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Juliane Kinast, Bild 1 von 8

Jemanden, der viel gereist ist, zu beeindrucken, fällt bisweilen schwer. Ich für meinen Teil habe nicht nur die gesammelten Schönheiten Australiens in den vergangenen Monaten erlebt; ich bin zuvor auch schon mal durch halb Afrika gereist und habe riesige Elefantenherden sowie Löwen und sonstiges Wildgetier gesehen. Mein Freund auf der anderen Seite war schon in so ziemlich ganz Asien unterwegs, inklusive der gigantischen, Kulturerbe-geschützten Tempelanlagen von Angkor Wat in Kambodscha. Und doch wird der Tag, an dem wir morgens Mandalay verlassen mit folgendem Dialog enden: "So etwas wie das hier habe ich noch nie zuvor gesehen!" "Ich auch nicht!"

Mit einem Minibus fahren wir fünfeinhalb Stunden über mäßig ausgebaute Highways nach Bagan, weiter südlich und von Mandalay aus gesehen etwas westlich. Wiederum muss ich gestehen, dass ich nicht gut vorbereitet bin - bis auf den Tipp eines Kollegen, der schon in Myanmar war, man müsse Bagan gesehen haben, weiß ich kaum etwas. Also laufen wir einfach mal los, nachdem wir uns in einem kleinen Familien-Guesthouse für 20 US-Dollar - in der Landeswährung 20.000 Kyat - eingemietet haben (Frühstück inklusive). Wir wollen eigentlich nur etwas essen. Aber plötzlich lichtet sich das Gestrüpp auf beiden Seiten der Straße und gibt den Blick frei auf eine weite Ebene, auf der überall die Spitzen backsteinerner Pagoden und Stupas aus der roten Erde aufragen. Über 4000 dieser sakralen Bauwerke sollen in Bagan im 12. Jahrhundert mal gestanden haben, über 2000 sind noch immer erhalten, sie erstrecken sich über ein Gebiet von etwa 36 Quadratkilometern.

Wie so oft, seit ich mein geordnetes Leben in Deutschland verlassen habe, füllt Glück die Lücken meiner Planung. Auf unserem Spaziergang durch die in der Landschaft versprengten Tempelchen kommt ein siebenjähriger Junge auf uns zu. Wir glauben zuerst, er will betteln. Aber tatsächlich fragt er nur nach einer Münze aus unserem Heimatland - stolz zeigt er uns seine kleine Sammlung, die er mit der Hilfe von Touristen in Bagan schon angelegt hat. Und dann fragt er, was wir noch vorhaben. "Wir wollen gern den Sonnenuntergang angucken", erkläre ich ihm - und bin überrascht, dass der Kleine tatsächlich ein bisschen Englisch versteht; in Myanmar keineswegs selbstverständlich. Aufgeregt rennt er los und winkt uns, ihm zu folgen. Skeptisch klettern wir ihm nach über eine bröckelnde Backsteinmauer und durch ein lukengroßes Türchen in eine der größeren Stupas.

Eine schmale, dunkle Treppe führt in ihrem Inneren nach oben - und plötzlich stehen wir auf der Spitze des Monuments, vor uns die Ebene von Bagan bis zum Berg Mount Popa in 50 Kilometern Entfernung, hunderte von unterschiedlich großen Pagoden ragen majestätisch in den lila werdenden Abendhimmel. Dazwischen grasen ein paar Rinder- und Ziegenherden, auf einer Sandpiste fährt ein Bauer mit seinem Ochsenkarren Richtung heimischer Hütte. Ansonsten sehen und hören wir nichts. Vor allem nicht die klickenden Kameras asiatischer und europäischer Touristenhorden, die einem sonst auch den Anblick der beeindruckendsten religiösen Bauwerke auf diesem Kontinent zunichte machen können.

Sehr lange sitzen wir auf dem Stein der Pagode, schauen schweigend auf die Szenerie und sind uns einig, dass wir diesen Moment niemals vergessen werden. Unser kleiner Führer ist ganz verwirrt, als wir ihnm zum Abschied eine bescheidene Summe für seine Hilfe anbieten. Die Freundlichkeit der Menschen in Myanmar ist mit Geld nicht zu bezahlen. Und sie erwarten es auch nicht. Trotzdem fragen wir uns zum ersten Mal, wie lange sie sich diese Ursprünglichkeit noch bewahren können. Die Schönheit von Bagan muss sich ja irgendwann einmal weltweit herumsprechen. Ansonsten stimmt mit der Welt eben irgendetwas nicht.

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