Friedensnobelpreisträger trafen sich in Japan und zeichneten Roberto Baggio mit dem World Peace Award aus. Tadashi Takahashi erinnert sich an die Schrecken des Angriffs vom 6.August 1945.

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Der Atombomben-Dom ist ein Mahnmal für die Opfer des amerikanischen Luftangriffs auf die japanische Metropole.

Der Atombomben-Dom ist ein Mahnmal für die Opfer des amerikanischen Luftangriffs auf die japanische Metropole.

Tadashi Takahashi erinnert sich an den Ereignisse des Tages als die Atombombe auf Hiroshima abgeworfen wurde.

Uli Preuss, Bild 1 von 2

Der Atombomben-Dom ist ein Mahnmal für die Opfer des amerikanischen Luftangriffs auf die japanische Metropole.

Düsseldorf. Es weihnachtet in Hiroshima. Überall in der 1,2 Millionen- Einwohner-Stadt glitzern Weihnachtsbäume und Nikoläuse. Weihnachten ist in Japan allenfalls ein Fest des Handels. Und so verwundert es auch nicht, dass selbst der berühmte Atombomben-Dom als bunte Glitzerskulptur nachgebildet ist.

Da, wo heute Touristen aus aller Welt zurecht betroffen sind, Schulklassen aus Japan ihrem Idol Sadako Sasaki die selbst gefalteten Kraniche bringen, ist der weihnachtliche Gedanke weit, weit weg.

1000 bunte Papierkraniche für einen Wunsch

Die damals an Leukämie erkrankte Sadako ist eine Heldin in Japan. Sie begann todkrank nach japanischer Tradition 1000 bunte Papierkraniche zu falten, um so einen Wunsch frei zu haben. Was sie nicht mehr schaffte, führten andere fort. Und auch ein Student, der die Sammlung 2003 als Protest gegen das Hochschulsystem in Brand steckte, konnte nicht verhindern, dass die Kästen rund um das Mahnmal vor Papierkranichen aus allen Nähten platzen.

Der Friedensgedanke, er ist hier hautnah und spürbar. Vielleicht auch weil im eleganten Prince-Hotel kürzlich sechs Friedensnobelpreisträger konferierten und ihren Friedenshelden gekürt haben: Mit Roberto Baggio ist es einer, der sich für Haiti eingesetzt hat, in Myanmar gegen den Hausarrest der Politikerin Aung San Suu Kyi protestiert.

Erst in der vergangenen Woche wurde sie frei gelassen. Baggio, italienischer Fußballstar in den 90er Jahren, tritt damit in die Fußstapfen engagierter Popgrößen wie Annie Lennox und Bono oder von Hollywoodstar George Clooney.

Am 6. August 1945, 21 Tage nach dem ersten erfolgreichen Test einer Atomwaffe, warf der Bomber Enola Gay die erste Atombombe, "Little Boy" genannt, über der Küstenstadt Hiroshima ab, wo sie um 8.15 Uhr Ortszeit in etwa 600 Metern Höhe über dem Boden detonierte. Rund 90 000 Menschen starben sofort, weitere 50 000 Menschen starben innerhalb von Tagen bis Wochen an der Strahlenkrankheit.

Beim Abwurf der Bombe "Fat Man" über Nagasaki starben 36 000 Menschen. Wegen der schlechten Sicht wurde das Zentrum der Stadt verfehlt. Die Sprengkraft der Bombe war doppelt so groß wie die von "Little Boy".

Und während das Stuhlgeklapper vor der ewigen Flamme ankündigt, das hier bald einige hundert Gäste der Preisverleihung beiwohnen wollen, treffen wir auf einen kleinen Mann. Blaues Hemd, schickes Halstuch, grauer Stoffanzug: Herr Takahashi (84) hat sich fein gemacht, denn es ist für ihn auch nach mehr als 65 Jahren immer noch ein wichtiges Ereignis, über das zu reden, was ihm am Morgen des 6. August 1945 widerfuhr.

Der damals 19-Jährige arbeitete damals gemeinsam mit 118 anderen staatlichen Angestellten in der Verwaltung der Telefongesellschaft. In den Sekunden, an denen gegen 8.15 Uhr die Bombe "Little Boy" auf Hiroshima herabfiel, war der junge Tadashi im tiefen Keller des festen Ziegelbaus und wurde wie Hunderttausende in der Stadt von diesem einen, einzigen, alles vernichtenden Knall überrascht. "Es gab damals schon Bombenangriffe", erinnert sich der Zeitzeuge, " aber die waren geprägt von vielen Explosionen."

