«Costa Concordia»
Das Unglück der der «Costa Concordia» hat viele erschüttert. Dem Trend zu Kreuzfahrten werde das aber kein Abbruch tun, ist Prof. Martin Lohmann überzeugt. (Foto: Massimo Percossi)

Das Unglück der der «Costa Concordia» hat viele erschüttert. Dem Trend zu Kreuzfahrten werde das aber kein Abbruch tun, ist Prof. Martin Lohmann überzeugt. (Foto: Massimo Percossi)

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Das Unglück der der «Costa Concordia» hat viele erschüttert. Dem Trend zu Kreuzfahrten werde das aber kein Abbruch tun, ist Prof. Martin Lohmann überzeugt. (Foto: Massimo Percossi)

Berlin (dpa/tmn) - Kreuzfahrten werden Jahr für Jahr beliebter. Auch die Havarie des Kreuzfahrtschiffes «Costa Concordia» vor der italienischen Küste dürfte den Trend nicht umkehren. Das Interesse wächst weiter, sagt der Reiseexperte Prof. Martin Lohmann.

Die Reedereien von Hapag-Lloyd bis Princess Cruises stellen regelmäßig neue Schiffe in Dienst. Die Zahl der Deutschen, die eine Hochseekreuzfahrt macht, hat längst die Millionengrenze pro Jahr überschritten. Auch das Unglück der der «Costa Concordia» dürfte das nicht ändern. Davon geht Prof. Martin Lohmann, Leiter der jährlichen «Reiseanalyse» der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen, aus. Die Kreuzfahrt gelte längst nicht mehr als so verstaubt wie noch vor Jahren. Andererseits ist das Ende des Booms nach Überzeugung des Tourismusforschers abzusehen.

Boomen Kreuzfahrten weiter?

Martin Lohmann: «Kreuzfahrten sind und bleiben attraktiv, und das Interesse daran wird 2012 noch wachsen, wie unsere aktuellen Erhebungen zeigen. Die Wachstumsraten in der Kreuzfahrtbranche in Deutschland erscheinen aber auch so hoch, weil die Zahlen auf niedrigem Niveau gestartet sind.»

Wird das Unglück der «Costa Concordia» die Lust auf Kreuzfahrten verringern?

Martin Lohmann: «Das gilt vielleicht für Costa-Schiffe. Aber nicht innerhalb der gesamten Branche. Diejenigen, die sich für Kreuzfahrten interessieren, sehen das als Unglücksfall wie es ihn anderswo auch gibt. Es stürzen ja auch Flugzeuge ab.»

Anhaltende Buchungsrückgänge sind nicht zu erwarten?

Martin Lohmann: «Nein, das schränkt den Kreuzfahrtentrend nicht ein. Noch weitere neue Potenziale zu erschließen, wird für die Reedereien aber schwieriger: Wer bisher Kreuzfahrten für sich abgelehnt hat, wird sich sagen 'Na siehste, gefährlich ist es auch noch'. Und der bleibt dann im Urlaub lieber an Land.»

Wieso wollen immer mehr Menschen Kreuzfahrten machen?

Martin Lohmann: «Man muss sehen, dass in vielen anderen Bereichen im Reisemarkt die Potenziale genauso wachsen, zum Beispiel bei Städtereisen oder Natururlaub. Und dann ist es ja nicht so, dass die Hälfte aller Deutschen eine Kreuzfahrt machen möchte. Das ist immer noch ein Nischensegment. Aktuell planen etwa fünf Prozent der Deutschen eine Kreuzfahrt für 2012.»

Wie schaffen es die Reedereien, ständig mehr Gäste zu bekommen?

Martin Lohmann: «Das Wachstum kommt unter anderem daher, dass es in der Branche viele Neuerungen gibt. Man hat heute zum Beispiel auch Themenkreuzfahrten, die die Schiffstour mit Golfen oder Reiten kombinieren. Dadurch werden ganz neue Zielgruppen angesprochen, genau wie durch die Clubschiffe von Aida. Viele Kreuzfahrten sind nicht mehr so steif wie früher.»

Boomt die Kreuzfahrt nicht schlicht, weil es immer mehr Ältere gibt?

Martin Lohmann: «Das stimmt natürlich. Die Branche profitiert von der demografischen Entwicklung. Aber ich würde das etwas vorsichtiger formulieren. Das Interesse an Kreuzfahrten ist schneller und stärker gewachsen als der Anteil der Älteren an der Bevölkerung. Die Kreuzfahrtpassagiere sind im Durchschnitt ein wenig jünger geworden. Aber das Wachstum gibt es vor allem im klassischen Segment der älteren Passagiere.»

Sind Kreuzfahrten eigentlich noch ein teures Vergnügen?

Martin Lohmann: «Nein, nicht mehr unbedingt. Die Preise sind in den vergangenen zehn Jahren ständig gesunken. Eine Woche auf einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer gibt es problemlos für 700 Euro. Wenn man sieht, was zum Beispiel Skiurlaub kostet, dann sind Kreuzfahrten richtig günstig geworden. Da sagen sich viele 'Das gönnen wir uns auch mal'. Kreuzfahrten kann man inzwischen ja auch bei Lidl oder Aldi buchen.»

Bekommen Kreuzfahrten ein Billig-Image?

Martin Lohmann: «Nein, so weit ist es noch nicht. Aber es hat einen Imagewandel gegeben. Kreuzfahrten sind nichts Elitäres mehr, sie sind demokratisiert worden. Das Produkt hat sich entstaubt und ist dadurch für ganz neue Kundenkreise interessant geworden.»

Gehen die Preise immer weiter runter?

Martin Lohmann: «Es ist ja auch für die Reedereien billiger geworden, zum Beispiel durch immer größere Schiffe. Wenn die Reedereien die Zahl der Passagiere noch weiter steigern wollen, bleibt ihnen wenig anderes übrig, als Angebote für neue Zielgruppen zu machen und die Preise weiter zu senken. Aber mit den Preisen sinken auch die Erträge pro Passagier. Das funktioniert betriebswirtschaftlich nicht unbegrenzt.»

Also geht der Boom bald zu Ende?

Martin Lohmann: «Ja, das ist nicht unwahrscheinlich. Das Wachstum wird sich verlangsamen, auch weil man Kapazitäten bei Schiffen und Häfen kaum noch nachlegen kann und die Preise nicht ins Bodenlose fallen sollen. Auch die Fahrgebiete lassen sich nicht unendlich ausweiten. Die Erde ist nun einmal begrenzt, und zum Beispiel am Horn von Afrika möchte man lieber nicht mit einem Kreuzfahrtschiff unterwegs sein.»

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