Ein Verkäufer zeigt im Internet das Leben von Schweinen, die er später schlachten lässt.

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Mama Wutz und ihre Ferkel im Schlamm. Solche Bilder sollen den Wurstkäufer nachdenklich machen.

Mama Wutz und ihre Ferkel im Schlamm. Solche Bilder sollen den Wurstkäufer nachdenklich machen.

Der Gründer der ungewöhnlichen Internetplattform: Dennis Buchmann.

Meine kleine Farm, Bild 1 von 2

Mama Wutz und ihre Ferkel im Schlamm. Solche Bilder sollen den Wurstkäufer nachdenklich machen.

Berlin. Schwein 6 ist mal wieder aus seinem Strohlager ausgebüxt. Dieses Mal hat sich das Tier dabei sogar beim Fallen eine Schnittverletzung zugezogen. Solche Geschichten können die Besucher der Internetseite „MeineKleineFarm.org“ nachlesen. Dort ist auch zu erfahren, dass Schwein 6 heute seine letzte Reise antreten wird. Es geht zur Schlachtbank.

Dasselbe Tier taucht bereits im Online-Shop der „kleinen Farm“ auf. Als Mett im Glas und als Schlackwurst. 250 Gläser, 80 Würste – die Produkte von Schwein 6 waren bereits vor seinem Tod innerhalb von drei Tagen ausverkauft. Die 200-Gramm-Portionen kosten 3,50 Euro, ganze Würste sind ab zwölf Euro zu haben.

„Die Leute beißen in eine Wurst wie in eine Mohrrübe“

Ein perfider Scherz mit dem Leben der Tiere? So ist die „kleine Farm“ zumindest nicht gemeint. „Ich will, dass die Leute der Wurst vor dem Kauf ins Gesicht schauen“, sagt Dennis Buchmann.

Das klingt provokant, dem 34-jährigen Studenten ist sein Projekt jedoch ein ernstes Anliegen: gegen anonyme Massentierhaltung, für die Wertschätzung von Fleisch. „Die Leute beißen in eine Wurst wie in eine Mohrrübe und vergessen das Leben dahinter. Ich möchte die Leute mit meinem Projekt zum Nachdenken bringen“, sagt der Berliner, dessen Idee Teil seines „Public Policing“-Studiums ist, in dem es hauptsächlich um zivilgesellschaftliches Engagement geht.

„Es kaufen viele Menschen Fleisch, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie die Tiere gehalten wurden und was am Schlachthof passiert.“

Marius Tünte, Sprecher vom Tierschutzbund

Buchmann, bei dem selbst selten Fleisch auf den Teller kommt, will mit seinem Angebot keine Vegetarier ansprechen, sondern Leute, die zwar Fleisch essen, aber damit hadern. Wenn also Wurst, dann Wurst „mit gutem Karma“, wie es auf der Seite heißt. Die Schweine werden auf der Freiland-Farm eines Bauern aufgezogen und haben laut Buchmann bis zum Tod ein schönes Leben.

Dem Tierschutzbund geht das Projekt stellenweise zu weit

In deutschen Schlachthöfen ist im vergangenen Jahr so viel Fleisch erzeugt worden wie nie zuvor. Die Menge nahm um 1,5 Prozent zu und lag damit, laut Statistischem Bundesamt, bei 8,2 Millionen Tonnen.

Um die wachsende Nachfrage zu stillen, wurden allein bei den Schweinen 59,3 Millionen Tiere geschlachtet – 877 000 mehr als noch in 2010.

Die Idee polarisiert. Das merkt man an der großen Aufmerksamkeit, die dem kleinen Geschäft des Studenten seit dem Start im November zu Teil wurde. Sogar das russische Staatsfernsehen habe schon angefragt, um mit Buchmann und seinen Schweinen zu drehen. In den Foren der Seite überschlagen sich derweil die Kommentatoren.

Hier schreiben Vegetarier, die von der Idee begeistert sind, weil sie nicht der Tod der Tiere, sondern die unwürdige Massentierhaltung stört. Andere jedoch glauben, die Seite diene lediglich dazu, das Gewissen von Fleischessern zu beruhigen.

Der Deutsche Tierschutzbund findet die Idee von der Wurst mit Gesicht im Prinzip gut: „Es kaufen viele Menschen Fleisch, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie die Tiere gehalten wurden und was am Schlachthof passiert. Eine transparente Aufklärung ist begrüßenswert“, sagt Sprecher Marius Tünte.

Zu zeigen, dass das Schnitzel mal ein lebendiges, fühlendes Tier war, sei sicher immer richtig. Allerdings stören sich die Tierschützer an der provokanten Art, wie die Schweine auf der Internet-Farm angeboten werden.

Einmal ließ Buchmann die Nutzer per Mausklick abstimmen, welches der Schweine als nächstes geschlachtet werden soll. Tünte sagt: „Das kann schnell zu einem ,Internet-Spiel’ werden, das nicht mehr mit der eigentlichen Idee nach sachlicher Information über Haltung und Herkunft in Einklang zu bringen ist.“

Internetseite: meinekleinefarm.org

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