Eisbärmama mit Kind
Die Hauptstadt der weißen Riesen: Rund um Churchill gibt es viele Eisbären. Foto: Stefan Weißenborn

Die Hauptstadt der weißen Riesen: Rund um Churchill gibt es viele Eisbären. Foto: Stefan Weißenborn

Aufmerksamer Beobachter: ein Eisbär in der Nähe von Churchill. Foto: Stefan Weißenborn

An kaum einem anderen Ort der Erde lassen sich Eisbären so gut beobachten wie in der Gegend um Churchill in Kanadas Provinz Manitoba. Foto: Stefan Weißenborn

Schon im Oktober fällt in Churchill der erste Schnee. Foto: Stefan Weißenborn

Wenn Eisbärentouristen den Tieren nahe kommen wollen, besteigen sie in Churchill einen Tundra Buggy. Foto: Stefan Weißenborn

Bär im Fokus: Direkt vor die Hütte wagen sich die weißen Riesen. Foto: Stefan Weißenborn

Sicher ist sicher: Ein Nagelbrett vor der Hütte soll die Eisbären fernhalten. Foto: Stefan Weißenborn

Begegnung zwischen Mensch und Tier: Die Eisbären haben keine Scheu. Foto: Stefan Weißenborn

Warnung: Die grünen Schilder machen auf die Gefahren der Wildnis aufmerksam. Foto: Stefan Weißenborn

Nicht ohne Waffe: Die Schrotflinte ist beim Gang vor die Haustür in Churchill Pflicht. Foto: Stefan Weißenborn

Churchill in Kanada vermarktet sich als Eisbärenhauptstadt. Foto: Sven-E. Hauschildt

dpa, Bild 1 von 11

Die Hauptstadt der weißen Riesen: Rund um Churchill gibt es viele Eisbären. Foto: Stefan Weißenborn

Churchill (dpa/tmn) - Churchill in Kanada vermarktet sich als Welthauptstadt der Eisbären. Nirgends ist man den weißen Riesen so nahe wie auf einer Tour durch die Tundra. Ohne bewaffnete Bodyguards sollten Besucher aber besser nicht losgehen.

«Bärenmama, das ist nah genug!» Mit tiefer Stimme haucht Terry Elliot der Bärin die Worte entgegen. Diese setzt ihre dicken Tatzen behäbig voreinander und bleibt dann stehen. 30 Meter ist das Raubtier noch von den Touristen entfernt, aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist das Junge, das noch näher herangetapst kommt.

Die Bärenmama gähnt. «Ein Zeichen von Stress, sie sorgt sich um das Junge», flüstert Elliot. «Bleibt jetzt dicht zusammen!» In der Gruppe, so hatte der Guide zuvor erläutert, sei man sicherer vor Attacken der weißen Tundrabewohner. Und im Ernstfall zu türmen, habe ohnehin keinen Sinn. «Eisbären sind schneller als ein Rennpferd.»

In seiner Jackentasche kramt der Touristenführer mit Zottelbart und langem Zopf nach ein paar dicken Steinen, die er zur Abschreckung den Bären entgegen werfen will, doch da hoppelt der Kleine wieder Richtung Mama. Die Situation entspannt sich.

Der Aufenthalt in der gezimmerten Holzhütte, mitten in die Einsamkeit der Tundra Manitobas ist wahrhaftig exklusiv - trotz Stockbetten, nackten Energiesparbirnen und der Abwesenheit von Fönen. Wann hat man schon einmal mit Jagdgewehren bewaffnete Bodyguards? Oder ein zweijähriges Knuddeltier aus Fleisch und Blut vor der Hüttentür, das sich dort mit dem köstlich duftenden Schuhwerk der zweibeinigen Eindringlinge beschäftigt? Es ist eine umgedrehte Zoo-Situation, draußen das Tier, drinnen die aufgeregten Gäste.

An kaum einem anderen Ort der Erde lassen sich Eisbären so gut beobachten wie in der Gegend um Churchill in Kanadas Provinz Manitoba. Hier fließen zwei Flüsse in das riesige Randmeer der Hudson Bay, das dort wegen des Süßwassers früh gefriert. Von diesem unwirklichen Ort aus brechen zum Winter viele Eisbären auf, Robben jagen auf der erstarrten Bucht.

