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Juliane Kinast, Bild 1 von 11

Erschöpft von der kulturellen Fülle unserer Tage in Mandalay und Bagan - und von der Affenhitze an beiden Orten - fahren wir an Tag fünf in Myanmar weiter in den Osten. Nach Kalaw. Das kleine, grüne Bergstädtchen verspricht gute Luft und Erholung. Aber die Fahrt im heißen Minibus die Serpentinen hinauf ist eine Tortur und angekommen liege ich erst einmal mit einem fiebrigen Infekt flach. Zum Glück sind wir auf Reisen und nicht im Urlaub, da ist man auf Stolpersteine und Planänderungen gefasst - wenn es überhaupt einen Plan gibt. Also bleiben wir einen Tag länger in Kalaw, spazieren über den kleinen Markt mit frischem Gemüse, Obst und Blumen, zu einem Tempel voller Gold-Buddhas in einer Berghöhle - und dann werden wir mutig.

Traumatisiert vom Minibus schlage ich vor, ob wir den weiteren Weg bis zum Lake Inle, dem 120 Quadratmeter großen See in den Bergen, nicht einfach laufen können. Mein Freund denkt nur kurz darüber nach und sagt dann: "Das ist eigentlich eine gute Idee. Ich habe Hiking zwar schon mal gemacht - aber noch um wirklich von A nach B zu kommen." Und so geht es mir auch. Also fragen wir in Kalaw ein bisschen herum und geraten an Sam. Seine Familie organisiert seit vielen Jahren Wanderungen durch die Berge. Und mit einem seiner Guides können wir nach Nyaungshwe am See wandern - über zwei Tage, inklusive aller Mahlzeiten und Übernachtung für 35.000 Kyat pro Person, nicht einmal 30 Euro.

Ein Pick-up-Taxi fährt uns früh morgens zu unserem Ausgangspunkt, dann wandern wir los. Neben Manuel und mir ein Koreaner, der sich Dragon nennt und mit seinen acht und zehn Jahre alten Söhnen ein Jahr lang um die Welt reist, während seine Frau zu Hause in Südkorea arbeitet, sowie unser Guide Ko Phyo (21 Jahre alt) und der 19-jährige Koch Thar Tun. Beide spazieren mit spitzen Strohhüten auf dem Kopf vorneweg und warten geduldig, wenn wir anderen stehen bleiben, um begeistert zu fotografieren, wie Kinder zwischen grünen Reisfeldern auf einem zahmen Büffel herumklettern oder weiße Ochsen einen Pflug durch die rote Erde eines Feldes ziehen.

Irgendwann allerdings fotografieren wir kaum noch. Wir schauen einfach in die Hügellandschaft ringsum, kraxeln Ko Phyo und Thar Tun über felsige Trampelpfade hinterher und fühlen uns wahnsinnig weit weg von allem. Von Internet, von Motoren, von Verpflichtungen. Ein Gefühl, das ich nicht mehr hatte, seit ich das Outback Australiens hinter mir gelassen habe. Aber eines, in das ich mich inzwischen schnell fallen lassen kann. Mal machen wir Pause im Schatten eines großen Baumes, mal in einem kleinen Dorf, wo uns Frauen sofort dellige Metallkessel mit schwarzem Tee bringen. Zum Mittagessen kehren wir in die Holzhütte einer Bauernfamilie ein, wo Thar Tun eine Gemüsesuppe und gebratene Nudeln auf einer offenen Feuerstelle brutzelt. Die runzlige Hausherrin bietet uns danach "Thanakha" an - eine Paste aus der Rinde eines Baumes mit Wasser, die das Gesicht kühlen und gegen die Sonne schützen soll. Vorsichtig und lächelnd schmiert sie meine Haut ein und bittet dann Ko Phyo, mir etwas zu übersetzen. "Sie sagt, sie findet dich sehr hübsch", erklärt er. Ich glaube, mich hat selten jemand so sehr gerührt, den ich nicht einmal verstehen konnte.

Im Sonnenuntergang erreichen wir Pattupauk (zu deutsch: die Tür), ein Pa-O-Dorf in den Bergen, in dem wir die Nacht verbringen. In einer der traditionellen Holzhütten bei einer Farmersfamilie. Unten schlafen die Tiere, oben die Menschen - auf einem Lager aus bunten Decken auf dem Boden. Die Toilette ist ein Bretterverschlag mit Loch im Boden, die Dusche ein weiterer Holzverschlag mit einem Kübel kalten Brunnenwassers. Aber die Menschen sind herzlich, lachen uns ohne Ausnahme an, das Essen ist frisch und zu meiner Freude vegetarisch - die Dorfgemeinschaft braucht ihre Tiere für die Feldarbeit, die Hühner für ihre Eier, pflegt sie dementsprechend hingebungsvoll und isst sie nur im absoluten Ausnahmefall. Hier oben gibt es kein Fernsehen und keine Telefone.

Vom Weltgeschehen weiß man nichts, erklärt Ko Phyo. Und auf meine vorsichtige Frage, wie es mit der Politik im eigenen Lande aussehe (man soll damit in Myanmar sensibel umgehen, schließlich ist das Land von Stabilität noch immer weit entfernt), sagt er nur, dass interessiere keinen. Spätestens am nächsten Morgen weiß ich auch warum: Dieselben Frauen, die in der Dämmerung die Tiere vom Feld zurück in die Ställe getrieben haben, sind mit ihren Hacken schon wieder auf dem steinigen Ackerboden am Werk, als das erste Sonnenlicht über die Berggipfel kriecht. Es ist ein einfaches, aber sehr offensichtlich glückliches Leben, das man hier oben führt. Und ich bin dankbar, für einen kurzen Moment Teil davon gewesen zu sein.

Mit viel Lachen und Dank verabschieden wir uns von unseren Gastgebern und wandern weiter in die Hitze des Tages, bis wir am frühen Nachmittag das Wasser des Lake Inle vor uns im Tal glitzern sehen. Mit einem kleinen Holzboot schippern wir nach Nyaungshwe, wo wir uns schweren Herzens von Koh Phyo und Thar Tun verabschieden. Die beiden haben uns weit mehr gezeigt als den Weg von Kalaw zum See. Und werden mir genauso in Erinnerung bleiben wie der Moment auf dem Tempel in Bagan.

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