Bis zu zwölf Millionen Deutsche leiden unter Zahnarzt-Angst. Eine spezielle Behandlungsmethode hilft.

Zahnarzt Peter Macher hat sich auf Angst-Patienten spezialisiert.
Zahnarzt Peter Macher hat sich auf Angst-Patienten spezialisiert.

Zahnarzt Peter Macher hat sich auf Angst-Patienten spezialisiert.

Steve Przybilla

Zahnarzt Peter Macher hat sich auf Angst-Patienten spezialisiert.

Achern. Mit hochrotem Kopf und verkrampften Händen sitzt der Patient im Warteraum, Schweißperlen auf der Stirn. „Das Schlimmste ist der Bohrer“, sagt Manuel Fischer (Name von der Redaktion geändert) und schaut verlegen auf den Boden. „Das ist einfach der Horror. Einmal hatte ich drei Tage lang eine dicke Backe wegen einer Entzündung. Zum Zahnarzt bin ich trotzdem nicht gegangen.“ Fischer ergeht es wie schätzungsweise acht bis zwölf Millionen Menschen in Deutschland.

Das erste Gespräch findet in Wohnzimmer-Atmosphäre statt

Der 20-Jährige leidet unter Oralophobie, der Angst vor dem Zahnarzt. Fünf Jahre lang war er nicht mehr in Behandlung. Nur mit größter Überwindung ist er überhaupt erst in die Praxis von Peter Macher nach Achern (Mittelbaden) gekommen. „Ich will schöne Zähne“, sagt der Angst-Patient, „denn inzwischen sind mir schon die ersten dunklen Stellen aufgefallen.“ Peter Macher hört sich die Motive seines Patienten genau an.

„Das ist einfach der Horror.“

Manuel Fischer, Patient

Macher ist nicht nur Zahnarzt, sondern auch Facharzt für psychotherapeutische Medizin – und ein langjähriger Experte auf dem Gebiet der Oralophobie. Das erste Gespräch mit seinem Patienten findet im Dachgeschoss über der Praxis statt. Kein verräterisches Surren ist dort zu hören, stattdessen verbreitet die Einrichtung Wohnzimmer-Flair: Ledersofa, Pendeluhr, Duftstäbchen. „Ich bin froh, dass Sie gekommen sind“, sagt Macher. „Als ich Sie vorhin über den Parkplatz schleichen sah, dachte ich schon, Sie verschwinden wieder.“

Eine „Angst-Assistentin“ sitzt neben dem Patienten

Zum ersten Mal lächelt der junge Mann – das Eis ist gebrochen. Dann schildert er, wie ihn seine Eltern stets in die Praxis gezwungen hätten. „Diejenigen, die mir die Hand halten wollten, wurden vom Zahnarzt rausgeworfen.“ Die Anspannung ist ihm förmlich anzusehen, obwohl Daiva Busmaite direkt neben ihm sitzt. Busmaite steht als „Angst-Assistentin“ während des gesamten Aufenthalts zur Seite. Sie kann Händchen halten, trösten oder einfach nur da sein – eine bewährte Methode, die Macher schon lange in seinem Anti-Angst-Training einsetzt.

Hauptkennzeichen der Phobie ist die Vermeidung. Bevor sich Oralophobiker auf einen Behandlungsstuhl wagen, waren sie im Schnitt acht Jahre lang nicht beim Zahnarzt.

Oft sind schlechte Erfahrungen, Operationen, Schmerzen oder Traumata verantwortlich: Menschen, die misshandelt oder sexuell belästigt wurden, schotten ihren Intimbereich ab – zu dem auch die Mundhöhle zählt.

Die Kosten übernimmt in der Regel die Krankenkasse. Es gibt jedoch auch viele Abzocker, die bis zu 20 000 Euro verlangen. Von der Selbsthilfegruppe Oralophobia gibt es eine bundesweite Liste mit seriösen Spezialisten:

www.oralophobia.de

20 Minuten später: Fischer liegt auf dem Behandlungsstuhl. Jetzt riecht es wirklich nach Zahnarzt. Meißel, Feilen und Stopfer liegen bereit. „Denken Sie daran, dass Sie jederzeit aufhören können“, ermahnt Macher seinen Patienten, jetzt mit Mundschutz. Fischer schaut derweil in seine Mundhöhle: Angst-Patienten bekommen einen Spiegel in die Hand gedrückt, um stets die Kontrolle zu behalten.

Betroffene sollen später zu jedem Zahnarzt gehen können

Vorsichtig tastet sich der Zahnarzt vor. „Eins-eins, zwei-eins, drei-sieben-c“, sagt Macher zu seiner Assistentin und liefert die Übersetzung gleich nach: „Sieht sehr gut aus. Ein bisschen Zahnstein und höchstens was Kleines.“

Im Hintergrund dudelt Musik mit Frequenzen jenseits der 7000 Hertz – beruhigende Töne, wie sie Embryos im Mutterleib hören. Dann die größte Hürde: „Wollen wir mal eine Spritze probieren?“ Als auch dies geschafft ist, kommt das Highlight, humorvoll verpackt: „Zur Belohnung bohren wir mal“, sagt Macher.

„Denken Sie daran, dass Sie jederzeit aufhören können.“

Peter Macher, Zahnarzt und Experte auf dem Gebiet der Oralophobie, zu seinem Patienten

Dann zischt und surrt und brummt es, genau wie man es auch sonst vom Zahnarzt kennt. Zu groß soll der Unterschied zu regulären Praxen nicht sein – schließlich sollen auch Angst-Patienten später zu jedem Zahnarzt gehen können. Eine Stunde später hat Manuel Fischer es geschafft.

Nach der Behandlung gibt es ein Abschlussgespräch

„So lächelt ein Held“, sagt Macher und geleitet seinen Patienten wieder zurück in die erste Etage. Beim Abschlussgespräch überbringt er dem 20-Jährigen eine weitere beruhigende Nachricht: „Bei den dunklen Stellen, die Sie an Ihren Zähnen gesehen haben, handelte es sich gar nicht um Karies. Es waren nur ganz normale Füllungen.“

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