WZ-Autorin Juliane Kinast ist die Great Ocean Road entlanggefahren und hat ungeplant einen Tag erlebt, den man nicht besser hätte planen können.

Juliane Kinast
Die Great Ocean Road von Teddy's Lookout.

Die Great Ocean Road von Teddy's Lookout.

Die Great Ocean Road von Teddy's Lookout.

Melbourne. Ich sitze am Strand von Apollo Bay, trinke einen guten Shiraz aus einem Plastikbecher, der Mond ist gerade aufgegangen und ich finde, dass dies einfach ein perfekter Tag ist. Ein Tag, den man im Leben nicht besser hätte planen können. Deshalb war er ja auch gar nicht geplant. Er ist einfach auf perfekte Art und Weise passiert.

Ich bin am Morgen mit meiner Kellnerkollegin Victoria, deren Familie vor über 20 Jahren aus England nach Australien ausgewandert ist, aus Melbourne gestartet. Ziel: die Great Ocean Road. Diese Straße führt 243 Kilometer direkt an der Küste des Bundesstaates Victoria entlang, eine der berühmtesten Routen in Australien und jedes Jahr Ziel von Millionen Touristen.

Sie beginnt in Torquay, nicht einmal eine Stunde Fahrt von Melbourne entfernt. Und schon kurz dahinter ist klar: Hier ist tatsächlich mal der Weg das Ziel. Von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt schlängelt sich die schmale Straße zwischen grünen Hügeln und blauem Meer entlang. Rechtskurve, Linkskurve, Rechtskurve, Linkskurve. Und immer wieder Schilder, die mahnen, man fahre in Australien auf der linken Straßenseite. Millionen Touristen eben.

Ein Gast im Restaurant hatte mir einige Tage zuvor gesagt, in Lorne lohne sich ein Zwischenstopp. Also verlassen wir dort die Great Ocean Road und fahren hoch zu Teddy's Lookout, der einen spektakulären Blick auf die Straße und das weite Meer bietet, und dann zu den Erskine Falls, einem zig Meter hohen Wasserfall in Mitten eines dichten Waldes mit Farnen in der Größe von Bäumen.

Von dort aus mäandrieren wir zum Strand von Lorne, wo wir ein mitgebrachtes Lunch verzehren, und weiter entlang der Great Ocean Road. Rechtskurve, Linkskurve. Ein Freund von Victoria hatte wiederum ihr geraten, doch mal Richtung Blanket Bay zu fahren - da sei auch ein Campingplatz; ein Zelt hat er uns netterweise auch geliehen. Also biegen wir ab. Ohne große Pläne - und offenbar falsch.

Plötzlich sind wir auf einer Sandpiste, gerade breit genug für das Auto. Dieser Weg ist eindeutig nicht der offizielle und höchstens für Allradfahrzeuge gemacht, nicht für Victorias koreanischen Kleinwagen. Aber mit viel Gelächter holpern wir uns durch bis zur nächsten Asphaltstraße - und stellen kurz darauf fest, dass unser Irrweg ein glücklicher war: Mitten auf der Straße stehen mit einem Mal Menschen, die Köpfe verdreht, Kameras am Anschlag.

Victoria geht in die Eisen und wir wollen die drei Straßenblockierer gerade zur Ordnung rufen, als sie sich mit strahlenden Mienen zu uns umdrehen und nach oben deuten: "Koalas!" Tatsächlich. Da hängen sie überall in den Eukalyptusbäumen, futtern oder schlafen. Vier Tiere sehen wir auf nicht einmal 20 Metern; ein Koala hockt gleich neben der Straße in einer Astgabel, keine vier Meter entfernt von uns, schaut uns unbeeindruckt an und mampft.

Spätestens nach dieser Begegnung mit dem australischen Wildleben ist uns klar: Dieser Tag meint es gut mit uns. Völlig unverdient. Also mache ich mir auch gar keine Sorgen, als wir gegen halb sieben abends bei Blanket Bay ein Stück auf dem Great Ocean Walk, der rund 100 Kilometer ziemlich parallel zur Great Ocean Road verläuft, spazieren und ich zu bibbern beginne. "Willst du wirklich im Zelt schlafen?", frage ich Victoria. "Eigentlich nicht", gibt sie zu.

Also beginne ich mit meinem schwachen Handysignal, nach Unterkünften zu suchen. Die ersten fünf sind alle ausgebucht. Noch ist Hochsaison auf der Great Ocean Road. Aber dann wieder dieses Glück: Die Apollo Bay Backpackers Lodge wirft ihr letztes Appartement für die Nacht zum Last-Minute-Preis auf den Online-Markt. Zwei Schlafzimmer, Whirlpool, Küche, Balkon für 85 Dollar.

Innerhalb einer Minute ist die Wohnung gebucht und wir sitzen im Auto auf dem Weg nach Apollo Bay. Das Mädchen an der Rezeption gibt uns dann auch noch einen Geheimtipp fürs Abendessen, einen kleinen Italiener mit hausgemachten Gnocchi und frischen Blumen auf dem Tisch. Und dann Shiraz am Strand. Kalt ist es inzwischen. Man merkt, dass der australische Herbst kommt. Ich bin müde wie selten zuvor. Und tief entspannt "Ich kann nicht glauben, wie perfekt dieser Tag war", seufzt Victoria. Recht hat sie. Einfach perfekt.

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