Die Amsterdamer Bruin Cafés zeigen die traditionelle Seite einer jungen Stadt.

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So sehen sie aus, die typischen Bruin Cafés in den Straßen von Amsterdam. Gemütlichkeit steht hier im Mittelpunkt.

So sehen sie aus, die typischen Bruin Cafés in den Straßen von Amsterdam. Gemütlichkeit steht hier im Mittelpunkt.

Ulrich Traub

So sehen sie aus, die typischen Bruin Cafés in den Straßen von Amsterdam. Gemütlichkeit steht hier im Mittelpunkt.

Amsterdam. Ganz anders als in deutschen Kneipen, in denen man entweder ins Glas starrt oder über das Wetter und Fußball redet, soll es hier zugehen. Aber haben wir da nicht gerade das Wörtchen Ajax gehört? Und redet jetzt nicht der Herr an der Theke mit Händen und Füßen und zeigt immer wieder auf seinen Regenschirm? Na, so viel anders geht es in den berühmten Bruin Cafés von Amsterdam dann doch nicht zu. Ansonsten aber ist diese Institution des öffentlichen Lebens in der niederländischen Hauptstadt ziemlich einmalig.

Charmant nostalgische Orte der Ruhe

Denjenigen, der häufiger nach Amsterdam reist, mag das Gefühl beschleichen, dass diese Stadt überhaupt nicht altert. Im Gegenteil, sie erscheint eher jünger, vitaler und dynamischer. Sie ist ein Evergreen, von dauernder Unruhe und der Suche nach Neuem durchdrungen.

Waren immer schon so viele Radfahrer unterwegs? Hatten die Geschäfte auch beim letzten Sonntagsbesuch geöffnet? Andernorts mag der kleine Einzelhandel sterben, aber hier findet man mühelos immer wieder neue Geschäfte mit originellem Warenangebot. Überall machen Plakate auf das nächste Konzert, die anstehende Party oder kleine Ausstellungen aufmerksam.

Gut, dass es die Bruin Cafés gibt, werden sich da viele sagen. Innehalten, auftanken, um sich dann wieder ins pulsierende Leben auf den Straßen zu mischen. Eine abgegriffene Formulierung wie "hier ist die Zeit stehen geblieben" trifft auf die Amsterdamer Bruin Cafés absolut zu - zumindest im Hinblick auf Mobiliar und Atmosphäre. Dunkles Holz, knarzende Dielen, Tische und Stühle nicht gerade vom selben Designer entworfen, Wände und Decken gezeichnet von der Patina des Tabakrauchs sowie allerhand Erinnerungsstücke der Besitzer - von historischen Fotos, Delfter Tellern oder einer Kopie von Rembrandts "Nachtwache" bis zur Glocke, mit der die letzte Runde eingeläutet wird: Die Bruin Cafés bieten den Menschen von heute eine charmant nostalgische Kulisse.

Hier kommen die Gäste flott ins Gespräch

Mit dem Designer-Schick neuerer Cafés und Bars haben die Bruin Cafés so gut wie nichts gemein. Allerdings ist auch der Begriff Café irreführend. Er geht zurück auf eine Zeit, in der es als chic galt, ein Café aufzusuchen. Bei uns würde man eher von Kneipe oder Schänke sprechen. Es sind immer noch nur wenige Touristen, die sich in diese Etablissements trauen. Dabei hat das, was die Amsterdamer an ihren Bruin Cafés so schätzen, auch einen Reiz für Fremde: Geselligkeit und Gemütlichkeit. In den meist kleinen Gasträumen, in denen die Tische eng beieinander stehen, kann man durchaus mit den Einheimischen, von denen viele ein bisschen Deutsch und die meisten ganz gut Englisch sprechen, ins Gespräch kommen.

Diskutieren an der Theke hat eine lange Tradition

Von Musik wird man in den Bruin Cafés nicht abgelenkt. Auf die können die Stammgäste auch verzichten. Es sei denn, man singt selbst - wie im "Twee Zwaantjes" an der Prinsengracht, in dem abends regelmäßig Volkslieder in großer Runde angestimmt werden. Ansonsten bestimmt Gläsergeklirr und Stimmengewirr den Sound der Bruin Cafés. Wie etwa im "Café Hoppe" am Spui. Hier wird schon früh am Tag an der langen Theke heftig diskutiert. Das hat eine lange Tradition, denn bereits seit 1670 wird im "Hoppe" Bier ausgeschänkt.

So irrt denn auch, wer glaubt, dass von Hollands so genanntem Goldenen Jahrhundert nur die Kunstschätze übrig geblieben sind. Gleich in mehreren der heute noch existenten Amsterdamer Bruin Cafés wird seit dem frühen 17. Jahrhundert Gerstensaft über den Tresen gereicht. "Café Chris" und "Papeneiland" gehören zu den ältesten Kneipen der Stadt. Sie stehen neben vielen anderen im Jordaan, dem früheren Arme-Leute-Viertel, das schon seit vielen Jahren Alternative und Kreative anlockt. Auch das "’t Smalle" ist eine Institution im Jordaan. Früher Geneverbrennerei, heute urige Pinte - selbst Königin Beatrix war schon hier. "Jordaan-Kneipen sind Wohnzimmer", sagt der Schriftsteller Cees Nooteboom, "eine Welt für sich, abgeschlossen von der Welt da draußen." Vor der Theke sind alle gleich, heißt es. Tatsächlich trifft man in einem Bruin Café den Geschäftsmann im Gespräch mit dem Hausmann, die Zeitung lesende Studentin am Tisch mit den Karten spielenden Omis. In den Bruin Cafés, die zu Amsterdam gehören wie die Grachten, das Rijksmuseum und der Rotlicht-Bezirk, ist die Kneipenwelt eben noch in Ordnung.

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