es sogar, dass Muskeln schaden. Das ist reiner Blödsinn. Man braucht all diese Fähigkeiten. Wer sagt, dass es nur darauf ankommt, wie man den Ball behandelt, der hat gar keine Ahnung vom Sport. Einer der am Ball alles kann, aber die athletischen Fähigkeiten nicht mitbringt, eignet sich nur zum Pausenclown.

Thomas Kistner (57) ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Der gebürtige Karlsruher hat sich mit verschiedenen Veröffentlichungen, vor allem zu Korruption und Doping im Sport, einen Namen gemacht. Der Spiegel nannte ihn einmal das „schlechte Gewissen des deutschen Sportjournalismus“. 2008 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Sein bislang bekanntestes Buch erschien 2012: „Fifa-Mafia: Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball“.

Sie führen zahlreiche Beispiele an, dass Doping im Fußball seit Jahrzehnten dazugehört. Schon bei den deutschen WM-Helden von Bern 1954 wurden Spritzen in der Kabine gefunden. Warum fliegen vergleichsweise wenige Kicker auf?

Kistner:
Der Fußball ist ein prosperierendes Wirtschaftssystem, das sich ausschließlich auf dem Faktor Muskelkraft aufbaut. Dazu bewegt es sich in einem rechtsfreien Raum, weil es sich selbst kontrolliert. Da ist klar, dass Tür und Tor für den Missbrauch offen sind und dass es nie zu irgendwelchen Fällen kommen kann. Wer ist nach den nationalen Anti-Doping-Regularien des Fußballs die Instanz, die Dopingfälle bekannt geben müsste? Das sind die Verbände und Vereine, und die wären schön bescheuert, wenn sie sich ihre Geschäftsgrundlage entziehen. Der Fußball ist die einzige Sportart weltweit – von den amerikanischen Franchise-Ligen abgesehen –, die zum einen reicher ist als alle olympischen Sportarten zusammen und zum anderen autark ist. Der Fußball erlaubt es sich, die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada bei seinen Veranstaltungen außen vor zu lassen. Bei der WM beispielsweise.

Das Internationale Olympische Komitee hat dem Fußball deswegen sogar mit dem Olympia-Aus gedroht. Passiert ist natürlich nichts. Ist der Fußball zu mächtig?

Kistner: Auf jeden Fall zu mächtig, als dass er kontrolliert werden könnte. Das Problem, auch in den korrupten Bereichen von Wirtschaft oder Politik, ist stets die mangelnde externe Kontrolle. Selbstkontrolle wird nie funktionieren. Das ist absurd, aber im Sport ist das der Fall. Ein solches System taugt und reizt zur Manipulation.

Es ist aber nicht nur der Fußball, der kein Interesse an Aufklärung und einem wirkungsvollen Anti-Doping-Programm hat. Als der Dopingarzt Fuentes in Madrid vor Gericht stand und anbot, alle Namen seiner Kunden zu nennen – darunter mutmaßlich Fußballer –, winkte die Richterin eilig ab.

Kistner:
Man will es sich nicht mit den Dingen verscherzen, an denen sich das Volk berauscht. Die Justiz wird gesteuert von der Politik. Auch in Spanien. Wie groß die Verstrickungen der Regierungen in die Schweinereien des Spitzensports sind, beginnt sich jetzt gerade mehr und mehr zu zeigen. Wir haben beispielsweise die Doping-Affäre in der Leichtathletik, wo es offenbar im Austausch zu vertuschten Fällen millionenschwere Wahlkampfhilfen für Afrika gab. Aber wir werden auch in Deutschland fündig, wo ein mit den Spitzen der politischen Führung im Aufsichtsrat höchstkarätig besetztes WM-Organisationskomitee offensichtlich Schmiergeld ausgegeben hat, das falsch deklariert worden ist.

Schafft es der Fußball auch weiterhin, seine Dopingsysteme unter der Decke zu halten?

Kistner: Er kann es nicht schaffen. Das ist wie mit der Leichtathletik oder der Radsportszene, wo Systemdoping betrieben wird. Wenn man an der Schmerzgrenze operiert, geht man irgendwann auch mal drüber. Weil man sich unangreifbar fühlt, wenn man Rückendeckung von Politik und Justiz verspürt.

Wann ist es so weit?

Kistner: Der Fußball ist in den vergangenen zehn Jahren extrem viel schneller und athletischer geworden. Und bis vor zehn Jahren wurde kräftig gedopt, das ist belegt. Legen wir die Steigerung der vergangenen zehn Jahre für die weitere Entwicklung zugrunde, laufen die Spieler in zehn Jahren 16, 17 Kilometer pro Spiel. Und wir reden von Sprints. Wir sehen Teams wie Barcelona oder Bayern, die ihren Gegnern die Luft abschnüren, weil sie neben klasse Spielern auch eine unglaubliche Power haben. Wir sehen, dass es im Fußball von Wunderheilungen nur so wimmelt. Wir sehen die Leute nach der Karriere, die mit erheblichen Langzeitfolgen wie Alkohol, Depressionen und so weiter kämpfen. Da ist für mich völlig klar, dass diese Chose gegen die Wand geht. Wenn nicht heute, dann eben morgen.

Bayern-Trainer Pep Guardiola ist während seiner Spielerkarriere im Jahr 2001 mit Nandrolon aufgeflogen. Ist es denkbar, dass für so jemanden Doping zum Fußball dazugehört?

