Auf der Kanaren-Insel kocht ein Mann in den Bergen für jeden, der Hunger hat. Spezialität: Kaktussuppe.

Ernst in den Bergen von La Gomera.
Ernst in den Bergen von La Gomera.

Ernst in den Bergen von La Gomera.

Sonnenuntergang auf La Gomera. Solche Naturschauspiele will Ernst, der Eremit, nicht mehr missen.

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Ernst in den Bergen von La Gomera.

La Gomera. Zunächst hört der Asphalt auf. Die Straße wird zur Sandpiste, windet sich Kurve um Kurve kilometerweit durch die steinige, nur von Kakteen, Agaven und einigen Palmen bewachsene Landschaft. Je weiter man fährt, desto löchriger wird der Belag. Dann endet der Weg abrupt - an einem Abgrund.

An diese Stelle La Gomeras, der zweitkleinsten der Kanarischen Inseln, verirrt sich nur sehr selten jemand mit dem Auto. Denn hier, wo die Straße aufhört, beginnt die Welt von Ernst, dessen Nachname "jetzt mal egal ist", wie er sagt.

Herzlich willkommen! In 80 Metern Kräutertee

Es ist eine sehr einfache Welt, "ohne viel Schnickschnack", sagt Ernst. "Es ist meine Welt." Auf einem Schild ist zu lesen: "Herzlich Willkommen beim Eremiten! In 80 Metern Kräutertee und Kaktussuppe!" Ernst sitzt auf seiner Terrasse, fingert eine Zigarette aus der Schachtel, zündet sie an.

Er lebt allein, seit über zehn Jahren nun schon, in einem halb verfallenen Häuschen aus Naturstein, das sich in einem grünen Meer aus dickblättrigen Kakteen versteckt. Ohne Post, ohne Telefon, ohne Strom. Mit Hund und fünf Hühnern. Dieser Ort ist einer der entlegensten der gesamten Insel. Dennoch sagt der Mann mit den tiefen Lachfalten und dem mächtigen Schnauzbart: "Ich bin kein Aussteiger. Ich bin ein Einsteiger ins Leben."

Das Haus steht auf einem Hügel. An klaren Tagen kann man weit über den Atlantik bis zur Nachbarinsel El Hierro blicken, wo am Abend die Sonne verglüht, wo häufig Wale vorbeiziehen. Seit Ernst ein Fernglas hat, steht er oft Stunden auf seiner Terrasse.

Doch jetzt sind keine Tiere zu sehen. In der Ferne gräbt bloß die Expressfähre, die die Inseln verbindet, eine weiß schäumende Furche in das tiefe Blau des Meeres. Das Brummen der Motoren ist auch hier oben - auf 700 Metern - noch deutlich zu hören.

Mit den Geräuschen sei das eh so eine Sache, sagt Ernst, "mit den Geräuschen fing nämlich alles an. Sie helfen dir, deine Einsamkeit zu verstehen." Wenn man zum Beispiel in der Ferne etwas hört, ist man gedanklich bei diesem Geräusch, also in der Ferne. Doch ist es vollendet still, ist man nur noch bei seinem eigenen Atem, bei dem eigenen Tun - ganz bei sich. "Da bin ich oft", sagt Ernst.

Das Alleinsein war in den ersten Monaten nicht einfach. "Ich habe viel geweint", sagt er. Und es gab Tage, da glaubte er sogar, verrückt zu werden. "Da du nichts hörst, hörst du alles", sagt Ernst.

Von einem Bauerndorf unweit von Wels in Oberösterreich kam Ernst mit 18 nach Düsseldorf. Er blieb 27 Jahre, leitete viele Jahre eine Grillstube mit zwölf Angestellten in der Simrockstraße in Grafenberg. "Der Laden lief wirklich richtig gut, sieben Tage die Woche, 60 bis 80 Mittagstische, eine kleine Goldgrube", erzählt der 57-Jährige. "Doch ich hatte Beton im Kopf und trat auf der Stelle, ich brauchte frische Gedanken." Also tat er das, wovon viele ihr Leben lang reden, es aber nie tun würden: Er begann ein neues Leben.

