Es war einmal: Pro Universitätssemester wurden in der Hirschgasse tausend Mensuren geschlagen. Ein Blick zurück mit dem weltbekannten amerikanischen Schriftsteller.

HEIDELBERG
Malerisch am Neckar liegt die Stadt Heidelberg mit Deutschlands ältester Universität und seinem Schloss.

Malerisch am Neckar liegt die Stadt Heidelberg mit Deutschlands ältester Universität und seinem Schloss.

Möller, dpa

Malerisch am Neckar liegt die Stadt Heidelberg mit Deutschlands ältester Universität und seinem Schloss.

Düsseldorf. Den Amerikaner Mark Twain zog es mit aller Gewalt in die Hirschgasse, 1878 die blutigste Ecke von ganz Heidelberg. „Ich fühlte, wie mir das Blut aus den Wangen wich!“, notierte er. Dabei war das nördliche Neckar-Ufer eigentlich alles andere als ein Ort des Schreckens.

Von hier aus hatte der Engländer Joseph Mallord Turner, damals der berühmteste Maler Englands, Alt-Heidelberg samt der Schlossruine jenseits des Flusses gemalt. Das Gemälde ist heute Millionen wert, und Heidelberg würde es gern erwerben, hat aber nicht die Mittel dafür.

So war’s einmal: Unser Amerikaner genießt die schöne Aussicht über den Fluss hinweg. Er schwärmt von der „idyllischen Lage“ der Hirschgasse und deren Gasthaus zum Hirschen. Aber er kommt, um „beim Anblick klaffender Wunden an Gesichtern und Köpfen einen Schauder“ zu erleben. „Ich sah gerade mit an, wie einem Studenten die Nase aus dem Gesicht gehauen wurde. Der Doktor hatte ungefähr eine Stunde zu flicken – dies sagt genug.“ So steht es in den Reisebildern von Mark Twain (Band 6), zusammen mit dieser Entschuldigung: „Der aufregende Reiz des Kampfes wirkt unwiderstehlich.“

Der gefeierte Autor der Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn und vieler Kurzgeschichten – wie etwa die vom „Springfrosch von Calaveras“, in der er augenzwinkernd von der Wettmanipulation harter Männer im damaligen Wilden Westen der USA erzählt – ist vom „deutschen Studentenduell“, das er in der Hirschgasse miterlebt, unheimlich fasziniert. Zugeben mag er das nicht. Er behauptet, er arbeite „im Interesse der Wissenschaft“. Das ist verständlich, wer mag sich schon selbst der puren Sensationsgier bezichtigen?

„Der aufregende Reiz des Kampfes wirkt unwiderstehlich.“

Mark Twain

Wissenschaftliche Neugier war folglich eine gute Begründung, das älteste Mensurhaus Deutschlands zu besuchen, um die Fechtkämpfe der schlagenden Verbindungen mit Klingen, die „es mit den schärfsten Rasiermessern aufnehmen“ konnten, aus allernächster Nähe zu erleben. Der Amerikaner: „Seit 250 Jahren spielen sich nunmehr in diesem Raum in der hier beschriebenen Weise die Mensuren zweimal in jeder Woche während sieben bis acht Monaten im Jahre ab.“

An Geschichte und Geschichten ist das Haus Hirschgasse reich, das vor 6oo Jahren als Wallfahrerherberge gegründet wurde. Mark Twain hätte auch über eine tragisch-romantische Begebenheit von 1472 schreiben können: Damals hatte sich hier ein Adliger in ein Mädchen von niedrigerem Stand verliebt. Das konnte nicht gut gehen, führte aber dazu, dass dies Wirtshaus in alten Aufzeichnungen erwähnt wird, und sich das Hotel Hirschgasse nun mit dem Hinweis „seit 1472“ schmücken kann.

Ernest Kraft, heute der Besitzer des Hotels „Die Hirschgasse Heidelberg“, lebt Geschichte. Das fällt ihm leicht, der Schankraum – die Mensurstube – glänzt durch eine Sammlung, die an all’ die Fechtkämpfe erinnert, die hier bis 1979 von Corpsstudenten heftigst ausgetragen wurden, etwa tausend pro Semester.

