Verwunschene Ruinen im Harz, wie hier Regenstein: Der Stoff, aus dem Andersens Märchen sind.
Verwunschene Ruinen im Harz, wie hier Regenstein: Der Stoff, aus dem Andersens Märchen sind.

Verwunschene Ruinen im Harz, wie hier Regenstein: Der Stoff, aus dem Andersens Märchen sind.

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Verwunschene Ruinen im Harz, wie hier Regenstein: Der Stoff, aus dem Andersens Märchen sind.

Düsseldorf. Der Harz steckt voller Mythen und Legenden. Was kaum einer weiß: Auch Hans Christian Andersen fand dort den Stoff für die Geschichten, mit denen er zum berühmtesten Märchenerzähler der Welt wurde.

Mehr als 160 „Es war einmal“-Geschichten hat Hans Christian Andersen (1805-1875) hinterlassen. In fast alle Sprachen der Welt übersetzt, wurden Dutzende darüber hinaus zum Stoff für Theater, Film und Oper.

Mit 26 Jahren kam der Dichter erstmals nach Deutschland

Auch Andersens Leben trägt durchaus märchenhafte Züge. Als Sohn eines bettelarmen Schusters aus Odense zog er als 14-Jähriger los, fand im dänischen König einen Förderer, wurde Dichter und schließlich reich und berühmt. Doch bis dahin war es ein langer Weg, denn mit seinen Gedichten, Dramen und Romanen erntete er zunächst nur Hohn und Spott.

Wohl auch deswegen floh der damals 26-Jährige 1831 erstmals aus seiner dänischen Heimat. Deutschland war sein Ziel. Mit wenig Geld und schwerem Herzen zog der noch unbekannte Student in die Ferne.

Denn das Mädchen, das er liebte, war schon einem anderen versprochen. Die alte Geschichte eben, wie sie Dichterkollege Heine wenige Jahre vorher in seinem „Buch der Lieder“ beklagt hatte.

Auf dessen „Harzreise“-Spuren war Andersen denn auch unterwegs, als er zunächst per Schiff über Travemünde und Lübeck und weiter mit der Postkutsche nach Goslar reiste. Von dort wanderte Andersen durch den Harz nach Eisleben, um danach wiederum mit der Kutsche über Halle, Merseburg, Leipzig und Dresden nach Berlin und zurück nach Kopenhagen zu fahren.

Denkwürdig wurde diese erste Deutschlandtour jedoch vor allem durch jene Harzwanderung aus Liebeskummer. Der Herzschmerz machte den ohnehin sensiblen Mann besonders empfänglich für Stimmungen und Seelenschau – nachzulesen in seinem Tagebuch „Schattenbilder von einer Reise in den Harz“.

Immer wieder hat der Flachländer festgehalten, wie sehr ihn die Gebirgswelt gefangen nahm: „Fremde Orte mit fremden Menschen wechselten ab, eine neue Welt tat sich in den Bergen vor mir auf, ich war von Gottes herrlicher Natur umgeben.“

In Braunschweig besuchte er eine Theateraufführung, die ihn „in heftigen Aufruhr“ versetzte. Um sich zu beruhigen, berichtet er in seinen „Schattenbildern“, habe er sich selbst ein Märchen erzählt, in dem er das Theaterstück ironisch verfremdete.

Diese Geschichte aus seinem Reisebuch gilt als das erste veröffentlichte Märchen von Andersen überhaupt. Von Braunschweig aus sah er auch zum ersten Mal den sagenumwobenen „Blocksberg“ und schwärmte: „Fernhin am Horizont erhob sich der Harz mit dem Brocken, der wie eine graue Gewitterwolke unter den anderen sonnenbeleuchteten Wolkenbergen hervorragte. Es war ein vollendetes Gemälde.“

Der Harz mit seiner wilden unberührten Natur, den mächtigen Bergen und schroffen Felsen, den Burgen und Ruinen war überhaupt der Sehnsuchtsort der Romantiker und Dichter. Klopstock, Goethe, Novalis, Kleist, Eichendorff, Heine – alle waren schon hier und hatten ihn besungen. Und dann kam einer aus dem platten Dänemark und war einfach nur überwältigt.

Natürlich musste er den Brocken besteigen und in dem kleinen Wirtshaus auf dem Gipfel übernachten. „Wer einmal im Traum über die Erde geschwebt ist und die Länder, mit Städten und Wäldern tief unter sich gesehen hat, der hat eine entfernte Vorstellung von dieser unbegreiflichen Herrlichkeit“, notierte er begeistert und befand: „Es war eine Traumwelt der Phantasie, die hier lebendig vor mir lag.“ Kein Zweifel: Andersen hat diese Landschaft Deutschlands mit Märchenaugen gesehen.

Die Reiseerlebnisse, die Natur, die Sagen haben seine Phantasie ebenso befördert wie die ärmlichen Verhältnisse seiner Kindheit. Das war der Stoff für all’ die Geschichten, die ihn so berühmt gemacht haben, seine feinsinnigen Märchen.

Im Rückblick scheint es, als wäre der zuvor so verkannte Erzähler mit dieser ersten Reise selbst in „die Galoschen des Glücks“ gestiegen, wie eines seiner populären Märchen heißt.

Ein Spaß war das Reisen in diesen so beschaulichen Zeiten aber gerade nicht. Da musste man schon sehr gern unterwegs sein, um die unbequemen Kutschen, die nicht immer angenehmen Mitreisenden, Kälte, Holperstraßen und Modder auf sich zu nehmen. Doch in dieser Hinsicht war der spillerige Herr Andersen hart im Nehmen. Rund 30 Reisen folgten.

Im Braunschweiger Verlag Friedrich Vieweg & Sohn wurde denn auch 1839 sein erstes Märchenbuch in deutscher Sprache verlegt, die „Märchen und Erzählungen für Kinder“. Jene Geschichten wie „Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen“, „Der standhafte Zinnsoldat“ oder „Die Nachtigall“ waren ihm auf seinen Wanderungen zugeflogen und machten den großen Erzähler aus dem Norden unsterblich.

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