Vor allem die eigene Aktivität ist wichtig. Vorbeugend, aber auch dann, wenn es schon schmerzt.

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Vorbeugen statt behandeln: Die Teilnahme an der Rückenschule verhindert die ärztliche Nachsorge.

Vorbeugen statt behandeln: Die Teilnahme an der Rückenschule verhindert die ärztliche Nachsorge.

dpa

Vorbeugen statt behandeln: Die Teilnahme an der Rückenschule verhindert die ärztliche Nachsorge.

Düsseldorf. Viele haben es im Kreuz: Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten und teuersten Krankheiten in Deutschland. Vor allem sind sie einer der häufigsten Gründe für Krankheitstage und Arbeitsunfähigkeit. Dabei muss das gar nicht sein: "Rückenprobleme können zwar viele Ursachen haben, weshalb sie oft schwer zu diagnostizieren und zu behandeln sind", sagt Barbara Tödte von der Unabhängigen Patientenberatung (UPD). "Aber wer sich darauf einlässt, dass in vielen Fällen psychische Faktoren eine Rolle spielen, kann eher auf Heilung hoffen."

Schmerz und Verspannung - ein Teufelskreis

Weil dies von vielen Patienten unterschätzt wird, heißt das aktuelle Motto des heutigen Tages der Rückengesundheit auch: "Der Rücken beginnt im Kopf." Vor allem aber darf man sich nicht schonen: "Bettruhe ist kontraproduktiv", warnt Prof. Hans-Joachim Wilke von der Universität Ulm, Präsident der Europäischen Wirbelsäulengesellschaft (EuroSpine). "Die Muskulatur baut sich ab, was in einen Teufelskreis aus Schmerzen und Verspannung führen kann." Rückenschmerzen, sagt Barbara Tödte von der UPD Saarbrücken, "darf man nicht beim Arzt abgeben. Man muss selbst aktiv werden."

Das Problem ist derzeit die Frage der richtigen Behandlung: Es gibt eine unüberschaubare Fülle von Therapie- und Operationsmöglichkeiten, aber kaum gesicherte Erkenntnisse, was davon in welchem Krankheitsfall richtig ist. Seit Jahren steigt der Anteil der minimal-invasiven Therapien, die mit einem besonders kleinen Eingriff das Gewebe und den Patienten schonen sollen. Viele Kliniken werben offensiv mit besonders behutsamen Methoden und hohen Erfolgsquoten.

"Die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Verfahren ist aber meist nicht wissenschaftlich belegt", sagt Dr. Dagmar Lühmann vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Sie hat minimal-invasive Verfahren für das Deutsche Institut für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) bewertet. Auch Hans-Joachim Wilke kritisiert: "Es gibt jeden Tag neue Therapien, die sich aber erst in seriösen klinischen Studien bewähren müssen."

Gerade für Operationen gebe es keinen Anhaltspunkt über das beste derzeit zur Verfügung stehende Wissen, konstatiert Barbara Tödte. Denn an der Rückenbehandlung sind viele Fachärzte beteiligt: Orthopäden, Neurochirurgen oder Spezialisten für Manuelle Medizin. Deshalb gibt es verschiedene Leitlinien. Einen Konsens bringen soll in Kürze die Nationale Versorgungs-Leitlinie Kreuzschmerz. Mehr als 20Fachgesellschaften sind daran beteiligt.

Operationen sind bei Rückenschmerzen oft unnötig

Krankheiten des Muskel- und Skelett-Systems stehen auf Platz 4 bei den direkten Krankheitskosten: 26,6 Milliarden Euro entfielen 2006 laut Statistischem Bundesamt auf diese Krankheitsgruppe. Rückenleiden machten ein Drittel davon aus. Viel höher sind die indirekten Kosten: Das Deutsche Grüne Kreuz schätzt, dass ein Viertel aller Krankheitstage auf Muskel- und Skeletterkrankungen zurückgehen, der größte Anteil betreffe Rückenschmerzen.

Bandscheiben sind die Stoßdämpfer der Wirbelsäule. Zwischen den Wirbeln liegen 23 Bandscheiben, die bei Belastung dafür sorgen, dass der Druck gleichmäßig auf die Wirbelkörper verteilt wird. Jede Bandscheibe hat einen gallertartigen Kern, der von einem Ring aus Kollagenfasern umgeben ist. Bei Belastung werden sie wie ein Schwamm zusammengedrückt, bei Entlastung dehnen sie sich wieder aus und saugen sich voll. Doch Elastizität und Feuchtigkeit lassen mit dem Alter nach.

Bei einem Bandscheibenvorfall quillt der gallertartige Kern heraus und drückt auf die aus dem Rückenmarks-Kanal heraustretenden Nervenwurzeln. Deshalb entstehen durch einen Bandscheibenvorfall nur selten isolierte Rückenschmerzen. Oft strahlen die Schmerzen bis in die Arme, Beine oder Füße aus. Am häufigsten betroffen von Bandscheibenvorfällen sind Männer zwischen 35 und 45 Jahren.

Die Zahl der Bandscheibenoperationen steigt kontinuierlich. 2008 wurden nach Berechnungen des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen in deutschen Krankenhäusern 151364 Bandscheibenoperationen durchgeführt, um erkranktes Gewebe zu entfernen. 2005 waren es 123448 Operationen.

Unter dem Stichwort "Patient Line" werden Behandlungsmöglichkeiten erklärt und bewertet. Zu finden im Internet unter www.eurospine.org.

Ohnehin sind Operationen bei Rückenschmerzen oft unnötig. Selbst Bandscheibenvorfälle müssen in fast 90 Prozent aller Fälle nicht operiert werden. "Richtig", sagt Werner Braunsdorf, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie und Wirbelsäulenchirurgie am Klinikum Magdeburg, "ist eine OP bei deutlichen Bewegungseinschränkungen, bei beginnenden Lähmungen oder Taubheitsgefühlen." Wenn also im Rücken Nerven eingequetscht werden (Ärzte sprechen von einer Nervenkompression) und die Schmerzen bis in Arme, Hände oder Beine und Füße ausstrahlen. Aber bis zu 15 Prozent aller Bandscheiben-Operationen führen laut DIMDI-Bericht nicht zu guten Ergebnissen. Barbara Tödte von der UPD ist überzeugt, dass Operationen "in erheblichem Maße überflüssig sind". Manche Patienten haben nach der Operation die gleichen oder sogar stärkere Schmerzen, weil nicht entferntes Bandscheibenmaterial nachrutscht oder entstehendes Narbengewebe wieder auf die Nerven drückt.

Bei chronischen Schmerzen, die also schon länger als drei Monate anhalten, helfen Operationen nach ihrer Ansicht ohnehin nicht. "Viele Patienten wollen aber operiert werden, weil sie glauben, am Körper könne man wie am Auto in der Werkstatt einen Schaden komplett beheben. Doch das funktioniert nicht, denn dabei vergisst man die Psyche."

Psychische Gründe für Rückenschmerzen sind Stress, Sorgen am Arbeitsplatz oder in der Familie. Psychosoziale Faktoren wie eine pessimistische Einstellung, ein starkes Krankheitserleben oder private und berufliche Belastungen erhöhen das Risiko für chronische Verläufe. Dabei seien "übermäßige Ängste oder Sorgen wegen der Rückenschmerzen oft unnötig", sagt Dr. Dietmar Krause vom Deutschen Grünen Kreuz: "Über 90 Prozent der Beschwerden sind nicht behandlungsbedürftig und verschwinden meist nach ein paar Tagen."

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