Berti Vogts feiert am Freitag seinen 70. Geburtstag. Ein Fußball-Leben zwischen viel Glück und ein bisschen Verdruss.

Berti Vogts 1977 im Trikot von Borussia Mönchengladbach.
Berti Vogts 1977 im Trikot von Borussia Mönchengladbach.

Berti Vogts 1977 im Trikot von Borussia Mönchengladbach.

HansDietrichKaiser

Berti Vogts 1977 im Trikot von Borussia Mönchengladbach.

Mönchengladbach. Einige Male hat er dann doch zu oft verbal abgeledert gegen seine Borussia, als dass man die einst begründete innige Zuneigung noch als Liebe ohne Verschleiß bezeichnen könnte. Das Ticket im Borussia Park kaufe er stets selbst, hat Berti Vogts vor fünf Jahren in einem Interview zu seinem 65. Geburtstag betont. „Dann brauche ich mich bei Präsident Königs nicht zu bedanken.“

Und dass Sportdirektor Max Eberl und eben jener noch immer amtierende Präsident den Gladbacher Aufschwung angeblich für sich proklamierten, das ging Vogts damals auch gehörig gegen den Strich. Das sei ja nun „allein Lucien Favre“ zu verdanken. Vogts hat seine Meinung über Eberl längst korrigiert, Freunde werden sie trotzdem kaum mehr, seit dieses alte Zitat im Raum steht. Vogts hatte über den jungen Sportdirektor Eberl gesagt: „Er weiß ja gar nicht, wie er in diese Position gekommen ist. Wahrscheinlich ist er zufällig mit dem Fahrrad vorbeigefahren.“ Ein Eigentor.

So etwas bleibt stehen. Vogts hat sich dieses mediale Spiel gegen jeden Mainstream der Branche ein bisschen zu oft gegönnt. Da klang schon mal Neid durch und auch Groll, hier und dort nicht berücksichtigt worden zu sein. Aber diese Anschauung von Berti Vogts als Opfer seiner Eigendarstellung über die Medien ist ja auch extrem ungerecht. Da war ja noch viel mehr.

Denn eigentlich ist Hans-Hubert Vogts, genannt Berti, ein ausgesprochener Glücksfall für den deutschen Fußball. Wenn auch einer, von dessen Wirken oft andere stark und er selbst wenig profitiert haben. Vogts kam 1965 vom VfR Büttgen für 28 000 Mark zum Aufsteiger VfL Borussia. Und dann gab er den Abwehrrecken, den Wadenbeißer, den Führungsspieler, den Allesgeber. 504 Pflichtspiele lang, gewann fünf deutsche Meistertitel, den DFB-Pokal und zwei Uefa-Cup-Siege, ehe er 1979 aufhörte.

Und auf den letzten Metern davor seiner strauchelnden Borussia nach schwerer Fußverletzung – erlitten im Pokalspiel in Wuppertal – noch nebenbei die Liga erhielt. Ein Fußballer-Leben lang Borussia – was hätte daraus alles entstehen können zwischen diesem Verein und ihm, dem Welt- (1974) und Europameister (1976). Aber es kam anders.

Als Vogts 1990 deutscher Fußball-Bundestrainer wurde, beerbte er Franz Beckenbauer, der gerade über römischen Rasen eine Goldmedaille als Weltmeister spazieren trug. Was an sich schon keine gute Voraussetzung ist, eine strahlende Ära einzuleiten, wenn sie ja nun gerade erst vorbei gegangen war. Vogts arbeitete dagegen lange an, in Bescheidenheit und Fleiß, später auch mit Trotz.

Beckenbauer war lästiger Schatten und Vogts zu lange damit beschäftigt, sich hineinzufinden in das Blitzlicht-Leben eines Bundestrainers. „Ich bin keine Lichtgestalt wie der Franz“, sagte Vogts dazu: „Wenn der in ein Zimmer kommt, geht das Licht von selbst an. Ich muss immer erst den Schalter suchen.“ So reihte sich ein Bonmot der sympathischen Selbstverzwergung – passend dazu machte Vogts auch mal TV-Werbung für Fruchtzwerge - an das andere, alles Perlen der Fußball-Geschichte. Kostprobe: „Wenn ich über das Wasser laufe, sagen die Leute: Der kann ja nicht mal schwimmen.“

Dass das Denkmal Beckenbauer inzwischen längst bröckelt und Vogts noch immer mitmischt im Fußballgeschäft, das ist die andere Seite. Ehrlich währt am längsten – vielleicht fasst dieses Wort Vogts’ Leben ganz gut. Ehrlichkeit trug ihm mal Hochachtung, mal Verachtung zu, machte aber aus ihm, was Vogts heute bilanziert: Auf der Habenseite sieht es nicht so schlecht aus beim Kicker mit Herz, der „dem Fußball alles zu verdanken hat“.

Nach dem frühen Tod der Eltern war Vogts als Waise aufgewachsen, lernte noch Werkzeugmacher, bevor er am Bökelberg durchstartete und von dort eine Karriere begründete, die bunt geriet für einen bodenständigen Menschen: Nach dem DFB geriet das Abenteuer Bayer Leverkusen zur Kurzstation.

Als der Plan von Reiner Calmund dort schief ging, lag die Zukunft des so genannten „Terriers aus Korschenbroich“ im Ausland: Kuwait, Schottland, Nigeria, Aserbaidschan. Immer etwas exotisch und meistens ganz viel Entwicklungshilfe. Vogts liegt das ja durchaus, Strukturen zu ändern, beim DFB hat er da viel Pionierarbeit geleistet, aber wenn es dann doch nicht so recht voran ging in diesen Ländern, dann hatte auch Vogts die Nase voll. „Das sind Bedingungen, über die Joachim Löw nur lachen könnte. So kann es nicht weitergehen“, sagte er 2014 – und floh aus Aserbaidschan.

Gerade erst hat er seinen Berater-Dienst für den US-Fußball eingestellt. „Ich kann doch nicht mehr weiter arbeiten, wenn sie Jürgen entlassen haben“, erzählt Vogts. Jürgen Klinsmann ist eine Konstante in Vogts’ Leben. Der blonde Stürmer begegnete Vogts schon zu Nachwuchszeiten, wurde 1990 Weltmeister, als Vogts Beckenbauers Assistent war. Und zusammen waren sie 1996 Europameister: Vogts Nationaltrainer, Klinsmann Stürmer.

Als Klinsmann 2004 Teamchef beim DFB wurde, wollte er Vogts als Technischen Direktor zurückholen. Daraus geworden ist nichts, weil der DFB nicht erkennen wollte, dass Vogts als Teil der zu bewältigenden Vergangenheit auch Teil der verheißungsvollen Zukunft sein könnte. Fünf Monate schwelte das Thema, dann sagte Vogts ab – und der DFB atmete auf. Der Neuaufbruch des deutschen Fußballs begann ohne ihn.

Ohne jenen Vogts, der schon Mitte der 90er Jahre dem damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun schon Konzepte über Nachwuchsstützpunkte des DFB vorgelegt hat, als damit noch niemand etwas anfangen wollte. Heute gibt es davon mehr als 300.

In dem Hotel Traube Tonbach in Baiersbronn begeht Vogts – nach Herzklappen-OP 2015 wieder fit – am Freitag seinen 70. Geburtstag. Traditionell macht er das dort, Sohn Justin wird dabei sein, der Feuerwehrmann in Rheydt ist. Ändern wird Vogts diese Tradition wohl nicht mehr. Ein bisschen bodenständig muss schon noch sein. In seinem Leben nach Mönchengladbach hat sich ja auch wahrlich genug geändert.

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