Kistner: Das kann sich jeder selber erklären. Ich finde bemerkenswert, dass Guardiola bei Bayern häufig Probleme mit der medizinischen Abteilung hatte. Mit Müller-Wohlfahrt und jetzt auch mit dessen Nachfolger. Das kennzeichnet meiner Meinung nach seine Zeit in München. Das zeigt mir, dass der Mann sehr interessiert ist an den Dingen, die im Körper der Profis vorgehen.

Ist aus Ihrer Sicht ein WM- oder Champions-League-Sieg ohne Doping überhaupt möglich?

Kistner: Schwer zu sagen. Bei einer WM kann ich mir vorstellen, dass es sich rentiert, etwas zu machen. Die Dopingkontrollen bei der WM sind so aufgestellt, dass gar nichts passieren kann. Nehmen Sie das Turnier in Brasilien 2014: Allein die zeitlichen Abläufe waren so, dass man einen positiven Befund erst nach dem nächsten Spiel gehabt hätte. Was ausschließt, dass es einen positiven Fall geben kann. Ein Beispiel: Wenn es beim Viertelfinale der Deutschen gegen Frankreich einen Dopingfall gegeben hätte, wäre das frühestens vor dem Finale gegen Argentinien bekannt gewesen. Was macht die Fifa, die als Einzige erfährt, dass es einen positiven Befund gibt? Deutschland ausschließen, Brasilien das Halbfinale gegen Frankreich noch mal spielen lassen und das Finale um ein paar Tage verschieben? Wie lächerlich ist das?

Ziemlich. Der Fall würde wohl kaum öffentlich werden. Könnte das Labor ihn nicht aufdecken?

Kistner: Das Labor darf es nicht bekannt geben, weil es sonst vertragsbrüchig würde. Es würde um viele Millionen verklagt werden. Und es könnte den Fall niemals beweisen, weil es nur eine codierte Probe hat, aber keinen Namen. Selbst wenn jemand, dem alles egal wäre, einen Fall öffentlich machen würde, würde sich immer noch der dritte Ersatztorhüter von El Salvador finden, der dieses schwere Los auf sich nehmen würde. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, würden das vielleicht sogar Sie oder ich machen (lacht).

Bei einer Überweisung von ein paar Millionen auf mein Konto würde ich mir das überlegen.

Kistner: Zum Beispiel. Der Fußball hat eine dermaßene Bringschuld, was die Glaubwürdigkeit angeht, dass eines allein nicht ausreicht: Einfach nur zu behaupten, dass die eigenen Tests nicht positiv sind.

Genau das macht er aber.

Kistner: Ja klar. Solange das funktioniert, haben wir dieses Problem. Das ist so, als würden wir das Finanzamt abschaffen und jeder würde von seinem Bruder oder Sohn geprüft. Dann habe ich Einnahmen von zehn Euro im vergangenen Jahr. Davon führe ich 4,80 Euro Steuern ans Finanzamt ab. Das ist dann der negative Dopingbefund, den ich nach draußen gebe. Seht her, alles sauber geprüft und bezahlt! Das ist das System.

Die Fans haben offenbar kein so großes Problem mit der Glaubwürdigkeit des Fußballs, denn der boomt nach wie vor. Sei es in der Bundesliga oder inter national. Lässt sich der Fan gerne für dumm verkaufen?

Kistner: Wir reden über einen Unterhaltungsbereich. Da tut’s zunächst mal nicht weh, wenn beschissen wird. Bevor sich die Fans abwenden, wollen sie Beweise auf dem Tisch haben. Da zählt nicht die Logik, sondern ein konkreter Fall. Dann gerät ganz viel in die Schieflage. Das macht es der Branche so einfach. Es wird in der Ersten Bundesliga keinen verkündeten Dopingfall geben. Es gibt eine Reihe von verpassten Tests, und zwar bei höchstklassigen Spielern. Aber dann kommt der Anwalt und verhandelt. Und es geht viel Zeit ins Land. Dieses Netz, wenn man es denn so bezeichnen will, hat Lücken, die sind größer als ein Fußballstadion. Da muss man schon vorsätzlich dämlich sein, um erwischt zu werden.

Was fordern Sie?

Kistner: Man weiß, wann getestet wird, nämlich nach dem Spiel. Die Dinge, um die es heute geht, finden Sie aber nicht nach dem Spiel im Körper. Das Anti-Doping-System ist eine Farce. Man bräuchte Whistleblower, Ärzte, Physios, die man umdrehen und für die Fahnderseite gewinnen kann. Wenn ich das nicht schaffe, werde ich nie wissen, was in der Szene virulent ist.

Hilft das Anti-Doping-Gesetz, das ab Januar in Deutschland gilt und Haftstrafen für Betrüger vorsieht?

Kistner: Nein. Das ist guter Wille, der damit demonstriert wird. Aber es hapert schon daran, dass Ärzte nicht von ihrer Schweigepflicht entbunden werden dürfen. Für Profisportler, die ihre Körperleistung verkaufen, darf die aber nicht gelten. Wenn einer eine Geschlechtskrankheit hat, geht das keinen etwas an. Aber was mit seinem Körper leistungsmäßig geschieht, muss offengelegt werden. Solange ich die Ärzte nicht knacken kann, drehe ich mich im Kreis.

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