Entscheidung: Der Nürnberger Doping-Experte Fritz Sörgel über die Sperre der Eisschnellläuferin.

Professor Fritz Sörgel kennt sich mit Dopingpraktiken aus.
Professor Fritz Sörgel kennt sich mit Dopingpraktiken aus.

Professor Fritz Sörgel kennt sich mit Dopingpraktiken aus.

dpa

Professor Fritz Sörgel kennt sich mit Dopingpraktiken aus.

Düsseldorf. Herr Professor Sörgel, der CAS hat im Fall Pechstein entschieden - in Ihren Augen richtig?

Sörgel: Ich denke ja. Ich war in der ganzen Zeit nur einmal ganz kurz unsicher. Das war als die Nachricht kam, dass Herr Sottas eventuell von seinem Gutachten Abstand nimmt. Wäre das passiert, hätte man sagen müssen, dann kann man sie nicht verurteilen. Alles andere, was die Pechstein-Seite vorgebracht hat, ob Hämolyse oder Mutation, hat mich nicht überzeugt. Das war eine aggressive Pressekampagne, die nur darauf ausgelegt war, den Unschuldsaspekt zu stützen.

Könnte diese Kampagne die Richter negativ beeinflusst haben?

Sörgel: Natürlich sollten Richter objektiv urteilen, aber sie sind auch nur Menschen. Bestimmt haben sie sich das ein oder andere Mal auf den Schlips getreten gefühlt und das nicht nur in diesem Punkt.

In welchen noch?

Sörgel: Der Prozess begann ja im Februar und sie hat in der ganzen Zeit nichts zur Beweisführung beigetragen. In Quarantäne ist sie nicht gegangen. Man hat auch keine Statistiken aufgestellt, die etwa zeigen, wie hoch die Wahrscheinlichkeiten liegen, dass derartige Werte bei Leistungssportlern ihres Alters zu finden sind. Also: Immer, wo es essenziell wurde, hat man offensichtlich nichts gemacht, sondern sich auf andere Dinge verlassen. Und das hat nicht geklappt.

Im Urteil bleiben die Richter dabei: Der Retikulozyten-Wert war erhöht. Ein Zeichen für Doping. Hätte man das nicht schon eher verkünden können?

Sörgel: So ganz habe ich die Verzögerung auch nicht verstanden. Allerdings muss man sehen, dass die Pechstein-Seite immer wieder neue Sachen vorgebracht hat. Wenn diese Einwände berücksichtigt werden, beschwert man sich, und wenn sie es nicht werden, beschwert man sich auch.

Der Kölner Doping-Analytiker Wilhelm Schänzer sagt, nur die Retikulozyten-Werte zu nehmen, sei zu wenig für ein Urteil.

Sörgel: Für mich waren diese Werte für sich genommen immer ausreichend - auch nach den Wada-Richtlinien.

Welche Auswirkung hat dieses Urteil auf den Anti-Doping-Kampf?

Sörgel: Es ist ganz wichtig, dass die Wissenschaft einen Kick bekommt, und alle Leute, die sich mit indirekten Beweisen beschäftigen, Oberwasser erhalten - und vor allem finanzielle Unterstützung. Jetzt kann man an der Weiterentwicklung und Perfektionierung des indirekten Beweises arbeiten. Der Retikulozyten-Nachweis ist gelinde gesagt analytisch primitiv.

Aber er bleibt als wichtiges Beweismittel.

Sörgel: Natürlich, das geht weiter. Man wird das auch perfektionieren. Aber die künftigen Doping-Mittel stammen aus der Biotechnologie.

Die Zukunft...

Sörgel: ...gehört dem Nachweis von Körper-Eiweißen, die sich unter dem Einfluss von Stoffen, die nicht in den Körper gehören, verändern. Dies nachzuweisen, ist ein ganz hartes Stück Arbeit und kostet viel Geld. Wir sprechen da von hunderten Millionen Euro.

Wer soll das bezahlen?

Sörgel: Der Profisport, über Ticketpreise. Dann muss sich der Besucher von Sportveranstaltungen eben überlegen, ob es ihm das noch wert ist.

Kommt es nun zu einer Prozessflut?

Sörgel: Ich denke nicht, dass man leichtsinnig wird. Jeder Verband wird sich gut überlegen, ob er das macht oder nicht und entsprechende Gutachter einbeziehen.

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