Nach Gold von der Normalschanze kniet der Schweizer in Whistler andächtig im Schnee.

Whistler. Simon Ammann hat sich selbst zum Ritter geschlagen. Erst sprang der Schweizer zum dritten Gold bei Olympischen Spielen, dann ging er im Auslauf der Normalschanze in die Knie, als erwarte er den Ritterschlag. Der 28-Jährige war das Zentrum eines grandiosen Jubels und suchte nach dem ersten Freudentanz eine Insel der Stille.

Die Geschichte des Simon Ammann ist bemerkenswert. 2002 hat er bei den Spielen in Salt Lake City in beiden Einzelspringen Gold gewonnen, galt mit 20 als fleischgewordener Harry Potter. Sein Zauberstab waren seine Skisprunglatten. Acht Jahre später - in seiner Szene sind das eineinhalb Generationen - hat er mit der jeweiligen Bestweite von 105 und 108 Metern Kunststück Nummer drei vollführt.

Die Stimmung im Whistler Olympic Park war ausgelassen. Ein Fotograf bat eine Gruppe von Schweizer Fans um ausdrucksvolle Freude. Die Eidgenossen posierten, brüllten und fragten: "Hört man das auf dem Foto?" Auf den Fotos von Simon Ammanns drittem Olympiasieg ist einerseits ein aggressiv jubelnder Mann zu sehen, andererseits ein in sich gekehrter. Emotional sind alle Bilder. "Es war ein unglaublicher Tag", sagt Ammann, "unglaublich, nach acht Jahren diese konzentrierte Energie zu geben."

"Ich war der Letzte oben auf der Schanze. Alles war angerichtet."

Energie. Kraft. Diese Worte benutzt der 1,72 Meter kleine große Mann aus Unterwasser immer wieder. "Ich konnte die Kraft laufen lassen. Alles ist wie von alleine gegangen. So wie damals in Salt Lake City. Aber das, was ich heute erlebt habe, das würde ich mit nichts tauschen wollen." Mit anderen Worten: Das war das größte Ding des 13-maligen Weltcup-Siegers. Alles hat gepasst. "Ich bin der Führende im Gesamtweltcup. Ich war der Letzte oben auf der Schanze. Alles war angerichtet."

Warum er im Schnee gekniet hat? "Ich habe einen Moment gesucht, dieses Gefühl genießen zu können." Und er hat an den tödlich verunglückten Rodler Nodar Kumaritashwili gedacht: "Seit Freitag weiß ich auch, dass das Leben hart sein kann."

Simon Ammann ist ein emotionaler Typ. "Ich könnte stundenlang über die Emotionen eines tollen Sprunges sprechen, aber man muss es erleben, um es wirklich zu verstehen. Man fühlt sich wie frisch verliebt, alles explodiert."

Skispringen ist anstrengend. Weil es so emotional ist. Am Samstag war Skispringen gerecht, weil die drei Besten auf dem Podest standen. Hinter Ammann (276,5 Punkte) folgten der Pole Adam Malysz (269,5) und der Österreicher Gregor Schlierenzauer (268).

Cheftrainer Martin Künzle staunte in Whistler nur noch über Ammann: "Jeder erwartet vom Führenden im Gesamtweltcup, dass er Olympiasieger wird. Und dann wird er tatsächlich Olympiasieger."

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