Berlin (dpa) - Seit Anfang 2009 ermittelt die Staatsanwaltschaft Bochum gegen eine international agierende Bande. Sie soll Sportler, Trainer und Schiedsrichter bestochen haben, um Fußballspiele zu beeinflussen.

Als nächster Profi gab nun der frühere St.-Pauli- Stürmer René Schnitzler seine Verwicklung in den Skandal zu. Eine Chronologie:

19. November 2009: Einrichtungen im In- und Ausland werden durchsucht. Unter den 15 Verdächtigen ist Ante S. Er war als mutmaßlicher Drahtzieher des Manipulationsskandals um Schiedsrichter Robert Hoyzer 2005 zu einer Haftstrafe verurteilt worden. In der Schweiz gibt es zwei Festnahmen.

20. November 2009: Rund 200 Spiele stehen unter Manipulationsverdacht, es gibt mehr als 200 Tatverdächtige.

23. November 2009: Die italienische Polizei nimmt den Präsidenten des Fußballclubs Potenza SC, Giuseppe Postiglione, und acht weitere Personen fest. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und Wettbetrug vor. In der Schweiz ist nach dem Zweitligisten FC Thun der Zweitligist FC Gossau betroffen. Er hat seinen Mittelfeldspieler Mario Bigoni suspendiert.

24. November 2009: Der Viertligist SC Verl gibt die Suspendierung von zwei Spielern bekannt.

25. November 2009: Am Sitz der Europäischen Fußball-Union (UEFA) in Nyon (Schweiz) kommen Vertreter von neun betroffenen Länder, darunter Deutschland, zu einem Krisentreffen zusammen. Vereine aus mindestens elf Ländern sind im Visier der Ermittler.

26. November 2009: Nach Angaben eines Anwalts sollen Mannschaftsärzte und Köche von Luxushotels angewiesen worden sein, einzelne Spieler zu vergiften, damit diese für einzelne Partien ausfallen.

27. November 2009: Der SSV Ulm hat sich von drei Spielern getrennt.

30. November 2009: Der Drittligist SV Sandhausen entlässt Profi Marcel Schuon fristlos. Dieser klagt dagegen. Die UEFA suspendiert den ukrainischen Referee Oleg Orijechow.

2. Dezember 2009: Sechstligist FC Gütersloh hat einen Spieler freigestellt, der Geschäftsführer in einem Wettbüro ist.

3. Dezember 2009: Polens ehemalige Chefschiedsrichter, Jerzy G., hat Bestechlichkeit zugegeben.

22. Dezember 2009: Der DFB verhängt eine Schutzsperre gegen den unter Manipulationsverdacht stehenden Zweitliga-Referee Cetin Sevinc. Er weist die Vorwürfe zurück.

24. März 2010: Die türkische Polizei hat wegen manipulierter Fußballspiele 31 weitere Verdächtige festgenommen. Im Februar waren in der Türkei bereits 77 Verdächtige festgenommen worden.

25. Mai 2010: Der DFB hat vier Spieler für sechs, acht und 14 Monate «wegen unsportlichen Verhaltens» gesperrt.

14. Juli 2010: Die Staatsanwaltschaft Bochum ermittelt inzwischen gegen mehr als 250 Verdächtige. Betroffen sind etwa 270 Spiele, davon 74 in der Türkei und 53 in Deutschland.

25. August 2010: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen zwei Männer. Sie wirft ihnen gewerbs- und bandenmäßigen Betrug in 16 beziehungsweise 22 Fällen vor. In Deutschland sitzen acht Tatverdächtige in Untersuchungshaft.

30. August 2010: Das DFB-Sportgericht hat Schuon für 33 Monate gesperrt. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der Spieler sich gegenüber einem Wettbüro-Inhaber bereiterklärt hatte, Ergebnisse der Meisterschaftsspiele der 2. Bundesliga zu beeinflussen.

3. September 2010: Gegen zwei weitere inhaftierte Personen wird Anklage erhoben. Ihnen wird gewerbs- und bandenmäßiger Betrug in fünf beziehungsweise neun Fällen zur Last gelegt.

6. Oktober 2010: Prozessauftakt. Die Staatsanwaltschaft wirft den vier Angeklagten vor, Spieler gekauft und Fußballergebnisse manipuliert zu haben. Betroffen sind Partien von der A-Jugend bis zur Europa-League.

17. November 2010: Es wird bekannt, dass den Hauptangeklagten Nürettin G. und Tuna A. zwischen fünf und acht Jahre Haft drohen. Diese Zahlen sollen Gericht und Staatsanwaltschaft im Vorfeld des Prozesses genannt haben.

25. November 2010: Der Angeklagte Nürettin G. legt als erster der vier Angeklagten ein Geständnis ab. Den bestochenen Spielern seien genaue Anweisungen gegeben worden. Besonders Thomas Cichon, Ex-Profi des VfL Osnabrück, wird schwer belastet.

10. Dezember 2010: Der Wettskandal erreicht die UEFA. Die Richter geben bekannt, dass auch ein Schiedsrichter-Obmann des europäischen Fußballverbandes 50 000 Euro erhalten haben soll, damit er sich für die Höhergruppierung eines gekauften bosnischen Referees einsetzt.

13. Dezember 2010: Der Angeklagte Tuna A. erklärt, dass ein unbestechlicher Torwart des NRW-Regionalligisten SC Verl in einer Disko außer gefecht gesetzt werden sollte. Dadurch sollte erreicht werden, dass ein korrupter Ersatzmann zwischen den Pfosten steht. Alternativ sei auch über Gift gesprochen worden.

14. Dezember 2010: Nach 13-monatiger Untersuchungshaft kommen die Hauptangeklagten Nürettin G. und Tuna A. auf freien Fuß. Beide haben eine Kaution von 20 000 Euro hinterlegt.

15. Dezember 2010: Der noch nicht angeklagte «Wettpate» Marijo C. erklärt im Zeugenstand, dass auch das WM-Qualifikationsspiel zwischen Liechtenstein und Finnland manipuliert worden sei. Die Wettbetrüger wollen den Schiedsrichter bestochen haben.

20. Dezember 2010: Staatsanwalt Andreas Bachmann gibt bekannt, dass inzwischen 312 Fußballspiele unter Manipulationsverdacht stehen. Selbst A-Junioren seien von der Wettmafia mit mehreren tausend Euro bezahlt worden. In Kristian S. kommt der dritte Angeklagte auf freien Fuß.

4. Januar 2011: Der frühere St.-Pauli-Stürmer René Schnitzler gibt im Magazin «Stern» zu, 100 000 Euro von einem Wettpaten aus den Niederlanden erhalten zu haben. Er bestreitet jedoch die Manipulation von fünf Spielen im Jahr 2008.

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