Eigentlich wollte er in die Toskana, doch ein Freund erzählte ihm von La Gomera, der Vulkaninsel mitten im Atlantik, die das Aussteigertum zelebriert wie keine zweite der Kanaren. Wo Menschen freiwillig für ein paar Wochen zurück in Höhlen ziehen und dieses unabhängiges, naturverbundenes Leben nennen.

Ernst packte das Nötigste zusammen, hatte 40 000 Mark in der Tasche, seine gesamten Ersparnisse. Er lebte gut, feierte jeden Abend in den Kneipen des Valle Gran Rey, dem Tal des Königs an der Westküste, wo viele wie die Könige leben wollen. Doch das Ersparte war schnell weg.

Auf einer Wanderung in den Bergen entdeckte Ernst die Reste eines Hirtenhauses. Eine Ruine, fast 30 Jahre hatte sie leer gestanden. Acht Monate dauerte es, bis er die Besitzerin gefunden hatte. Eine alte Dame, die heute auf Teneriffa lebt. Er renovierte und pachtete das Gemäuer mit dem verwilderten Grundstück für fünf Jahre, dann für fünf weitere und schließlich auf Lebenszeit. Nun kann er bleiben, so lange er möchte.

Wer mit Eremiten Enthaltsamkeit und Einsamkeit verbindet, wird sich bei Ernst wundern. Denn nicht selten tauchen plötzlich Fremde bei ihm auf, weil sein Häuschen an einem der Wanderwege der Insel liegt. Ernst hat gern Gäste.

Auch da er eine Leidenschaft aus seinem früheren Leben mitgenommen hat: "Ich liebe es, für andere zu kochen." Und so belebt er seine Einsamkeit mit der Arbeit im Gemüsegarten. Er pflanzt Kartoffeln, Karotten oder Zwiebeln, sät Minze, Rosmarin oder Melisse, erntet Kakteen, Mandelblüten oder Feigen.

 

"Ich hatte Beton im Kopf und trat auf der Stelle. Ich brauchte frische Gedanken. Also begann ich ein neues Leben in der Ferne."

Ernst, früher in Düsseldorf, heute auf der Insel La Gomera

Was nicht aus seinem Garten kommt, wird einmal im Monat eingekauft. Seit er einen Kühlschrank hat, der mit Gas läuft, kann er die aufwändigsten Gerichte kochen. Und Ernst versteht etwas vom Kochen.

Seine Tante hatte eine Bierstube, wo er als Sechsjähriger in der Küche half. Als seine Großmutter starb, bekochte er auf dem Hof seiner Eltern die Tagelöhner.

Heute bereitet er drei Gänge. Als Vorspeise gibt es würzige Kaktussuppe aus den fleischigen Blättern, die er schält, in Streifen schneidet und die ein wenig nach Gurke schmecken. Als Hauptgang folgt Tafelspitz mit Schnittlauchsoße, als Dessert in Rotwein eingelegte Feigen. Dazu Zitronengras-Lavendel-Tee aus dem eigenen Garten.

Aus den Früchten der Kakteen macht er zudem Marmelade und den eigenen Schnaps auf Wodka-Basis, der monatelang vor sich hin reift, eine fruchtig-zimtige Note hat und beim Verdauen helfen soll. Die Gäste geben ihm dafür, was sie geben möchte - und davon lebt Ernst.

Doch seine Besucher sind noch viel mehr, sie sind sein Kontakt zur anderen Welt. Am Esstisch erzählen sie von den Ereignissen "da draußen", wie er es nennt. Geschichten, die zwischen den Kakteen und mit dem Blick auf den Atlantik manchmal wie Märchen klingen.

Manchmal kommt sogar Prominenz zu ihm: Der Politiker Jürgen Trittin und der Künstler Ralf König waren schon da. Und einmal, vor sechs Jahren war das, stand plötzlich Campino bei ihm im Garten. "Der hatte sich verlaufen", erzählt Ernst. Der Sänger der Toten Hosen sei einige Stunden geblieben. "Und eine Flasche Kaktusschnaps war leer, als er wieder ging."

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