Die Tische im Schankraum des Hotels, in dem gutbürgerliche Küche serviert wird, sind mehr als 200 Jahre alt. Die Studenten des 19. Jahrhunderts machten sich einen Spaß daraus, ihren Namen tief in die dicken Tischplatten zu ritzen. „Hier steht Bismarck“, sagt Kraft. „Der Sohn des Eisernen Kanzlers.“

Dass der Fürst den studierenden Filius hier besucht hat, davon geht der Hotelier aus. Auch der Reichskanzler Prinz Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst hat sich mit dem Schnitzmesser verewigt. Neue Namen dürfen nicht hinzukommen: „Bitte beachten Sie, dass es bereits seit 1918 verboten ist, sich auf den denkmalgeschützten Tischen zu verewigen“, warnt ein Hinweis in der Speisekarte zusammen mit der Drohung, andernfalls den Restaurator zu bestellen, dessen Rechnung dann die Frevler zahlen müssen.

Ernest Kraft, Sohn einer deutsch-italienischen Wirtsfamilie, die seit 40 Jahren in der Kurpfalz Gaststätten und Restaurants besitzt, übernahm „Die Hirschgasse, das älteste Hotel Heidelbergs“ vor 15 Jahren. Seither hat er sich zum Experten für studentische Verbindungen entwickelt. „Früher waren in Heidelberg die Hälfte aller Studenten corporiert. Heute sind es noch fünf Prozent.“

Worauf es beim Mensurenschlagen den studentischen Duellanten ankam, schildert Mark Twain am Beispiel eines Studenten, der ihm die Regeln erklärte: „Bald nach Beginn hatte jeder einen schweren Kopfschmiss, beim dritten Gang erhielt der Gegner meines Bekannten einen solchen, während dem Letzteren selbst die Unterlippe durchgehauen wurde. Er sah schauerlich aus, ich will auf eine nähere Beschreibung verzichten. So blieb wider Erwarten der Sieg bei meinem Bekannten.“

Der Raum im Haus, wo der „Paukarzt“ die „Paukenden“ nach dem Kampf verarztete, früher Flickstube genannt, ist heute Teil des größeren Speiseraums des Hotels. Aus dem Saal für Degen- und Säbelkämpfe wurde heute das „Le Gourmet“-Restaurant, in dem scharfe Klingen nur noch zusammen mit Gabeln gegen „Bretonische Felsenrotbarben auf Zitronengnocchi“ oder „Gedämpfte Etoffé-Taubenbrust mit Mais und Schwarzer Nuss“ geführt werden dürfen.

In der Mensurstube wird badisch-rustikal gekocht mit Spezialitäten wie „gegrillter Bauch vom Schwein aus der Region auf dicken Bohnen und körnigem Senf“. Oder „Semmelknödel mit Backpflaumenfüllung auf rahmigen Pfifferlingen“.

Bei der liebevollen Gestaltung der 20 Suiten in diesem wuchtigen Bau altkurpfälzer Bauart und der Gestaltung der dazugehörigen Gartenterrassen, ließ Hotelier Kraft seiner Frau Allison freie Hand. Sie entschied sich für den Stil der Britin Laura Ashley, die verspielte, blumige Formen bevorzugte. Die hätten gewiss auch Mark Twain gefallen, war er doch ein Zeitgenosse der englischen Königin Victoria. Dem Hotel Hirschgasse brachte das die Aufnahme in den Zirkel der „Small Luxury Hotels of the World“ ein.

Zu Mark Twains Zeiten gab es hier noch keinen Luxus. Er logierte auf der anderen Seite des Neckars, in der Heidelberger Altstadt, unterhalb des Schlosses.

Information:
- Hotel Hirschgasse, Hirschgasse 3, 69 120 Heidelberg, Telefon 06 221/4540.
- Heidelberg Marketing GmbH, Ziegelhäuser Landstraße 3, 69 120 Heidelberg, Telefon 06 221/14 220.

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