Wer an Europas höchstem Berg wandert, entdeckt dabei drei Länder rund um das Gletschermassiv.

Zauberberg: Mit 4810 Metern ist der Mont Blanc der höchste Berg Europas.
Zauberberg: Mit 4810 Metern ist der Mont Blanc der höchste Berg Europas.

Zauberberg: Mit 4810 Metern ist der Mont Blanc der höchste Berg Europas.

dpa

Zauberberg: Mit 4810 Metern ist der Mont Blanc der höchste Berg Europas.

Chamonix. Die Tour de Mont Blanc, von Wanderern TMB genannt, zählt zu den Klassikern der Fernwanderwege in den Alpen. In zehn bis zwölf Tagesetappen kann man einmal um das mächtige Massiv mit seinen Gletschern herumlaufen – aber die Tour lohnt sich auch, wenn man nur eine Woche Zeit hat.

Ein beliebter Ausgangspunkt ist Les Houches, ein paar Kilometer westlich vom schicken Wintersportort Chamonix. Dort starten jedes Jahr auch die Extremläufer, die die 160 Kilometer lange Strecke mit etwa 9000 Höhenmetern im Dauerlauf hinter sich bringen. Der bisher Schnellste hat es in gut 20 Stunden geschafft.

Glänzende, weiße Schneefelder

Wir lassen es langsamer angehen, steigen gemächlich zum Col de Voza auf. Die Beine sollen sich erst warm laufen, der Muskelkater kommt ohnehin früh genug. Am frühen Morgen ist das Massiv noch wolkenverhangen, von Hochgebirge keine Spur.

Doch am späten Vormittag reißt die Wolkendecke auf und gibt einen ersten Blick auf die Schneefelder frei. Der Gipfel in 4810 Metern Höhe ist von dieser Seite noch nicht zu sehen, aber die Aiguille de Bionnassay ragt majestätisch in den blauen Himmel, ein Viertausender scheinbar zum Anfassen nah.

Das Dorf Bionnassay besteht aus wenigen Häusern mit Geranienbalkonen. Von hier aus starteten Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Expeditionen auf den Mont Blanc. Die Pioniere trugen lange Holzstangen, um Halt auf den Schneefeldern zu haben. Die ersten Frauen, die den Gipfel erreichten, trugen mehrere wattierte Röcke übereinander.

Es wird immer enger und steiler

Der Winterferienort Chamonix ist von Deutschland aus mit Auto oder Bahn gut erreichbar. Von dort aus geht eine Bergbahn weiter nach Les Houches.

Der Mont Blanc lässt sich am besten von Ende Juni bis Anfang September umrunden. Aber: Auch im Hochsommer kann es schneien.

Auf den Hütten wird mit Bargeld gezahlt. In den Orten im Tal gibt es Geldautomaten.

Die meisten Berghütten bieten Mehrbettzimmer oder schlichte Matratzenlager.

Knöchelhohe Bergschuhe, Wanderstöcke, Fleece, Regenjacke, Sonnencreme, Handschuhe, Wasserflasche, Hüttenschlafsack und Trekkinghandtuch sind unerlässlich. Beim Packen aufs Gewicht achten, beim Aufstieg bedauert man jedes unnötige Gramm.

Mit unseren Teleskop-Wanderstöcken und Funktionsshirts laufen wir weiter, bis wir am frühen Abend in Les Contamines eintreffen. In der Wanderherberge gibt es eine ordentliche Portion Spaghetti Bolognese. Anschließend lauschen wir dem großen internationalen Schnarchkonzert im Schlafsaal.

Der Weg zum Col du Bonhomme am nächsten Tag führt zunächst durch Nadelwälder, danach wird es felsiger und rauer, der Weg enger und steiler. Die Lungen füllen sich mit frischer, sauberer Luft. Hier und da grasen Kühe. Auf dem Pass kann es auch im Hochsommer schneien.

Am nächsten Tag geht es zum Col de la Seigne hinauf. Er markiert die Grenze zu Italien – und bietet endlich einen Blick auf den Gipfel des Mont Blanc. Wer tagelang um ihn herumläuft, will ihn schließlich irgendwann betrachten.

Benvenuti in Italia! Auf der ersten Hütte auf italienischer Seite schmeckt der Cappuccino mindestens so gut wie in einer römischen Bar. Die Hütte Rifugio Elisabetta liegt in unmittelbarer Nähe eines Gletschers. Wie eine erstarrte Lawine klebt die weiß-graue Eismasse am Berg, ein unheimlicher Anblick.

Mehrere Routen-Varianten sind möglich

Besonders zu empfehlen ist die Route über den 2758 Meter hohen Mont Fortin. Der Weg passiert klare Bergseen, in denen sich die schneebedeckten Gipfel spiegeln. Auf dem Gipfel steht man dem Mont Blanc direkt gegenüber – mit gut zwei Kilometern Höhenunterschied.

Nach ein paar Tagen kennt man seine Mitwanderer, die häufig in derselben Hütte übernachten. Spitznamen sind schnell gefunden, „die Hundetruppe“, „die schnellen Briten“, „der Schnarcher“. Tagsüber überholt man sich immer wieder gegenseitig, je nachdem, wer gerade eine Pause einlegt.

Doch die TMB droht Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden. Während des Sommers sind die Hütten meist rappelvoll. Es wird empfohlen, vorher die Übernachtungen zu reservieren – auch wenn in den Bergen niemand abgewiesen wird, der es nicht mehr bis zur nächsten Hütte schaffen würde.

Nach Courmayeur hinunter zieht sich der Weg, der Abstieg macht Knien und Oberschenkeln zu schaffen.

Am nächsten Tag geht es wieder auf knapp 2000 Meter hinauf und dann ohne große Höhenunterschiede bis „zum Walter“. Die Wanderherberge Walter Bonatti ist nach Ansicht vieler Wanderer die Königin der Hütten. Sie ist benannt nach einem der berühmtesten Bergsteiger und Abenteurer Italiens.

Schwarz-Weiß-Fotos zeigen ihn in den 70er Jahren an Eiswänden in den Anden, in einem Kanu auf dem Kongo. Die Hütte ist perfekt für Wanderer eingerichtet: Es gibt Haken für die Wanderstöcke, Hüttenschuhe und einen geheizten Trockenraum für nasse Wäsche.

Über den Col Ferret geht es in die Schweiz hinüber. Ein letzter Blick zurück zum Gipfel des Mont Blanc – ein Zauberberg, der aus jeder Perspektive anders aussieht. Wer ganz um ihn herum will, hat hier noch das Ferret-Tal und die Nordseite vor sich. Aber auch wer aus der Schweiz zurückfährt wird das Bild des Gipfels nicht so schnell aus dem Gedächtnis verlieren.

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