Landschaft in Äthiopien
Landschaft in Äthiopien: Das Besondere suchen und Orte sehen, die nicht im Katalog stehen - immer mehr Urlauber wollen genau das. (Foto: Michael Tsegaye)

Landschaft in Äthiopien: Das Besondere suchen und Orte sehen, die nicht im Katalog stehen - immer mehr Urlauber wollen genau das. (Foto: Michael Tsegaye)

dpa

Landschaft in Äthiopien: Das Besondere suchen und Orte sehen, die nicht im Katalog stehen - immer mehr Urlauber wollen genau das. (Foto: Michael Tsegaye)

Bremen (dpa/tmn) - Manche wollen im Urlaub einfach nur Ruhe am Pool, einige nehmen ein Risiko in Kauf - andere suchen es geradezu. Von solchen Urlaubern gibt es immer mehr, wie Rainer Hartmann, Professor für Freizeit- und Tourismus-Management, im Interview erklärt.

Im Urlaub das Risiko zu suchen, kann schlimme Folgen haben. Das wurde vor kurzem bei dem Überfall auf Touristen im Norden Äthiopiens wieder deutlich. Doch der Kreis derer, die im Urlaub das Besondere suchen und sich an Ziele wagen, die noch nicht im Katalog der Veranstalter stehen, wächst trotzdem, sagt Prof. Rainer Hartmann von der Hochschule Bremen. Der Geograf lehrt Freizeit- und Tourismus-Management.

Wie ungewöhnlich sind Reisen zu Zielen wie Äthiopien?

Hartmann: «Studienreisen nach Äthiopien sind nichts Exotisches. Auch Reisen in den Norden des Landes gibt es seit langer Zeit. Allerdings sind zurzeit keine Touren mehr möglich, die Äthiopien und Eritrea kombinieren. Das ist genauso unmöglich wie Reisen durch Eritrea selbst. Die Grenze ist komplett dicht. Auf beiden Seiten stehen sich die Soldaten gegenüber. Und seit dem Krieg von 1998 bis 2000 herrscht zwischen den beiden Ländern diplomatische Funkstille.»

Wie gefährlich sind Reisen durch Äthiopien?

Hartmann: «Genau wie im Jemen gibt es ein paar Ecken, die man praktisch nur mit einheimischen Guides bereisen kann und dann viel Geld dafür bezahlt, auf diese Weise einen gewissen Schutz zu bekommen. Einzelne kleinere Veranstalter fahren in solche Regionen, zum Beispiel weil man dort besondere Naturerlebnisse haben kann. Aber das ist schon grenzwertig.»

Kennen die Veranstalter und die Touristen das Risiko?

Hartmann: «Die Veranstalter kennen die Risiken, ganz klar. Sie zahlen ja auch für die Guides. Ich gehe davon aus, dass den meisten Touristen das auch klar ist. Das sind ja keine typischen Mallorcaurlauber, die nicht einmal wissen, wer Spanien regiert.»

Sind solche Touristen lebensmüde?

Hartmann: «Beim Reisen ein Risiko zu akzeptieren, heißt nicht, dass man jedes Risiko hinnimmt. An den meisten Reisezielen ist das Risiko, entführt oder erschossen zu werden, sehr gering. Das gilt auch für Äthiopien, inklusive der Grenzregion zu Eritrea.»

War nicht vorhersehbar, dass der Konflikt eskalieren könnte?

Hartmann: «Klar ist, dass Äthiopien ein Vielvölkerstaat mit über 80 verschiedenen Ethnien ist. Und an vielen Ecken gibt es Probleme mit einzelnen Bevölkerungsgruppen. In so einer Situation kann es natürlich vorkommen, dass sich eine Gruppe bei der Zentralregierung auf gewaltsame Weise Gehör verschaffen will. Aber in den vergangenen zehn Jahren waren Tausende von Touristen in der Grenzregion, und es ist kaum etwas passiert. Den letzten Zwischenfall gab es 2007.»

Für wen kommen riskante Reisen überhaupt infrage?

Hartmann: «Da sind einmal die Special-Interest-Reisenden, die sich zum Beispiel für Geologie oder Vulkanismus interessieren und deswegen in Regionen wie die Arktis, die Sahara oder eben in die Danakil-Wüste in Äthiopien fahren. Sie interessieren sich für außergewöhnliche Naturphänomene und achten dann nicht auf die damit verbundenen Risiken. Aber das ist eine kleine Gruppe.»

Was für Reisende lassen sich noch auf solche Touren ein?

Hartmann: «Für einige sind solche Risiken der letzte Thrill, den man beim Reisen haben kann. Solche Leute haben oft viel Reiseerfahrung und sind auf der Suche nach Zielen, an denen sich noch etwas Neues erleben lässt. Sie suchen die kontrollierte Grenzerfahrung und wollen zumindest kurzzeitig die Angst im Nacken spüren. Sie bewegen sich im Grenzbereich zwischen Gefahr und vermeintlicher Sicherheit. Aber es ist nur ein kleiner Teil, der beim Reisen buchstäblich das Risiko sucht.»

Welche Gruppe fällt stärker ins Gewicht?

Hartmann: «Häufiger ist der Reisetyp des unkonventionellen Entdeckers. Er will dorthin fahren, wo die Mainstream-Veranstalter nicht hinkommen. Er will das Besondere erleben, das machen, was in seinem Bekanntenkreis noch keiner gemacht hat. Er ist auch bereit, dafür ein erhöhtes Risiko zu tragen, aber er sucht das Risiko nicht bewusst. Tourismus ist in diesem Fall eine Form von Lebensstil für Leute, die sich abheben, die nicht auf den ausgetretenen Pfaden laufen wollen und die sich als Entdecker fühlen wollen.»

Sind immer mehr Reisende bereit, Risiken zu akzeptieren?

Hartmann: «Es ist davon auszugehen, dass es immer mehr werden. Einfach schon deshalb, weil immer mehr heute sehr reiseerfahren sind. Wir in Deutschland reisen sowieso vergleichsweise viel ins Ausland. Ungefähr ein Viertel der Touristen hat den Wunsch, besondere Ziele kennenzulernen. Die Angebote werden gleichzeitig immer ausgefeilter.»

Gibt der Reisemarkt dem nach?

Hartmann: «Eindeutig. Zum einen gibt es immer wieder neue Veranstalter, die immer kleinere Nischen besetzen und die passenden Reisen anbieten. Aber auch die etablierten Veranstalter sind auf der Suche nach neuen Destinationen und nach Zielgebieten, die noch keiner kennt. Das ist ein Trend, der sich fortsetzt. Und je weniger eine Region touristisch erschlossen ist, desto mehr Risiken birgt sie im Prinzip.»

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