Schöne Badestrände sind nur eine Seite der Kapverdischen Inseln. Im Viertel Ribeira Bote, einer früheren No-Go-Area, lernen Touristen die andere Seite kennen. Sie ist von Armut geprägt, aber auch von Nestwärme und heißem Kaffee.

Schöne Badestrände sind nur eine Seite der Kapverdischen Inseln. Im Viertel Ribeira Bote, einer früheren No-Go-Area, lernen Touristen die andere Seite kennen. Sie ist von Armut geprägt, aber auch von Nestwärme und heißem Kaffee.
Die Straßen werden bunter: Graffiti mit Nationalheld Amilcar Cabral.

Die Straßen werden bunter: Graffiti mit Nationalheld Amilcar Cabral.

Wäsche aufhängen neben einem Boot – ein typisches Bild in Ribeira Bote. Fotos (2): Martin Cyris

So kennen Urlauber die Kapverdischen Inseln: Weite Strände und Meer, so wie hier auf Sal. Doch ein Besuch bei den Einheimischen lohnt sich.

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Die Straßen werden bunter: Graffiti mit Nationalheld Amilcar Cabral.

Da ist sie wieder, diese Stimme. Sie verfolgt mich schon die ganze Reise und geht nicht mehr aus dem Ohr. Eine wehmütige Frauenstimme voll bittersüßer Melancholie und Sehnsucht. Und gleichzeitig voller Sanftmut und Wärme. Am Flughafen schlich sie zur Begrüßung aus Deckenlautsprechern. An den Stränden aus einfachen Bars. Und in den Städten aus schicken Hotel-Lobbys. Jetzt klingt sie über eine staubige Straße, in der sich ein unverputztes Steinhaus ans andere reiht. Es ist die Stimme von Cesária Évora, dem Weltstar der kapverdischen Musik. Gewinnerin des prestigeträchtigen Grammy-Awards. In dieser prestigelosen Nachbarschaft wuchs die Sängerin auf. Zwischen notdürftigen Hütten in Ribeira Bote, einem Armenviertel auf der Insel São Vicente, gelegen in einem Randbezirk der Stadt Mindelo.

Hütten aus plattgewalzten Ölfässern

„Früher standen hier nur Blechhütten“, erklärt Freddy Gomes. Der 33-Jährige kommt aus Ribeira Bote. Er führt Besucher durch sein Revier. „Die Hütten wurden aus plattgewalzten Ölfässern gebaut“, sagt Gomes. Im Volksmund heißen diese bunten Behausungen casa tambor – Trommelhütte. Weil die Fässer als Trommeln benutzt wurden.

Freddy öffnet ein Tor. Dahinter lebt in einer dieser Blechhütten Tereza. Auf nicht einmal 40 Quadratmetern hat sie alleinstehend sechs Kinder großgezogen. Es gibt Wohnzimmer, Küche, Schlafseparées und ein Bad. Das Wasser kommt aus einem Tank. Sogar über eine kleine Waschstelle und einen umzäunten Vorgarten verfügt Terezas Haus. „Armut ist relativ“, sagt einer ihrer erwachsenen Söhne, „es kommt darauf an, was man daraus macht und wie man sein Zuhause pflegt.“ Bei der Verabschiedung bittet er uns, ein Foto zu machen, wie er seiner Mutter einen Kuss auf die Wange drückt. So stolz sei er auf sie und was sie mit wenigen Mitteln erreicht habe. Nämlich sechs Kindern ein behütetes Zuhause zu geben.

Früher gab es viele Bootsbauer

Auf der Straße vor Terezas Haus spielen Kinder, Hunde streunen herum. Vor einem Haus hängt eine ältere Frau Wäsche auf, daneben liegt ein Fischerboot im Staub, weit weg vom Meer. Der Name Ribeira Bote bedeutet im Kreolischen so viel wie „Bootsschlucht“. In der Gegend gab es früher viele Bootsbauer. In den Bars spielen Männer Karten oder Tischfußball. Ältere Bewohner sitzen vor ihren Häusern, ein paar Jüngere laufen geschäftig umher. Etwa Dinara, unter ihrem Arm eine große Plastikbox voller pastels – gefüllte Teigtaschen, die jeder Kapverden-Urlauber kennt. Diese will sie am Stadtstrand von Mindelo verkaufen. Sie reicht eine Handvoll pastels herüber, ohne etwas dafür zu wollen, und lächelt einladend.

Es ging nicht immer so herzlich zu in Ribeira Bote. Noch vor wenigen Jahren war es eine No-Go-Area. Einheimische mieden die Gegend, Touristen wurde erst recht von einem Besuch dort abgeraten. An der Tagesordnung waren Drogen, Gewalt, Raub. „Kasa bodi nennen das die Bewohner“, erklärt Freddy Gomes. Ein kreolisches Wort, aus dem Englischen abgeleitet: casual body. Im Gangsterslang bedeutet es so viel wie jemanden zu erleichtern – um dessen Habe.

Sozialer Frieden und Farben für das Viertel

Wie dieser Begriff so wurde auch die organisierte Kriminalität eingeschleppt. „Es war hauptsächlich ein importiertes Problem“, sagt Markus Leukel, ein deutscher Reiseleiter, der Touristen durch die Straßen begleitet. Vor rund zehn Jahren schickten die USA auf einen Schlag mehrere Dutzend kriminell gewordener Auswanderer auf die Kapverdischen Inseln zurück. Viele schlüpften in Ribeira Bote unter. „Da waren richtig schwere Jungs darunter“, erinnert sich Leukel. Von 2008 bis 2010 tobten Bandenkriege.

„2011 wurde es endlich besser“, sagt Leukel. Dank einer Sondereinheit der Polizei, die sich in den brasilianischen Favelas von Rio de Janeiro schulen ließ. Und dank der Unterstützung der Geistlichkeit: Frey Silvino, ein italienischer Kapuzinerbruder und Streetworker, fand einen Draht zur Bevölkerung und gründete ein Sozialprojekt: Die „Comunidad Ribeira Bote“ leitete eine Reihe von Maßnahmen ein, um den sozialen Frieden wieder herzustellen. Dazu gehören inzwischen auch die Besucherführungen. Aber zuvor standen Werkgruppen für Drogenabhängige oder Fortbildungskurse für Jugendliche und Arbeitslose auf dem Plan. Dem zuvor schmucklosen Kindergarten besorgten sie Stifte, Spielzeug und Wandfarbe. „Ein paar Polizisten haben beim Streichen geholfen“, erzählt Freddy Gomes. Und zwar freiwillig in ihrer Freizeit.

Die neue Art des Reality-Tourismus’

Das Projekt machte das Leben der Bewohner nicht nur friedlicher, sondern auch bunter. Eine zentrale Straße von Ribeira Bote wurde gleich gänzlich in Farbe getaucht. An einer Häuserecke außerdem ein Graffiti des kapverdischen Nationalhelden Amilcar Cabral angebracht. Versehen mit einem seiner Zitate: „Wir wollen Freiheit und Frieden!“ Rap-Musiker kommen an diese Stelle, um Videos zu drehen. Auch aus anderen Teilen von Mindelo wagen sich wieder Menschen ins Viertel.

Bei aller Genugtuung über die Befriedung von Ribeira Bote: Die Armut ist nach wie vor allgegenwärtig. Die Arbeitslosigkeit auf São Vicente ist höher als auf jeder anderen Insel der Kapverdischen Inseln. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 30, die Perspektivlosigkeit trifft vor allem die junge Generation.

Die Kapverden, das seien nicht nur schöne Sandstrände – hauptsächlich auf den Inseln Sal und Boavista – sondern auch der tägliche Kampf ums Überleben. „Was wir machen ist Reality-Tourismus“, sagt Gomes. Einem Touristen ist in Ribeira Bote angeblich noch nie etwas zugestoßen. Bekanntschaft kann man allerdings mit der Gastfreundschaft der Bewohner machen: An einer Straßenecke kniet João, genannt: John. Vor sich einen großen Steinmörser gefüllt mit gerösteten Kaffeebohnen. „Auf den Kapverden stampfen wir den Kaffee“, erklärt er. Das Ergebnis ist wunderbar duftend und aromatisch. Wovon wir uns an Ort und Stelle überzeugen können. Denn João hat uns spontan zu sich nach Hause eingeladen. Schnell gesellt sich die halbe Verwandtschaft und Nachbarschaft hinzu – und Cesária Évora, auf CD.

Die Reise wurde unterstützt von One World Reisen mit Sinnen.

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