ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt spricht vor Olympia im Interview über Doping in Russland und den Interessenkonflikte im Sport.

Hajo Seppelt erhält Hanns-Joachim-Friedrichspreis
Der Journalist und Doping-Experte der ARD, Hajo Seppelt.

Der Journalist und Doping-Experte der ARD, Hajo Seppelt.

Michael Kappeler

Der Journalist und Doping-Experte der ARD, Hajo Seppelt.

Osnabrück. Die Winterspiele beginnen in wenigen Wochen – mit oder ohne Athleten aus Russland? ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt fordert einen Ausschluss und ist sicher: kleinere Nationen wären härter bestraft worden für ein staatliches Dopingsystem dieser Art. Die Probleme sieht er auch in den verkrusteten Zuständen im Sport.

Herr Seppelt, in wenigen Wochen starten die Olympischen Spiele in Pyeongchang. Die Frage ist mit oder ohne Russland?

Hajo Seppelt: Ich glaube für ein Worst-Case-Szenario – und das ist Staatsdoping – muss es die Worst-Case-Sanktion geben. Und das wäre der Ausschluss.

Man hat nicht das Gefühl, dass es bislang einen Wandel im Denken in Russland gegeben hat.

Seppelt: Diesen wird man nur sehen, wenn man zeigt, dass ihr Handeln Konsequenzen hat. Die lasche Haltung, die viele Sportverbände Russland gegenüber zeigen, sendet aber ein fatales Signal in die Welt: Ihr könnt tun und lassen, was ihr wollt, ihr könnt von Staats wegen Athleten in großem Stil dopen – welcome trotzdem to the Games.

Eine Argumentation dagegen ist die Kollektivstrafe.

Seppelt: Wer von individueller Gerechtigkeit redet, lenkt davon ab, dass es hier gar nicht um die Frage geht, ob einzelne Athleten gedopt haben oder nicht, sondern um die klassische Verantwortung eines Sportsystems, das über Jahre positive Proben manipuliert und Dopingprogramme gefahren hat. Dass man das nicht nachweisen kann, weil Proben verschwunden, ja vernichtet sind, liegt auf der Hand. Ich bin mir relativ sicher, wäre es nicht Russland gewesen, sondern ein kleineres Land, wäre es überhaupt keine Frage gewesen: Das wäre ausgeschlossen worden.

Die Nada lud kürzlich zur Diskussion über „Russland und die nächsten Olympischen Spiele“. Muss es nicht auch heißen: „Russland und die nächste Fußball-WM“?

Seppelt: Mit Sicherheit. Es gibt eindeutige Hinweise, dass auch der Fußball in Russland in das System mit einbezogen war, wenn auch nicht so üppig wie in der Leichtathletik. Aber der Zug ist, was Russland betrifft, nicht mehr aufzuhalten.

Weshalb?

Seppelt: Die Vorgehensweise des internationalen Sport ist beispiellos und entlarvt den Umgang des IOC und der Fifa mit dieser Causa: Alle Nationen sind gleich, nur Russland ist gleicher. Wenn man weiß, dass das IOC ein Land wie Kuwait wegen politischer Einmischungen suspendiert, fragt man sich, wie kann es sein, dass das in diesem Fall nicht geht? Die politischen Einmischungen Russlands in den Sport sind offenkundig. Und es steht außer Frage, dass hier auch noch massiv in die Integrität des unmittelbaren sportlichen Wettbewerbs eingegriffen wurde.

Mehmet Scholl, damals ARD-Experte, wollte, dass ihr Bericht beim Confed-Cup über Doping im russischen Fußball nicht gesendet wird, weil er ihn unpassend platziert fand.

Seppelt: Stimmt. Aber Sie sehen, dass er dennoch gesendet wurde. Wir werden selbstverständlich als Medium Dinge präsentieren, wenn sie relevant sind – auch im Vorfeld eines Spiels. Denn dann schalten die Zuschauer ein, die es interessiert und angeht. Wir berichten ja auch nicht über den Weihnachtsmann zu Ostern.

Der Vorfall hat gezeigt, dass der Fußball sich offenbar weiter sträubt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Seppelt: Es gibt wenige, die sich damit beschäftigen, stattdessen wird das ewig gleiche Mantra vom „es gibt kein Doping im Fußball“ heruntergebetet und auch von den Medien zu oft wiedergekäut. Recherche im Fußball ist schwer. Wenn man Fußballer attackiert, riskiert man sofort, dass ein Brief beim Intendanten landet.

Die Fifa ...

Seppelt: ... ist bei dem Thema sehr zurückhaltend. Das offene Bekenntnis von Gianni Infantino zu seinen russischen Partnern zeigt das Problem. Die Interessenkonflikte sind offenkundig. Der Fußball hat aber eine so starke Position, dass das kaum angetastet wird. Too big to fail.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich das mal ändert?

Seppelt: Es ist eine Frage der Zeit beim Fußball. Und beim Sport insgesamt sehen wir ja schon einige erste Veränderungsprozesse. Etwa rund um den Deutschen Olympischen Sportbund.

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