Wenn der Tag mit Sport- und Musikunterricht verplant ist, stehen die Kinder unter Zeitdruck – was in einigen Fällen sogar sinnvoll ist.

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Musikunterricht, Fußball, Sprachförderung: In einer Studie sagen 78 Prozent der Eltern, dass ihre Kinder manchmal unter Zeitdruck geraten. Foto: dpa

Musikunterricht, Fußball, Sprachförderung: In einer Studie sagen 78 Prozent der Eltern, dass ihre Kinder manchmal unter Zeitdruck geraten. Foto: dpa

Für das Ehepaar aus Bockum ist mit ihren beiden Adoptivkindern ein Traum in Erfüllung gegangen.

Rolf Vennenbernd, Bild 1 von 2

Musikunterricht, Fußball, Sprachförderung: In einer Studie sagen 78 Prozent der Eltern, dass ihre Kinder manchmal unter Zeitdruck geraten. Foto: dpa

Düsseldorf. Dienstags ist Großkampftag. Bis 13.20 Uhr Schule. 14.30 Uhr Tennis. 15.45 Uhr Querflöte. 17 Uhr Handball. Stella ist zehn Jahre alt. Die Mettmannerin hat einen vollen Stundenplan – am Gymnasium und in der Freizeit.

Klingt ganz schön anstrengend. „Warum?“, fragt das dunkelblonde Mädchen. „Macht doch alles Spaß.“ Ihre Mutter Claudia M. nickt. „Sie kriegt nie genug.“ Ballett und Schwimmen zählen zu den anderen Hobbys der guten Schülerin.

Zeitdruck gibt es schon im Kindesalter

Dass es ihre Familie schon mal übertreibe mit dem Angebot für ihre Kinder, muss sich M. oft anhören. „Wir sind viel unterwegs“, sagt sie. Denn nicht nur Stella ist vielbeschäftigt. Auch bei ihrem kleineren Bruder Björn gehört Vereinssport fest zum Wochenplan: ebenfalls Handball und Tennis.

Und musikalisch ist der achtjährige Grundschüler auch: am Schlagzeug. „Die beiden brauchen das“, ist die Mutter überzeugt. Von daher unterstütze sie die Wünsche, „solange nichts zu kurz kommt“.

Kinder wollen oft viel – ihre Eltern auch und manchmal noch mehr. Von Freizeitstress ist die Rede, von Leistungsdruck schon im Kindheitsalter. In einer Studie des Schreibwarenherstellers Staedtler räumen 78 Prozent der Eltern ein, dass ihre Kinder schon mal unter Zeitdruck geraten.

Vor schnellen Urteilen warnt jedoch Barbara Hoyer. Die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie ist Chefärztin im Heilpädagogischen Zentrum (HPZ) der Bergischen Diakonie Aprath. „Da darf man nicht pauschal urteilen.“

Was für den außenstehenden Betrachter womöglich an Stress pur erinnert, „kann für das Kind genau das Richtige sein“, sagt sie. Es gebe Kinder, die eine so große Energie haben, dass sie vielfach beschäftigt werden müssen, beschäftigt werden wollen. „Sie müssen sich dabei wohlfühlen“, sagt Hoyer.

„Das muss alles koordiniert werden“, sagt die Mutter

Stella fühlt sich wohl. Sie strahlt, wenn sie erzählt – von den Tennismedenspielen, die sie in diesem Jahr zum ersten Mal mitgemacht hat. „Einmal musste ich mich nach dem Match ganz doll beeilen, weil ich noch zum Handball musste.“

Wenn sie das so aufzählt, klingt das nach Leichtigkeit, fast nach Entspannung. Die Belastung hatte in dem Fall der Vater, der von A nach B nach C chauffieren musste. „Das muss alles koordiniert und abgesprochen sein“, weiß Mutter Claudia M. allzu genau. „Wenn alles im Zeitplan läuft, geht das alles.“

Für M. ist es ein Puzzlespiel. Die Erzieherin ist beruflich ebenso eingespannt wie ihr Mann, ein Ingenieur. „Es ist natürlich gut, wenn meine Eltern mal helfen können“, sagt sie. Auch Nachbarn springen mal kurzfristig ein, oder Eltern, deren Kinder in den Mannschaften ihrer Zöglinge ebenso aktiv sind.

Für Barbara Hoyer ist wichtig, dass „nicht die Familie unter der Belastung leidet“. Zunächst einmal sei für Kinder Sportliches wie Kreatives gut. „Wenn das dann auch in der Familie geteilt wird, ist es umso besser“, plädiert sie für gemeinsame Hobbys. Im Fall der Mettmanner Familie ist das Tennis. Am Wochenende ist sie als Quartett im Einsatz.

Viele junge Menschen gelten als internetabhängig

Kritischer betrachtet die Fachärztin der Bergischen Diakonie die Entwicklung an Computer und Spielkonsole. 80 Prozent der Kinder ab sechs Jahren benutzen laut einer Umfrage des Egmont Ehapa Verlags bereits einen Computer.

Nach Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gelten in Deutschland etwa 250 000 junge Menschen im Alter von 14 bis 24 Jahren als internetabhängig und rund 1,4 Millionen als problematische Internetnutzer.

Beim Sport hat das Kind noch direkte soziale Kontakte

„Das Spielen am Computer oder an der Konsole kann einsam machen und schließlich krank“, sagt Barbara Hoyer. Gameboy, Nintendo, Spiele auf dem Smartphone und dem Laptop: Die neuen Medien übten eine Faszination aus, die im Übermaß zunehmend schädlich sei.

Hoyer: „Das ist ein ganz anderer Stress als ein voller Trainingsplan nach Schulschluss.“ Beim Sport habe das Kind noch direkte soziale Kontakte, bei der Spielkonsole eher seltener.

„Dann schon lieber Tochter und Sohn von Halle zu Halle kutschieren“, meint auch Claudia M. – „und da ist das Ende auch absehbar. Dann können beide allein mit dem Rad zum Training“. Bewegung tut eben gut. . .

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