«Die Konzentration an Eisbären hier ist weltweit die höchste», sagt Elliot. Nur das norwegische König-Karl-Land bei Spitzbergen und die russische Wrangelinsel nördlich von Sibirien könnten mit Churchill mithalten, seien aber schlechter zu erreichen. 900 bis 950 Eisbären zählt die Western-Hudson-Bay-Population, noch vor zehn Jahren waren es 1200. Immer länger bleibt die Bucht eisfrei, immer kürzer wird die Jagdsaison. Der Klimawandel trifft auch die Bären. «An einem Tag im Sommer waren wir mit 37 Grad der heißeste Ort Kanadas», sagt Elliot.

«Welthauptstadt der Eisbären» - mit diesem Beinamen schmückt sich Churchill mit seinen rund 900 Einwohnern. Im Grunde aber ist dieses Etikett nichts als eine große Verbeugung vor dem Eisbären, denn ohne ihn wäre Churchill wohl eine Geisterstadt. Als in den Achtzigern die im Zweiten Weltkrieg errichtete Militärbasis geschlossen wurde, verließen viele Einwohner Churchill, und mit dem Handel von Fell war ohnehin kein Geld mehr zu verdienen. Es ging wirtschaftlich bergab.

Die Nähe der großen Fleischfresser sorgt zuweilen bis heute für Unmut. Während Menschen wie Elliot sie als Attraktion präsentieren, haben es die Ranger in Churchill mit den Problembären zu tun. «Neulich mussten wir einen 270-Kilo-Kerl erschießen», sagt Bob Windsor, einer von sechs sogenannten Natural Ressource Officers in Churchill, eine Neun-Millimeter-Pistole am Gürtel. «Wir haben versucht, ihn mit dem Pick-up aus der Stadt zu vertreiben. Schließlich rannte er uns ins Auto. Sehen sie die Beule? Ich hatte Angst, dass das wild gewordene Tier durch das Seitenfenster kommt.»

Das Erschießen sei nur in solchen Notfällen eine Lösung, versichert der 49-Jährige. Bären, die bevorzugt nachts durch die Straßen zögen, würden normalerweise betäubt und ins Eisbärengefängnis gebracht. In diesem weltweit wohl einzigartigen Gebäude am Stadtrand sitzen mal 10, mal 30 Eisbären ein. «30 Tage bleiben sie dort, bekommen keine Nahrung und nur Wasser, dann werden sie ausgeflogen.» Von Gefangenschaft und Diät verspreche man sich, die Tiere abzuschrecken und damit dauerhaft fernzuhalten. Doch funktioniert das laut Windsor nur bedingt.

Also bleiben Churchill und der Eisbär bis auf Weiteres miteinander verbunden - mit einem sympathischen Nebeneffekt auf das soziale Leben. Denn der Eisbär zwingt die Einwohner zwar in dauerhafte Hab-Acht-Stellung, sorgt aber zugleich für menschliche Nähe. «Wir vertrauen einander sehr», sagt Elliot. «Wir schließen die Türen unserer Häuser und Autos nicht ab.» Drohe eine ungemütliche Mensch-Eisbär-Begegnung, könne man schnell Unterschlupf finden.

Doch das Zusammenspiel von Raubtier und Mensch ist voraussichtlich nicht von unbegrenzter Dauer: Nach Angaben der Schutzorganisation Polar Bears International werden die Eisbären gegen Mitte des Jahrhunderts von den Ufern der Hudson Bay verschwunden sein. «Schon jetzt zeigen sie ein sehr ungewöhnliches Verhalten, sie fressen aus Hunger manchmal Krähen- oder Preiselbeeren, was sonst nur schwangere Tiere tun», hat Touristenführer Elliot beobachtet. Seine Gäste interessiert in diesem Moment etwas anderes: Das Junge rollt sich auf den Rücken, wirft die Tatzen in die Luft und steckt die Nase in den Schnee. Die Mutter steht daneben und sieht zu. Gähnen muss sie nicht. Der Abstand von Mensch und Tier ist in diesem Moment groß genug.

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