Erinnerungen des „Tor-Hüters“ an der Alten Försterei, der Kultstätte des Zweit-Bundesligisten Union Berlin.

Karsten Linow vor der kultigen Anzeigetafel im renovierten Stadion von Union Berlin.
Karsten Linow vor der kultigen Anzeigetafel im renovierten Stadion von Union Berlin.

Karsten Linow vor der kultigen Anzeigetafel im renovierten Stadion von Union Berlin.

dpa

Karsten Linow vor der kultigen Anzeigetafel im renovierten Stadion von Union Berlin.

Berlin. Alles ist neu in der Alten Försterei. Alles? Nein. Da ist noch die kultige Anzeigetafel, die an "ruhigen Tagen" stets ein 8:0 ausweist. Der "Union-Turm" zwischen Waldseite und Gegengerade beherbergt die letzte mechanische Anzeigetafel im deutschen Profi-Fußball. Sie erinnert wie kaum ein anderes Relikt an die Fußball-Schlachten der "Eisernen" in längst vergangenen Tagen.

Karsten Linow gehört zu den wenigen, die sich als "Union-Tor-Hüter" versuchen durften. Zwischen 1995 und 2005 kümmerte sich der gebürtige Berliner zehn Jahre lang als "Nummern-Boy" um den aktuellen Spielstand und erlebte, wie der 1. FC Union wie im Fahrstuhl zwischen der zweiten und vierten deutschen Liga hin- und herwechselte.

Die einzig konstante Prozedur während dieser Zeit: Trifft Union, rechtes Fenster auf. Bei einem Gegentor muss die weiße Tafel mit Zahlenaufdruck links ausgetauscht werden. "Da klemmte schon mal das Fenster", erinnert sich Linow, der nebenbei auch als Stadion-Ordner arbeitete. Fehler beim Publizieren des Spielstandes unterliefen dem 42-Jährigen nie.

Bisweilen verhielt sich Linow sogar professioneller als seine geliebten Union-Kicker. Nachdem der 1. FC Union im Jahr 2003 in der Regionalliga mit 10:0 gegen Türkspor in Führung ging, schaffte er es nicht nur, noch eine "Null" hinter das einstellige Zahlenfeld von Union zu klemmen. "Für alle Fälle" malte er mit Filzstift auch gleich noch eine "Eins" auf die Rückseite der Tafel. Damit ist Union heute noch immer auf zweistellige Ergebnisse vorbereitet.

Fans wollten die kultige Einrichtung im renovierten Stadion erhalten

Nach der Saison 2004/ 2005 gab Linow seinen Posten ab. "Mittlerweile war ich der älteste Stadion-Ordner. Der Club brauchte jemanden, der die Neuen einweist. Außerdem waren mir immer die drei Punkte wichtiger als der Job", meint der treue Union-Anhänger.

Nach häufigen Personalwechseln in den vergangenen Jahren soll bald wieder ein permanenter "Zahlenschieber" im Union-Turm sitzen. Linow hat klare Vorstellungen von seinem Erben: "Es wird mit Sicherheit ein verdienter Kollege sein, weil der Job schon etwas Besonderes ist."

Das zehn Quadratmeter große Stübchen des "Union-Turms" wurde bis heute nicht renoviert, ganz im Gegensatz zum gesamten Stadion, das durch 2.300 Union-Anhänger in 140.000 freiwilligen Arbeitsstunden in ein Schmuckkästchen verwandelt wurde. Noch immer bröckelt Putz von der Wand des Turms.

Doch die kultige Einrichtung muss trotz neuer Videowand erhalten bleiben, so der unverrückbare Wille der Fans. Entsetzen machte sich breit und Protestbriefe folgten, als in diesem Frühjahr im Union-Stadionheft ein April-Scherz den Abriss des Turms inklusive Anzeigetafel auf Geheiß der Deutschen Fußball-Liga als unabänderlich verkündete.

Linow selbst beklagte sich nie über den scheinbar etwas vernachlässigten Arbeitsplatz: "Die positive Momente bleiben einfach." Auch seine Idee an den 8:0-Union-Score in Erinnerung an den höchsten Sieg gegen "die Unaussprechlichen", den verhassten Rivalen aus DDR-Zeiten, den zehnmaligen Meister BFC Dynamo, vom 21. Mai 2005 bis zehn Minuten vor jedem Anpfiff mit einer "Acht" anzuzeigen, wird die nachfolgenden Generationen des "Nummern-Boys" überdauern.

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