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Juliane Kinast

Ich sitze in Bangkok, nicht einmal 24 Stunden von meinem Abrflug Richtung Deutschland entfernt und versuche ohne großen Erfolg zu begreifen, wie schnell diese 14 Monate auf Reisen vergangen sind, wie lang und gefüllt sie andererseits waren - und dass sie jetzt vorbei sind.

Ich hatte harte Zeiten, ich hatte grandiose Zeiten, ich hatte Durchhänger und Wochen, durch die ich fast atemlos gerannt bin. Ich habe Menschen kennen gelernt, die ganz anders sind, als alle, die ich vorher getroffen habe. Ich habe Orte gesehen, die ich mir niemals erträumt hätte. Ich habe Erlebnisse gesammelt, die ich in meinem Leben nie wieder vergessen werde. Ich war ein Cowgirl im australischen Outback, ich bin ganz allein mit einem Campervan 1800 Kilometer durch die Kimberleys auf dem Great Northern Highway gefahren, ich habe an Melbournes erster Adresse feine Weine kredenzt, bin durch Myanmar gereist, das seine Grenzen erst vor wenigen Jahren geöffnet hat, habe in Okinawa bei einem Meister Karate gelernt, bin durch die Berge im Norden Vietnams gewandert und habe in der Hütte eines H'Mong-Mädchens geschlafen, war in der sagenhaften Tempelstadt Angkor Wat in Kambodscha.

Ich habe nicht eine Minute bereut, mein Auto verkauft, meine Wohnung gekündigt und alles für diese lange Zeit hinter mir gelassen zu haben. Nicht als mich auf der Cattle Station eine verrückte Kuh in den Hintern gerammt und durch die Luft geschleudert hat; nicht als in Melbourne plötzlich nur noch 26 Dollar auf meinem Konto waren; nicht einmal als ich auf Koh Phi Phi in Thailand eine Lebensmittelvergiftung hatte und mein Innerstes nach Außen gekehrt habe. Zwischen all diesen Episoden habe ich eine tiefe Zufriedenheit in mir gefunden, nach der ich 32 Jahre lang suchen musste.

Jetzt freue ich mich wahnsinnig auf die Heimat, auf die Menschen, die ich liebe. Und ich habe Angst. Vor dem durchstrukturierten Arbeitsalltag in Deutschland. Davor, dass mich nicht mehr wildfremde Menschen einfach auf der Straße anlächeln. Davor, dass mich keiner verstehen wird - denn für alle anderen hat sich die Welt 14 Monate lang einfach weitergedreht. Für mich hat sie sich auf den Kopf gestellt.

Ich hoffe, dass ich nicht vergessen werde, was ich gelernt habe. Zumindest wird mich die feine weiße Narbe auf der Kuppe meines rechten Zeigefingers, wo mich im Busch der Bulle mit seinem Horn erwischt und aufgeschlitzt hat, immer daran erinnern. Die wird bleiben. Hoffentlich auch der Entschluss, einfach selbst mal wildfremde Menschen in Düsseldorf auf der Straße anzulächeln. Definitiv die Verliebtheit in die große weite Welt. Ich weiß genau: Ich werde immer wieder reisen.

Und was ich euch (nach diesem Seelenstriptease glaube ich, mir das Recht aufs Duzen verdient zu haben) nach all dem raten kann, ist: Macht mal was Verrücktes! Wenn ihr immer schon Cowgirl sein wolltet, tut es einfach. Wenn ihr immer schon den Mount Everest besteigen wolltet, macht es. Und wenn ihr immer schon fünf Kinder bekommen und Hausfrau sein wolltet, dann macht eben das. Das Leben ist zu kurz, um Träume aufzuschieben - und das Erfüllen von Träumen zu schön, um es nicht zu tun. Ich für meinen Teil werde mir jetzt neue große Träume suchen müssen. Aber ganz in Ruhe bei dunklem Brot, Käse und vor allem Altbier. Und keiner wird dazwischenbrüllen: "Hellotuktuk!" Deutschland hat eben auch etwas für sich

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