Auf dem Blauen Turm der Kaiserpfalz am Neckar lebt Deutschlands einzige Türmerin.

Diese Frau hat die allerbesten Aussichten in Bad Wimpfen.
Diese Frau hat die allerbesten Aussichten in Bad Wimpfen.

Diese Frau hat die allerbesten Aussichten in Bad Wimpfen.

Andreas Steidel

Diese Frau hat die allerbesten Aussichten in Bad Wimpfen.

Düsseldorf. Die Besteigung des Blauen Turms der Kaiserpfalz in Bad Wimpfen beginnt nicht selten so: Unten steht ein Bierkasten, darauf liegt ein Zettel, und darauf steht: "Wer mich drei Treppen hoch trägt, bekommt ein Freibier!"

Solche Scherze mit praktischem Nutzwert sind typisch für Blanca Knodel, die 32 Meter über der Stadt einen der ungewöhnlichsten Privathaushalte Deutschlands führt: eine mittelalterliche Turmklause mit 53 Quadratmetern verwinkelter Wohnfläche und 134 Stufen bis zur Haustür. Da kann man sich eben nicht wegen jeder Kleinigkeit mal eben so nach unten bewegen.

Blanca Knodel ist Türmerin von Beruf. Die einzige Türmerin bundesweit, die permanent oben wohnt und nicht nur morgens ihr Kassenhäuschen aufschließt und abends wieder zu. Die Besucher staunen, wenn sie mühevoll das Treppenhaus erklommen haben.

Geschichten von Kaisern und Königen begegnen ihnen dort, von Staufern und Stadtvätern, von Kriegen und Bränden, die dem Wahrzeichen am höchsten Punkt der der Stadt zugesetzt haben. Kurz vor der Aufsichtsplattform werden sie in die Gegenwart zurückgeholt: Eine Frau mit kastanienbraunem Haar macht das Fenster auf, grinst aus dem Kassenhäuschen heraus und sagt: "Guten Tag, das hier ist die Mautstelle, einsfünfzig bitte. Wenig Geld für so viele Treppen."

Und wie kommt das Klavier nach oben?

Das kleine Reich, in dem die Kassiererin lebt: Ein gemütlicher Wohnzimmertisch steht vor einer Eckbank, Bilder und Bücher zieren die Wände - wenige Blicke von außen reichen schon, um sich romantische Vorstellungen vom Leben unter dem Turmdach zu machen.

Bad Wimpfen und die Staufer: Der Blaue Turm in Bad Wimpfen war die westliche Begrenzung der Kaiserpfalz, die von Friedrich Barbarossa Anfang des 13. Jahrhunderts begründet wurde. Knapp 70 Jahre lang hielten die Staufer dort Hof, bis ihr Geschlecht 1268 ausstarb. Danach wurde Bad Wimpfen freie Reichsstadt. Das wichtigste Ereignis aus der Stauferzeit, die Gefangennahme und Entmachtung König Heinrich VII. durch seinen Vater Kaiser Friedrich II., jährt sich in diesem Jahr zum 775. Mal. Das feiert Bad Wimpfen am 3./4. Juli mit einem großen Stauferfest und einem Bühnenschauspiel unter freiem Himmel ("Heinrich VII., Rebell in Samt und Seide"), das im Juli insgesamt acht Mal aufgeführt wird.

Der Blaue Turm in Bad Wimpfen ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt für Erwachsene beträgt 1,50 Euro, für Kinder einen Euro.

Bekannt ist Bad Wimpfen bei Besuchern vor allem für seinen romantischen Weihnachtsmarkt. Er findet immer an den ersten drei Adventswochenenden statt.

Vom 19. September bis 20. Februar findet im Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim die Staufer-Ausstellung der Länder Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen statt.

Tourist-Information, Carl-Ulrich-Straße 1, 74206 Bad Wimpfen, Telefon 07063/97200, Fax 972020.

Die 3,30 Meter hohe Einraum-Wohnung hat die Amtsinhaberin anfangs sogar noch mit ihren drei Kindern geteilt. Heute liegt nur der Hauskater auf dem Bett, die Kinder sind aus dem Haus, der Ehemann ebenso: "Er war auch Türmer und ist irgendwann getürmt."

"Einsfünfzig bitte. Wenig Geld für so viele Treppen."

Blanca Knodel, Türmerin.

Entspannt ist Blanca Knodels Verhältnis auch zu den meteorologischen Gefahren auf der Höhe: 1701, 1848 und 1984 brannte der Dachstuhl samt Türmerwohnung nach Blitzschlägen aus. "Statistisch also alle 150 Jahre," stellt sie lapidar fest und betont stattdessen den romantischen Erlebniswert von Blitz und Donner, wenn man mit einem Glas Wein über den Dächern der Stadt sitzt.

Nun kann man sich als Besucher auch noch erklären lassen, wie das Klavier beim Einzug durch das Treppenhaus bugsiert wurde und wie es gelang, während des vielbelebten Weihnachtsmarkts den Whirlpool in den Dachstuhl zu hieven. Dass Bad Wimpfen seit dem 16. Jahrhundert eine ununterbrochene Türmertradition besitzt, Frau Knodel einer der ältesten Familien Bad Wimpfens entstammt und ihre Vorgänger dafür zuständig waren, die Einwohner vor feindlichen Angriffen zu warnen.

Oder man besinnt sich auf seine ursprüngliche Absicht, und geht die verbleibenden 33 Stufen zur Aussichtsplattform hinauf. Auch sie ist ein Erlebnis, zusammen mit dem Blick auf die malerische Altstadt und die stattlichen Reste der besterhaltenen Kaiserpfalz nördlich der Alpen.

Den will Blanca Knodel nie wieder aufgeben. Einmal Türmerin, immer Türmerin. Auch wenn man dabei nicht reich wird und oft tagelang die Wohnung nicht verlässt. Dafür kommen die Menschen zu ihr nach oben. Mit oder ohne Bierkasten.

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