Havarierte «Costa Concordia»
Das Unglück der «Costa Concordia» hat vielen auf traurige Weise verdeutlicht: Auch mit modernen Sicherheitsstandards sind die Ozeanriesen nicht unsinkbar. (Foto: Matteo Guidelli)

Das Unglück der «Costa Concordia» hat vielen auf traurige Weise verdeutlicht: Auch mit modernen Sicherheitsstandards sind die Ozeanriesen nicht unsinkbar. (Foto: Matteo Guidelli)

dpa

Das Unglück der «Costa Concordia» hat vielen auf traurige Weise verdeutlicht: Auch mit modernen Sicherheitsstandards sind die Ozeanriesen nicht unsinkbar. (Foto: Matteo Guidelli)

Wismar (dpa/tmn) - Die «Costa Concordia» ist havariert - und mit ihr eine Illusion in den Tiefen des Meeres versunken. Die Ozeanriesen galten unter Touristen bislang eigentlich als absolut sicher. Experten wissen jedoch: Jedes Schiff kann sinken.

Rund 70 Meter lang ist der Riss im Bug der havarierten «Costa Concordia». «Mit großer Wahrscheinlichkeit hätte dies kein Schiff überstanden», sagt Sven Dreeßen, Professor für Maritime Verkehrssicherheit von der Hochschule Wismar. Also auch keines mit den neuesten Sicherheitsstandards. Der Experte weiß: «Kein Schiff ist unsinkbar.»

Das Unglücksschiff war 2004 auf Kiel gelegt worden. Damals galt noch eine alte Berechnungsmethode für die Sicherheit von Schiffen. Konkret bedeutet das: Eine bestimmte Anzahl abgetrennter Schiffsabteilungen darf mit Wasser volllaufen und das Schiff muss trotzdem stabil bleiben.

Seit 2009 wird die Sicherheit laut Dreeßen mit einer statistischen Methode ermittelt. Das Verfahren basiert auf der Berechnung der Wahrscheinlichkeit, ob ein Schiff nach einem Leckschlagen überlebt. «Auch ein Schiff, das mit dieser neuen Methode berechnet wurde, wäre mit großer Wahrscheinlichkeit gekentert», ist sich Dreeßen sicher. «Die Illusion der hundertprozentig sicheren Kreuzfahrt ist damit geplatzt.»

Bereits die Titanic, die nun so oft als Vergleich herhalten muss, war in mehrere Kammern unterteilt. «Diese waren jedoch nicht wie heute wasserdicht voneinander getrennt», erklärt Dreeßen. Seit der Katastrophe vor 100 Jahren hat sich im Schiffsbau vieles verändert, zahlreiche neue Sicherheitsstandards sind hinzugekommen. Und die Entwicklung ist laut Dreeßen noch lange nicht am Ende.

Von Glück können die Passagiere in den Augen von Dreeßen reden, dass sich die Katastrophe so nahe vor der Küste ereignete. «Viele Gerettete konnten einfach ans nahe Ufer schwimmen», so Dreeßen. Weitere Strecken in dem kalten Wasser hätten nicht so viele Menschen überlebt.

Zumal der Experte eine eklatante Sicherheitslücke auf Kreuzfahrtschiffen sieht: Während auf Frachtschiffen die Quote von Rettungsmitteln bei 300 Prozent liegt - sprich für jeden Passagier gibt es zum Beispiel drei Plätze in Rettungsbooten - beträgt sie auf Kreuzfahrtschiffen gerade einmal bei 125 Prozent. Je 50 Prozent decken die Rettungsboote auf beiden Schiffseiten ab, 25 weitere Prozent die Flöße. Doch bekommt das Schiff starke Schlagseite, ist unter Umständen eine Seite komplett außer Gefecht gesetzt. «Dann verbleiben nur noch 75 Prozent», verdeutlicht Dreeßen. «Hier wäre ein Umdenken sicherlich mehr als wünschenswert.»

Trotz aller durch das aktuelle Unglück ausgelösten Sicherheitsdebatten: Kreuzfahrtschiffe sind in Dreeßens Augen die sichersten Verkehrsmittel im Wasser. Legt man jeweils zwei Wochen als Dauer für eine Kreuzfahrt zugrunde, müsste ein Urlauber 164 000 Fahrten unternehmen, um statistisch betrachtet bei einem Schiffsunglück umzukommen.

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