Zurück in den Wald
Breites Farbspektrum: Ein helles Rot wie hier bei Wittmann ist der Favorit der Designer auf der IMM in Köln.

Breites Farbspektrum: Ein helles Rot wie hier bei Wittmann ist der Favorit der Designer auf der IMM in Köln.

Kleine Polstermöbel sind im Trend - aber sie müssen flexibel sein, wie hier eine Klappcouch von Die Collection.

Weiß bleibt als Trendfarbe bei Möbeln erhalten, wird in der neuen Saison aber gemischt, wie hier bei den weiß-braunen Möbeln von Paidi.

Die neue Natürlichkeit: Möbelfronten, die wie frisch gesägt aussehen, zeigt unter anderem das Möbelwerk Voglauer auf der IMM in Köln.

Kölnmesse/dpa/tmn, Bild 1 von 4

Breites Farbspektrum: Ein helles Rot wie hier bei Wittmann ist der Favorit der Designer auf der IMM in Köln.

Köln (dpa/tmn) - Die Eiche ist wieder da, auch Schränke mit grober Holzmaserung und unlackierte Kommoden. Was vor kurzem noch als Überbleibsel alter Zeiten auf den Sperrmüll kam, zieht die Möbelbranche nun wieder aus dem Hut und ruft die «neue deutsche Gemütlichkeit» aus.

Die neuen Möbel haben das, was früher als fehlerhaft galt: dicke Astlöcher, Risse, Rinde und vor allem eine auffällige Maserung. Gerade unbehandelt wirkende Holzmöbel gelten als der neueste Schick fürs Zuhause, wie sich auf der Internationalen Möbelmesse IMM Cologne und der Küchenschau LivingKitchen (18. bis 23. Januar) zeigt. Holz für jede Art Möbel wird dort bei einer Vielzahl der mehr als 1200 Aussteller gezeigt.

Auch die gute alte Eiche zieht nach Ansicht der Hersteller wieder in die Wohnzimmer ein. Experten rufen die «neue deutsche Gemütlichkeit» aus. So nutzt das Unternehmen L'Artisan ein von Fäule durchlöchertes Holz für einen Couchtisch - Risse inklusive. Die Möbelwerke Voglauer oder Hartmann bürsten Oberflächen, so dass sie rau und abgenutzt wirken.

Diese Rückkehr zur Natur war notwendig, sagt Trendexpertin Gabriela Kaiser. «Das Design ist soweit vorgedrungen, dass nichts mehr zu holen war. Die Oberflächen sind glatt, die Schränke haben keine Griffe mehr. Man muss nun weg von dem Makellosen.» Die Experten der Kölnmesse, die die IMM-Trends vorab analysierten, sehen das ähnlich: «Was ist die Antwort auf die voranschreitende Entfremdung von Raum und Zeit? Ganz einfach: Eine Kehrtwendung um hundertachtzig Grad», steht im Trendbuch 2011.

Aber warum eigentlich? Die Rückkehr zu Naturmaterialien in der Einrichtungsbranche ist nicht neu, jetzt wird sie laut Kaiser aber auf die Spitze getrieben. Wenn draußen alles unsicher sei, müssten die eigenen vier Wände zum gemütlichen Rückzugsort mit Gewohntem aus Omas Wohnzimmer werden. «Die Möbel sehen oftmals aus, wie aus dem Wald herausgetragen und im Wohnraum aufgestellt», sagt sie. Markus Wiemann, Geschäftsführer des gleichnamigen Bettenherstellers, stimmt zu: «Das ist das Gefühl von Altbewährtem.» Bei Holz und gerade auch Massivmöbeln hätte man in den eigenen Wänden schlichtweg «länger etwas von dem Gefühl, heimisch zu sein».

Schon länger wurden nach Angaben des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie Massivholzmöbel und Möbel mit einer Folienverkleidung in Holzoptik vermehrt verkauft. Doch erst jetzt wird dies auch zum Trend ernannt. Das geht sogar soweit, dass Oberflächen natürlicher gestaltet werden, als es die Natur vorsah. So behandelt Deelmann Tischplatten mit Sandstrahl, Voglauer verwendet Schubladenfronten, die wie frisch gesägt aussehen. Wer jetzt erwartet, Eiche rustikal zu sehen, wird enttäuscht. Das eigentlich sanft-braune Holz wird naturbelassen und nicht mehr dunkel gebeizt. Daneben sind Nussbaum sowie Buche, Ahorn, Esche und Erle im Angebot.

Wem das zu viel Gemütlichkeit ist, kann Holz mit glänzend lackierten, farbigen Fronten kombinieren, wie die Küchenhersteller Nobilia oder Paidi auf der IMM zeigen. «So eine weiße Küche wirkt sehr nüchtern», sagt Oliver Streit von der Nobilia-Geschäftsführung. «Wir versuchen daher diese mit Einstellungen in Naturfarben aufzulockern.» Zusätzlich öffnen sich Küchen vermehrt zum Wohnraum hin oder verschwinden fast als eigenständige Wohneinheit.

Neben den braunen Holzmöbeln wie TV-Wand, Kommode und Wohnzimmertisch werden die Sitzecke und das Sofa zu Farbtupfern im Wohnraum. Zu den beliebten Farben Schwarz, Grau und vor allem Weiß, sind zunehmend auffällige Bezüge in hellem Blau - wie bei Bree's New World - zu sehen. Artanova bietet einen Ruhesessel in Giftgrün, Wittmann bezieht Stühle mit hellrotem Stoff, und Bretz kleidet Sofas in groß gemustertem Samt.

Auch mit diesen wagemutigen Sofadesigns sei die neue Heimeligkeit - wenn auch etwas gewagt - neu interpretiert worden, sagt Bretz-Inhaber Hartmut Bretz. «Wenn ich es richtig verstanden habe, ist auf der IMM die neue deutsche Gemütlichkeit angesagt. Das haben wir hier mit metallischen, geometrischen Formen und mit etwas Verspieltheit.»

Bei vielen Herstellern ist zu sehen, dass das Sofadesign aber keinen Schritt hin zu alten Formen macht. Weiterhin bestimmten schlanke und kleine Systeme das Bild statt der ausgemusterten, riesigen Couch-Landschaften. Wichtig ist, dass sie trotz ihrer kompakten Größe verstellbar und ausziehbar sind, wie das Unternehmen Die Collection zeigt. Als Materialien werden naturnahe Stoffe wie Leder in allen Farben, Filz und Pflanzenfasern gewählt.

Farbe und Spiel finden sich auch in den rein auf glänzend lackierten Schränken, die als Gegensatz zu den Holzmöbeln wirken. Doch auch hier ist Einfarbigkeit tabu: Entweder der Rahmen oder mindestens eine der Schubladen muss andersfarbig sein. Arredokit bietet etwa Kombinationen aus Schwarz, Weiß, Senfgelb und Ferrarirot an.

Information:

Für die Öffentlichkeit ist die IMM vom 21. bis 23. Januar geöffnet, jeweils von 9 bis 18 Uhr. Fachbesucher haben vom 18. bis 20. Januar Zutritt.

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