Es ist mir peinlich, aber dieser Blog soll ja ehrlich meine Erfahrungen wiedergeben. Also muss ich es zugeben: Es ist wieder passiert. Ich sitze im Bus von Dalat nach Ho Chi Minh City (Saigon) - und da fällt mir siedend heiß ein, dass ich meinen Pass beim Auschecken nicht zurückbekommen habe. Ich muss in drei Tagen das Land verlassen, weil mein Visum ausläuft - und mein Pass liegt in der kleinen Bergstadt. Brilliant!

Zum Glück checken just an diesem Tag meine drei Kanadierinnen Leesha, Domi und Megan im Dalat Family Hostel ein. Sie hören von der Misere und versprechen, am Tag vor dem Ende meines Visums in Saigon einzutreffen - mit meinem Pass in der Tasche. Ich kann mich nun also doch auf die Hauptstadt konzentrieren. Und das muss man auch. Denn sie ist so anders als alles , was ich in diesem Monat Vietnam kennen gelernt habe. Ein richtiges Backpacker-Viertel mit überteuertem Essen und hinterhergeworfenen Bieren gibt es, einen Edelboulevard mit Prachthotels und Louis-Vuitton-Boutiquen. Eine Kirche sogar, die Notre-Dame heißt und auch überaus französisch aussieht. Und an jeder Ecke eine Vielzahl von Motorradtaxifahrern, die ihre Dienste anbieten, indem sie stets auf ihr Vehikel deuten und automatisch abspulen "Hello! Motorbike?", wobei die Silben verschmelzen, so dass meist nur ein "Hellomotorbike" übrig bleibt. Inzwischen möchte ich manchmal antworten mit: "Ach wirklich, du sitzt da auf einem Motorbike? Toll, dass du das sagst, hätte ich sonst nie erraten!" Oder mit: "Nein, mein Name ist Juliane. Trotzdem auch hallo." Die touristische Seite Vietnams ist manchmal sehr anstrengend.

Vor allem aber gibt es in Saigon das große Kriegsmuseum, dessen Hof vollgestellt ist mit alten Panzern, Kanonen und Flugzeugen aus den Zeiten des Vietnamkrieges, den man hier den Amerikanischen Krieg nennt. Es ist ein beeindruckendes und schreckliches Museum. Voll von Propaganda - natürlich. Aber es gibt auch eine Fotoausstellung, die sich allein den Folgen der Angriffe mit dem Giftgas Agent Orange widmet - Bilder von missgebildeten Kindern, deren Eltern dem Entlaubungsmittel ausgesetzt waren. Und der in diesem Fall dezente Hinweis, dass die vietnamesische Bevölkerung niemals Wiedergutmachung erhalten hat. Ich fühle mich schwer und traurig, als ich den Bau wieder verlasse. Und ich will laufen - alle "Hellomotorbikes" werden schlichtweg ignoriert.

An meinem letzten Abend in Saigon kommen die drei Kanadierinnen an - und mit ihnen mein Pass. Es ist knapp - rein technisch gesehen, müsste ich am nächsten Tag ausreisen. Aber eines muss ich noch tun, bevor ich diesem wunderbaren Land auf Wiedersehen sagen kann: das Mekong-Delta sehen. Wenigstens für eine Nacht.

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