Berlin (dpa/tmn) - Zuerst erkennt er sein Spielzeug nicht mehr, dann findet er sich nicht mehr zurecht: Hunde kann der Graue Star ebenso wie Menschen treffen. Bislang gibt es keine Medikamente, die die Eintrübung der Linse aufhalten können. Einziger Ausweg ist das Skalpell.

Als Jagdterrier Pablo beim Apportieren zunehmend unsicherer wurde und das Stöckchen irgendwann überhaupt nicht mehr fand, wusste sein Besitzer, dass etwas nicht stimmte. Schnell war klar, dass es etwas mit den Augen sein muss. Aber was? Beim genaueren Hinsehen entdeckte er, dass ein milchiger Schleier über Pablos Linsen lag. Besorgt brachte er ihn zum Tierarzt, der eine Augenkrankheit diagnostizierte, die bei Hund wie Mensch relativ häufig ist: Grauer Star.

Die Erkrankung, die fachsprachlich als Katarakt bezeichnet wird, tritt meist aufgrund einer genetischen Veranlagung auf - wobei einige Rassen wie Golden Retriever oder Afghanen häufiger betroffen sind als andere. «Grob gesagt handelt es sich um eine Eintrübung der Augenlinse. Sie lässt das glasklare Organ weiß oder grau aussehen und beeinträchtigt es in seiner Funktion», erklärt Ingrid Allgoewer, Mitglied des European College of Veterinary Ophthalmologists, dass sich mit tierärztlicher Augenheilkunde befasst.

Aufgabe der Linse ist es, das einfallende Licht zu brechen, so dass ein scharfes Bild auf der Netzhaut entstehen kann. Ist das nicht möglich, weil die Linse wie beim Grauen Star weniger lichtdurchlässig wird, wirkt sich das negativ auf das Sehvermögen aus. «Ein Hund, der an grauem Star erkrankt, sieht schlechter und kann im schlimmsten Fall sogar erblinden», sagt Allgoewer.

Abhängig ist das vom individuellen Krankheitsbild: Katarakt kann sowohl ein- als auch beidseitig auftreten und entweder die ganze Linse oder nur einzelne Bereiche betreffen. Außerdem kann die Eintrübung unterschiedlich stark sein, erklärt Christine Gabel, Mitglied der Fortbildungsgemeinschaft Veterinärophthalmologie.

Da Hunde stark auf ihren Gesichtssinn angewiesen sind, um sich zu orientieren und mit ihren Artgenossen zu kommunizieren, trifft eine Sehbehinderung sie ähnlich empfindlich wie Menschen. «Sie lässt sie unsicher werden und schränkt ihre Lebensqualität ein, weil sie etwa nicht mehr wie zuvor mit anderen Vierbeinern umhertollen und spielen können», erklärt Gabel.

Und der Graue Star setzt den Tieren nicht nur psychisch zu, sondern kann auch ernste Folgeerkrankungen nach sich ziehen: «Wenn er das Reifestadium erreicht hat, kann sich das Linsengewebe verflüssigen, wodurch es zu schweren Entzündungen, Augen-Überdruck und einer Loslösung der Linse kommen kann», erläutert Willy Neumann. Der Leiter der Augenklinik Hochmoor für Pferde und Kleintiere in Gescher-Hochmoor rät Hundehaltern dazu, bei Katarakt-Verdachtsfällen schnell zu handeln: «Sobald Linseneintrübungen sichtbar werden oder der Hund Anzeichen einer Sehbehinderung zeigt, sollte er von einem Fachtierarzt für Augenheilkunde untersucht werden.»

Dieser kann die Tieraugen durch eine sogenannte Spaltlampenuntersuchung, bei der er die Linse in 10- bis 15-facher Vergrößerung betrachtet, auf Grauen Star überprüfen. Zeigt sich, dass das Tier tatsächlich an der Krankheit leidet, kennt die Medizin bis dato nur eine wirksame Behandlungsmöglichkeit: «Es gibt leider keine Medikamente, die die Linseneintrübung effektiv aufhellen oder auflösen können. Das Einzige, das nachweislich etwas bringt, ist eine Operation», erklärt Allgoewer. Der Eingriff, bei dem die trübe Linse per Ultraschall zertrümmert und aus ihrer Kapsel gesaugt und dann teils durch eine Tier-Kunstlinse ersetzt wird, kann die Sehkraft wiederherstellen.

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