Argentinien: Er ist ein Volksheld, weil er die Mächtigen angreift. Beim Training pafft er eine Zigarre.

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Diego Maradona, ein Idol des Weltfußballs.

Diego Maradona, ein Idol des Weltfußballs.

dpa

Diego Maradona, ein Idol des Weltfußballs.

München. Gott muss erst noch duschen. "Aber dann kommt er", verspricht der Dolmetscher, während Helfer hinter ihm zum achten Mal die Wand mit den Sponsoren-Logos verrücken. Eine Pressekonferenz mit Diego Maradona ist nach wie vor ein Ereignis.

Für 20 Uhr war er angekündigt im Hotel Mandarin Oriental unweit des Münchner Hofbräuhauses, die akademische Viertelstunde ist längst vorbei. Fernando Molina, Freund von Maradonas ältester Tochter Dalma, drapiert drei Cola-Fläschchen vor dem Mikrophon. Die Fotografen werden wahnsinnig.

Dann kommt er, ja, wer eigentlich? Diego Maradona ist eine lebende Legende des Fußballs, aber auch ein Verrückter, ein Dopingsünder, ein Kokainschnupfer, ein Künstler, ein Prolet, ein Kind, ein Opa, ein Mafia-Liebling, ein Steuersünder, ein Genie, ein Geliebter, ein Gehasster, ein Heiligtum, ein Versager.

Ohne Bildung, ohne Behütung hat er es als Fußballspieler geschafft in die Herzen der Fans und in die fremde Welt der Edlen und Reichen, und vielleicht ist es seine größte Leistung, dass er nach all den Versuchungen und Krankheiten noch am Leben ist. Im Moment ist er Nationaltrainer der argentinischen Elf.

Am Vormittag hatte er in der Giesinger Frühlingssonne trainieren lassen auf dem Gelände des TSV 1860, und in dieser Provinz des Weltfußballs wirkte Maradona fremd wie ein Clochard im Bayerischen Hof. Er saß gemächlich am Spielfeldrand und paffte eine dicke Zigarre.

Diego Maradonas Verklärung begann mit jenen unglaublichen drei Minuten im Viertelfinalspiel der WM 1986 gegen England. Erst erzielte der Argentinier ein Tor mit der Hand. Augenblicke später folgte das brillanteste Tor der WM-Geschichte, als Maradona sieben Engländer umtanzte, den Ball elf Mal berührte mit seinem linken Fuß und ihn ins Netz schlenzte.

"Es war die Hand Gottes, aber der Kopf Maradonas"

Eine Stunde nach dem Spiel begründete dann dieser Satz des Spielers über seinen ersten Treffer seinen weltweiten Mythos: "Es war die Hand Gottes, aber der Kopf Maradonas." Nach dem 3:2-Sieg im Finale gegen Deutschland war er endgültig Argentiniens Nationalheld. "Allein die Tore gegen die Engländer machen ihn zum Mythos.

Ausgerechnet gegen England, den Feind aus dem Falkland-Krieg", sagte Cesar Luis Menotti, Trainer der Weltmeister-Elf von 1978, dem Berliner "Tagesspiegel" vor einem Jahr. "Und die Menschen lieben ihn, weil er immer die Mächtigen angegriffen hat. Sie hatten das Gefühl: Da sitzt einer von uns auf dem Stuhl neben den Mächtigen und traut sich, zu sagen, was er will. Sie glauben, Diego repräsentiert sie. Und deshalb glauben sie, er gehöre ihnen."

Nun also sitzt er da in diesem Münchner Hotel mit einem Kissen auf dem Stuhl, damit er größer wirkt, und in seinen Ohren funkeln die Brillanten. "Deutschland will gewinnen, wir wollen gewinnen, das wird ein spektakuläres Spiel", sagt der Nationaltrainer Maradona. Er erkennt eine Parallele zwischen 1986 und 2010: Verkannt in der Presse, verehrt im Volk. "Damals wurden wir Weltmeister, und so wird es auch diesmal sein. Das Volk ist mit uns."

In der "Tagesspiegel"-Reportage wurde Menotti noch gefragt, was er für ein Mensch sei, dieser Maradona. "Das ist schwer zu sagen", antwortete El Flaco, der Dürre, wie sie Menotti in seiner Heimat rufen. "Als er süchtig war, zeigte er seine Sucht so öffentlich, als würde er sie spielen. Wenn er nach Kuba zu seinem Freund Fidel Castro reist, dann spielt er den Revolutionär. Maradona schauspielert das Leben, in seinen Erfolgen und seinen Niederlagen. Und jetzt setzt er ein Trainergesicht auf und spielt den Nationaltrainer."

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