Bei diesem Angriff war es nur eine einzige Bombe

Diesmal war es eine einzige Bombe. Als Tadashi aus dem Keller zu seinem Arbeitsplatz in den vierten Stock rennt, ahnt er, dass ab jetzt alles anders sein wird. Die tote junge Frau im Flur, ist das erste, was der junge Angestellte sieht. Dann die Männer, deren Rücken von zerborstenen Glassplittern aufgerissen sind.

Was den alten Mann aber sein Leben lang nicht mehr los lassen wird, ist eine Frauenhand. Eine lebende Hand, die als einziges Relikt eines Körpers zuckend unter einer umgefallenen Zwischenwand herausragt und der dazu gehörende Mensch ruft seinen Namen. Tadashi Takahashi bekommt in unserem Gespräch einige Male eine heisere Stimme.

Immer dann, wenn er von Dingen berichtet, die er gerne damals geändert hätte, aber niemals mehr ändern wird: Immer ist dann die Rede von toten Menschen und auch von dieser jungen Frau unter der Mauer, der er nicht helfen kann und deren verbranntes Skelett er vier Tage später in der ausgebrannten Ruine seiner Verwaltung findet.

Wir treffen Takahashi am Abend des 12. November in einem Konferenzraum im Untergeschoss des Atombombenmuseums. Vor sich hat er ein Glas Wasser stehen. Und auch seine nächste Geschichte handelt vom Wasser. Von den zwölf Kollegen, mit denen er sich zusammenfand und von den sieben, die gingen und irgendwann starben, weil sie es in der Hitze der brennenden Stadt nicht mehr aushalten konnten und wohl irgendwann verdurstet sind.

Eine kleine Wasserpumpe wurde zum Lebensretter

Tage später wird der Motoyasu-Fluss übersäht sein mit Leichen. Die Menschen hatten es allesamt nur bis zum radioaktiv verseuchten Flusswasser geschafft. Vermutlich war es dagegen eine einfache Handpumpe auf einem Hinterhof, die dem Zeitzeugen und seinen Kollegen zunächst das Leben rettete.

Denn, und das betont Takahashi-san, von den 119 Menschen aus seiner Verwaltung lebe nun mal nur noch er. Waren es in den ersten Tagen nach der Explosion Dutzende tote Menschen in seinem Umfeld, werden es mit der Zeit immer mehr. Denn nach den Erdrückten, Verbrannten, Verdursteten oder von Glassplittern getöteten Menschen, sind es zum Ende des August 1945 bis heute die Menschen, die an der Radioaktivität dahinsiechen und schließlich sterben werden.

Damals wie heute ragen die beiden Seitenarme des Motoyasu-Flusses wie ein Victory-Zeichen zum Himmel. Sie lieferten der Besatzung im Zielgerät ihres Bombers "Enola Gay" ein perfektes Ziel. 450 Meter über dem Fluss zündete "Little Boy". Die Verwaltung der Telefongesellschaft in der Takahashi arbeitete, war im inneren Kreis und nur 370 Meter vom Mittelpunkt der Apokalypse entfernt.

"Es ist ja immer noch nicht vorbei."

Tadashi Takahashi, Überlebender des Bombenabwurfs von Hiroshima.

Diesmal singt am abendlichen Flussufer jemand am Café-Piano "Somewhere over the Rainbow" und Pappköpfe der Friedensnobelpreisträger mahnen am Kai als Aktion einiger Friedensfreunde zusammen mit dem beleuchteten Atombomben-Dom auf der anderen Flussseite den Weltfrieden an. Warum er immer noch über das "Damals" rede, fragen wir den alten Mann. "Wissen Sie, es ist ja immer noch nicht vorbei", erinnert er uns und meint die Opfer, die auch nach 65 Jahren an den Spätfolgen der Bombe sterben.

Die Heiwa Odori (Große Friedensstraße) leuchtet mit ihren Geschäften und der Weihnachtsdeko. Und irgendwo sind Friedensnobelpreisträger. Sie führen Gespräche und vergeben Preise, setzen Zeichen, fordern zur atomaren Abrüstung auf. Ganz im Sinne Leonard Bernsteins, der bei einem Besuch am 5.August 1985 ins Gästebuch des Museums schrieb: "Too many words always, not enough action" (Zu viele Worte überall, nicht genug Taten)

Roberto Baggio bekam am Sonntag den World Peace Award, Tadashi Takahashi den Fotokalender des Friedensdorfs.

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