Mit den Herbstferien in NRW vom 23. Oktober bis zum 4. November beginnt für viele Familien ein neuer Versuch, einen Urlaub ohne Smartphone zu verwirklichen. Doch die Handy-Abstinenz erweist sich schnell als Ding der Unmöglichkeit. In der Medizin wird nun immer mehr ersichtlich, dass der ständige Umgang mit dem digitalen Medium sogar gesundheitliche Folgen haben kann.

Keine Frage – das Smartphone hat gehalten, was zum Zeitpunkt seiner Erfindung versprochen wurde: Es hat unser Leben in vielerlei Hinsicht erleichtert. Um das zu erreichen, hat sich das technische Wunderwerk allmählich und klammheimlich in nahezu jeden Bereich des Alltagslebens eingeschlichen, und selbst in der Arbeitswelt ist es zu einem unabdingbaren Werkzeug avanciert. In Deutschland nutzen insgesamt 62,4 Millionen Menschen ab 14 Jahren ein Smartphone – und zwar mindestens zweieinhalb Stunden pro Tag, wie die Online-Studie von ARD und ZDF festgestellt hat. Angesichts der unzähligen Verwendungsmöglichkeiten der Technologie übersehen wir dabei gerne, welch negative Auswirkungen sie auf unseren Lebensstil, unser Gemüt und selbst unseren Körper haben kann.

Zuviel Handy schadet der Sippe

Dass Smartphone und Internet dank Mobile Games, Shopping-Portalen, Instant-Messengern und der ständigen Verlockung durch Clickbaiting-Inhalte zu wahren Zeitfressern mutieren können, ist weithin bekannt und scheint für viele Menschen noch kein Alarmsignal zu sein. Ebenso wenig, dass bei Business-Vätern die Work-Life-Balance leidet und die Kinder ihre Schule und Hausaufgaben vernachlässigen. Greifbarer werden die Auswirkungen, wenn der Arzt von Sehnenscheidenentzündung, Einschlafstörungen, Kurzsichtigkeit sowie „Handy-Nacken“ und sogar „Smartphone-Akne“ zu sprechen beginnt.

Das häufig und eher vage benutzte Stichwort „Handysucht“ kommt dabei unweigerlich in den Sinn. Aber wie äußert sie sich und wie ernst muss man sie nehmen? Laut einigen Medizinern, die das ständige Smartphone-Zücken gar mit dem Verhalten von Drogensüchtigen vergleichen, ist größte Vorsicht geboten. Für sie hat das Krankheitsbild einen klaren, wissenschaftlichen Namen: MaIDS – Mobile and Internet Dependency Syndrome (zu Deutsch: Syndrom der Abhängigkeit von Mobilgeräten und Internet). Da das Handy so tief im Alltag der Betroffenen integriert ist, kann es bei seinem Fehlen zu Angst bis hin zu Panikattacken kommen. Das Phantom-Vibration-Syndrom (kurz: PVS) ist eine weitere bizarre Konsequenz dieser psychologischen Sucht: Patienten greifen unvermittelt zum Smartphone, weil sie sich ein Vibrieren oder Klingeln eingebildet haben.

Mit gutem Beispiel vorangehen

Dass angesichts solcher Risiken Handlungsbedarf besteht, darf und sollte also kein Elternteil verleugnen. Es ist aber nur wenig sinnvoll, eine sofortige und vollständige Abkehr vom nahezu lebenswichtig gewordenen High-Tech-Helferlein durchsetzen zu wollen, und meist ist dies auch gar nicht möglich. Stattdessen sollte das Ziel darin bestehen, dass sich sämtliche Familienmitglieder ein maßvolles Konsumverhalten aneignen. Die Herbstferien sind dafür zwar ein vergleichsweise kurzer Zeitraum, eignen sich eben dadurch aber bestens für einen Erstversuch.

Jan Kalbitzer, Autor des Buches „Digitale Paranoia: Online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren“, weiß, dass Erziehung weniger über Verbote als durch Vorbilder funktioniert. Er rät deshalb, mit der „Smartphone-Entgiftung“ zuerst bei sich selbst anzufangen und dann ein Familienprojekt daraus zu machen. Nur so besteht die Chance, dass auch der Nachwuchs einen gesunden Umgang mit dem Handy erlernt.

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