Jupp Heynckes über den neuen Liga-Zeitgeist, junge und erfahrene Trainer und seine Pläne mit Leverkusen.

Jupp Heynckes liebt schönen Fußball und auch deshalb fiel seine Wahl auf Bayer Leverkusen.
Jupp Heynckes liebt schönen Fußball und auch deshalb fiel seine Wahl auf Bayer Leverkusen.

Jupp Heynckes liebt schönen Fußball und auch deshalb fiel seine Wahl auf Bayer Leverkusen.

dpa

Jupp Heynckes liebt schönen Fußball und auch deshalb fiel seine Wahl auf Bayer Leverkusen.

Düsseldorf. WZ: Herr Heynckes, haben Sie den FC Bayern eigentlich erleichtert oder wehmütig verlassen?

Jupp Heynckes: Weder noch. Das war insgesamt eine sehr schöne Zeit, weil es harmonisch mit allen Beteiligten war, eine wunderbare Synthese aus Freude und Erfolgsstreben. Und auch wenn die Bayern keinen Titel holten: Sie können durchaus auch zünftig feiern.

WZ: Wären Sie heute Trainer in Leverkusen, wenn Sie mit Bayern die Champions League verpasst hätten?

Heynckes: Der FC Bayern hatte den Druck, ich habe den überhaupt nicht verspürt - weil ich vom Erfolg überzeugt war. Ich hatte von Anbeginn eine hochmotivierte Mannschaft. Wenn sich dann nach der Saison sogar die Reservisten bedanken, dann hat man vieles richtig gemacht.

WZ: Was hat Uli Hoeneß gesagt, als Sie den Vertrag mit Leverkusen geschlossen haben?

Heynckes: Oh, jetzt ist mein Feuerwehrmann vom Markt (lacht). Aber Flachs beiseite: Er fand es gut, weil er Leverkusen für einen sehr gut geführten Club hält.

WZ: Hat sich Ihre Frau mit dem neuen Job angefreundet?

Heynckes: Ich hatte auch aus dem Ausland Angebote. Das wollte ich aber nicht mehr, weil wir in unserem Leben schon 18 Mal umgezogen sind. Leverkusen - das ist nicht weit weg von unserer Heimat. Wir haben auch meine Schwiegermutter zur Pflege, die ist 88 Jahre alt und dement, da wäre alles andere schwierig geworden. So können wir weiter hier leben. Und ich werde mir ein Appartement vor Ort nehmen.

WZ: Bei Ihrer Vorstellung sagten Sie, nur Leverkusen sei in Frage gekommen. Warum?

Heynckes: Ich liebe schönen Fußball, vor allem der spanische hat mich in den letzten Jahren sehr geprägt. Und Leverkusen hat auch immer spielerische Klasse bewiesen. Die jungen Spieler haben viel Substanz und Entwicklungspotenzial. Daran möchte ich teilhaben. Und es ist ein seriöser Club mit einem Organigramm, das nicht hinter Bayern München zurücksteht. Zusammen mit dem modernisierten Stadion ein attraktives Angebot.

WZ: Waren Sie sich sofort einig über die Laufzeit von zwei Jahren?

Heynckes: Ja. Alles andere hieße doch nur: Lass’ uns das mal versuchen. So identifizieren sich beide Seiten damit.

WZ: Hatten Sie sich nach Ihrem Amtsantritt Kontakt mit Vorgänger Bruno Labbadia?

Heynckes: Nein. Wir kennen uns ja, er war mein Spieler beim FC Bayern. Mir hat sehr imponiert, dass die Bayer-Verantwortlichen sehr positiv über die Arbeit von Bruno gesprochen haben. Das erlebt man nicht oft. Er ist ein sehr ambitionierter, junger Trainer, der vielleicht hier und da zu schnell zu viel will. So waren wir aber alle. Aber mit der Zeit kommt die Erfahrung - und dann modifiziert man Dinge.

"Auf Schalke habe ich aus meiner Sicht am optimalsten gearbeitet."

