Spieler stürmen in Düsseldorf die Kabine des Gegners. Für Fan-Forscher ist der Sport die Bühne sozialer Konflikte.

wza_1500x1287_598193.jpeg
Bei Konflikten im Fuball wird meist zuerst nach der Polizei gerufen.

Bei Konflikten im Fuball wird meist zuerst nach der Polizei gerufen.

Christof Wolff

Bei Konflikten im Fuball wird meist zuerst nach der Polizei gerufen.

Düsseldorf. Trainer Jürgen Göretz reagierte geschockt. "Ich bin jetzt 40 Jahre im Fußballgeschäft tätig, als Spieler und als Trainer, aber so etwas habe ich noch nie erlebt." Hilflos musste Göretz mit ansehen, wie in der Düsseldorfer Kreisliga A fünf Spieler von Ratingen 04/19 nach ihrer 1:2-Niederlage gegen DJK Tusa 06 am Sonntag die Düsseldorfer Kabine stürmten.

Sie sollen auf die gegnerischen Spieler einprügelt und drei Akteure verletzt haben. Einer soll Schnittverletzungen, zwei weitere Prellungen erlitten haben.

Im Spiel hatte es zuvor Provokationen auf beiden Seiten gegeben. "Aber das ist im Fußball nicht ungewöhnlich", sagte der Trainer im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Gewalttätigkeiten nach Spielende haben Göretz tief getroffen: "Ich habe so etwas nicht für möglich gehalten."

"Wir haben die Spieler nach Rücksprache mit dem Trainer sofort suspendiert."

JensStieghorst, Vorsitzender des Kreisligisten Ratingen

Die Tusa-Vorsitzende Ute Groth will die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen: "Ich bin entsetzt von dieser Brutalität. Diese Übergriffe können wir nicht tolerieren. Wir haben Strafanzeige erstattet."

Auch der Ratinger Vorsitzende Jens Stieghorst reagierte betroffen: "Wir haben die fünf Spieler nach Rücksprache mit Trainer Andre Schulz sofort suspendiert."

Gunter A. Pilz hat in Hannover, Celle und bei Vereinen in Hessen Modelle entwickelt, in denen die Mitverantwortung der Spieler geschult wird. Mittels sogenannter "Selbstverpflichtungen" werden Spieler dazu motiviert, für ihren Club und ihre Mitspieler deeskalierend tätig zu werden.

In den Aktionsgruppen arbeiten Soziologen und Pädagogen mit Vereinsvertretern und Fußballern zusammen.

Die Frage, ob es es sich um Spieler mit Migrationshintergrund handelt, beantwortete Stieghorst mit den Worten: "Ja, ausnahmslos. Aber es sind Spieler, die seit Jahren in unserem Verein spielen. Niemals zuvor sind sie auffällig geworden."

Deutschlands führender Fan-Forscher, der Sportsoziologe Professor Dr. Gunter A. Pilz vom Sportwissenschaftlichen Institut der Universität Hannover, bezeichnet die Gewaltbereitschaft in und um den Fußball als "keine neue Entwicklung.

Wir beobachten seit Jahren, dass der Fußball zunehmend zur Bühne für die Austragung gesellschaftlicher Konflikte wird", sagt Pilz im Gespräch mit unserer Zeitung. Insbesondere auch bei Konflikten zwischen Spielern mit Migrationshintergrund und deutschen Akteuren.

Der Soziologe, der gestern als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Gewaltprävention im Fußball auf einer Tagung im Landesministerium des Innern in Düsseldorf weilte, beobachtet das Phänomen seit Jahren. "Der Fußball ist ein attraktives Feld, auf dem sich auch Menschen äußern können, die auf anderen gesellschaftlichen Feldern nicht verstanden werden."

Pilz hat in zahlreichen Feldstudien nachgewiesen, dass der Fußball "sich in hohem Maß für diese Auseinandersetzungen eignet. Und wir erleben oft, dass deutsche Spieler ausländische Spieler gezielt provozieren". Die Folge davon sind häufig gewalttätige Auseinandersetzungen.

Vergleiche verbieten sich, aber die Phänomene sind überall identisch. Prügelszenen wie beim Straßenkampf hatte es zuletzt im August in der Bezirksliga in Oberhausen gegeben.

Bei der Begegnung zwischen dem SC Oberhausen und dem SV Essen-Vogelheim gingen nicht nur die Spieler, sondern auch über 100Zuschauer aufeinander los. Eine Hundertschaft der Polizei musste eingreifen.

Die Polizei zeigte sich wenig verwundert. "Wir beobachten seit geraumer Zeit, dass in unserer Gesellschaft die Hemmschwelle zur Gewalt absinkt. Es ist kein Wunder, dass auch im Fußball die Situation eskaliert", sagte Adi Plickert, Vorstandsmitglied der Polizeigewerkschaft NRW. Soziologen beobachten dagegen, dass Auseinandersetzungen im Fußball meist Ersatzhandlungen sind.

"Weil Konflikte von der Gesellschaft nicht mehr gelöst werden können, verlagern sie sich auf den Sport", sagt Pilz. Bei der Tagung in Düsseldorf geht es darum, Modelle zu entwickeln, die über den Sport hinaus gesellschaftlich anwendbar sind.

Das Problem: Man braucht Soziologen, Sozialpädagogen und Psychologen. Für die aber keine Finanzierungsmöglichkeiten vorhanden sind.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer