Die Fahrt mit der Pferdekutsche auf die Insel Neuwerk ist eine der großen Attraktionen an der deutschen Nordsee.

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Gut einpacken, und ab geht die Post: Vom Festland durchs Watt auf die kleine Insel Neuwerk.

Gut einpacken, und ab geht die Post: Vom Festland durchs Watt auf die kleine Insel Neuwerk.

Schacht 11

Gut einpacken, und ab geht die Post: Vom Festland durchs Watt auf die kleine Insel Neuwerk.

Windstärke fünf, alles schaukelt. Der holzbeplankte Boden unter den Füßen hüpft auf und ab, schüttelt und bockt. Vielleicht wären Pillen gegen Seekrankheit doch keine so ganz schlechte Idee gewesen.

An der See kann’s nicht liegen, die ist nämlich gerade gar nicht da. Es ist Ebbe, und im Watt vor Cuxhaven hat sich der allmorgendliche Treck Richtung Westen in Bewegung gesetzt: Bestimmt 20 Pferdewagen, vollbesetzt mit dick eingepackten Urlaubsgästen, holpern über den schlammig-holprigen Grund der Insel Neuwerk entgegen - jenem Eiland, das (Luftlinie gemessen) acht Kilometer vor der Küste im Schlick der Nordsee steckt.

Hoch auf dem gelben Wagen mit zwei PS

Wir machen mit der "Wattenpost” ’rüber - acht Fahrgäste und Kutscher Jan Brütt, hoch auf dem gelben Wagen. So hoch, dass man eine Leiter erklettern muss, um einzusteigen - dafür aber nicht gleich fortschwimmt, wenn ein Priel mal tiefer ist als er aussieht. Die 90-minütige Kutschfahrt vom Ortsteil Duhnen ist eine der touristischen Attraktionen des Nordseeheilbads Cuxhaven.

Jan Brütt kutschiert nicht nur fußfaule "Nordrhein-Vandalen”, wie Vertreter der größten Urlaubergruppe hier liebevoll genannt werden, durchs Watt. Seit 1880 bringen die Brütts im Auftrag der Post Briefe und Pakete auf die nur drei Quadratkilometer große Insel, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Passagiere befördert der 48-Jährige von Mai bis Oktober, die Post aber kennt keine Gästesaison: Zweimal pro Woche, auch im Winter, bringt Brütt Medikamente, Kleinkram und Briefe ’rüber auf die Insel. 35Einwohner leben auf Neuwerk. Immerhin, Sonderwünsche lassen sich bei dieser überschaubaren Kundenschar meistens problemlos erfüllen: "Wenn jemand von drüben anruft und gerade eine Dose Haarspray braucht”, ruft Brütt gegen den Wind und rückt die dicke Wollmütze auf dem Kopf zurecht, "dann bring’ ich ihm die auch noch mit.”

An kalten Januartagen, wenn oben auf dem Bock der Atem im Schnurrbart zu Eis gefriert, kann so eine Kutschfahrt durchs Watt eine verdammt einsame Angelegenheit sein, an kalten Frühsommertagen wie diesem - an warmen erst recht - fährt Brütt Kolonne. Ohne Voranmeldung ist kein Platz im Wagen zu bekommen. Zehn Betriebe bieten von Cux aus Kutschfahrten durch das größte zusammenhängende deutsche Wattgebiet zwischen Elbe- und Wesermündung an.

Moritz und Leica traben über den schmatzenden Meeresgrund Fast jeder Cuxhaven-Urlauber will einmal einen Fuß auf jenes eckig geformte Stück Land setzen, das kurioserweise zum 140 Kilometer entfernten Hamburg gehört und auf dem es eine Schule mit sechs Schülern, drei Autos, ein paar Gasthäuser und Hotels, einen Friedhof und vornehmlich eins gibt: Ruhe. Weil aber der dreistündige Fußmarsch durch den zähen Schmodder nicht jedermanns Sache ist, gibt es die beliebten Kutschfahrten. Watt für Wandermuffel.

Moritz und Leica, die beiden Kutschpferde, traben durch den Morast. Wasser spritzt auf, wenn die dicken Gummireifen Pfützen und Priele durchschneiden. Das schmatzende Geräusch der Hufe auf dem nassen Sand mischt sich mit dem Rauschen des Nordost-Winds. Und die Seeluft, die so herrlich prickelt in der Nase, beruhigt die Magennerven schneller als jede Pille aus der Apotheke.

Brütts Passagiere halten Ausschau nach den Lachmöwen, die über den Wagen ihre Kreise ziehen, beobachten die schwarz-weißen Austernfischer, die im Schlick nach einer Mahlzeit suchen oder zählen die Container- Schiffe, die hintereinander aufgereiht die Elbmündung passieren.

Faszinierend ist diese Fahrt durch die eintönig graue Wildnis. Und ein bisschen gruselig: Wo die Reifen jetzt ihre Abdrücke in den Schlick kneten, steht bei Flut das Wasser drei Meter hoch.

"Das Watt”, erzählt Brütt, der seit 30 Jahren auf dem Bock sitzt, "ist trügerisch, es verändert sich ständig.” Deswegen zählt im erlauchten Kreis der Wattfahrer vor allem Erfahrung. Drei Jahre lang dürfen Neulinge zunächst nur in der Kolonne mitfahren. Nach frühestens sechs Jahren im Watt kann die Hauptfahrer-Prüfung abgelegt werden, in der die Kutschen-Kapitäne profunde Kenntnisse über Wetter und Strömungsverhältnisse nachweisen müssen.

Hauptfahrer wie Jan Brütt sind die Chefs im Watt, alljährlich legen sie die Wegstrecke zur Insel neu fest und markieren sie mit Pricken, jenen Wegmarkierungen, die wie umgedrehte Besen alle 20 Meter aus dem Meeresboden ragen. Und ihr Wort ist Gesetz: "Wenn ein Hauptfahrer sagt, wir kehren um, dann wird umgekehrt.”

Heute wird nicht frühzeitig kehrt gemacht, weder Nebel noch Gewitter, der schlimmste Feind des Wattfahrers, drohen. Neuwerk ist erreicht, und im Schatten des Leuchtturms, eines wuchtigen Backsteinbaus aus dem frühen 14. Jahrhundert, wird gerastet. Wer will, klettert die 138 Stufen hoch. Andere statten dem Naturpark-Zentrum der Insel einen Besuch ab oder stärken sich im Imbiss- und Andenkenladen "Dütt un’ Datt” mit Heringsbrötchen. Und dann - nach nur einer Stunde Aufenthalt - wird es Zeit für die Rückkehr. Denn die nächste Flut kommt bestimmt.

Kutschfahrten ab Duhnen und Sahlenburg kosten 25 Euro pro Person. Telefon Wattenpost: 04721/48139. Weitere Informationen: Nordseeheilbad Cuxhaven, Telefon 04721/404142.

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