WZ: Ähnlich erging es Jürgen Klinsmann in München.

Heynckes: Wir leben in einem Zeitgeist, in dem alles viel zu schnell und rasant geht. Es ist vielleicht besser, wenn man das entschleunigt. Dass man versucht, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Spieler atmen können, wo sie den Druck nicht so verspüren. Dieser Aspekt ist für mich ganz wichtig. Viele junge Trainer sind gut und haben tolle Ideen und Konzepte. Aber inzwischen ist alles zu sehr überfrachtet.

WZ: Auch deshalb sind Sie in Leverkusen sehr bewusst ausgewählt worden. Wäre ein Jupp Heynckes vor 20 Jahren auch geeignet gewesen?

Heynckes: Nein, ich war sicher auch voller Tatendrang und überbordender Ideen. Das ändert nur die Erfahrung. Aber es ist auch schlimm für die jungen Trainer: Sie dürfen keine Fehler mehr machen. Wir haben früher alle noch Fehler machen dürfen.

WZ: Sie hatten Erfolg in München und in Spanien, in der Bundesliga auf Schalke und in Gladbach aber zuletzt nicht mehr. Woran lag das aus Ihrer Sicht?

Heynckes: Ich sehe das locker, aber anders: Ich habe Schalke in den Uefa-Cup gebracht, hatte eine Mannschaft mit acht Langzeitverletzten übernommen, die in katastrophalem Zustand war. Ein Jahr habe ich gebraucht, um das zu korrigieren. Dann haben wir in der neuen Saison dreimal verloren, und das ist auf Schalke dreimal zu viel. Meine Sicht der Dinge ist die: Auf Schalke habe ich am optimalsten gearbeitet. Viele Journalisten können das bestätigen, aber niemand hatte damals den Mut, die Dinge so aufzuschreiben, wie sie waren - weil sie mit den Verantwortlichen noch zusammenarbeiten mussten. Schließlich hätten Sie dann auch Manager Rudi Assauer angreifen müssen. Fragen Sie Spieler wie Rost, Altintop oder Krstajic. Aber jetzt steht das Bild: Der Heynckes hat da nicht gut gearbeitet.

WZ: Und in Gladbach?

Heynckes: Das war ganz anders, das ist mein Club. Ich wollte dort helfen, aber es war vom Personellen her eine wahnsinnig schwierige Situation. Dann kamen die Morddrohungen, darunter hat auch meine Frau sehr gelitten. Dann habe ich eben die Reißleine gezogen.

"Gekas bekommt bei mir seine letzte Chance. Aber er wird arbeiten müssen."

WZ: Die personelle Situation bei Bayer ist besser. Gut genug?

Heynckes: Ich habe jetzt gerade mit Zugang Eren Derdiyok gesprochen, ein guter Junge. Er hat in Basel nur sporadisch gespielt, spielt bei Ottmar Hitzfeld aber in der Nationalmannschaft. Ottmar hat eine sehr hohe Meinung von ihm, ein wuchtiger Stürmer. Das könnte passen, zumal uns ja Patrick Helmes lange fehlt.

WZ: Wird deshalb im Sturm nochmal nachgelegt?

Heynckes: Nein. Fest steht: Ich möchte alle Spieler halten, die da sind. Außerdem kommt Theofanis Gekas aus Portsmouth zurück. Auf die Schnelle jemanden zu finden, das geht meistens in die Hose. Dann will ich lieber versuchen, Gekas den Neuanfang zu ermöglichen. Er bekommt bei mir seine letzte Chance. Aber er wird arbeiten müssen.

WZ: Wie sehr sind Sie davon überzeugt, dass die Verbindung Heynckes und Leverkusen zum Erfolg führt?

Heynckes: Die Zielvorgabe internationaler Wettbewerb ist in Ordnung. Bisher bin ich sehr optimistisch. Und ich habe schon viel kennengelernt, kann das gut vergleichen. Ich merke das gleich, wenn ich hier über die Schwelle gehe.

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