Aids-Schleife
Ob Verdrängung oder Scham: Viele HIV-Infizierte sind sogenannte Late Presenter - sie werden erst sehr spät diagnostiziert. Foto: Fredrik von Erichsen

Ob Verdrängung oder Scham: Viele HIV-Infizierte sind sogenannte Late Presenter - sie werden erst sehr spät diagnostiziert. Foto: Fredrik von Erichsen

dpa

Ob Verdrängung oder Scham: Viele HIV-Infizierte sind sogenannte Late Presenter - sie werden erst sehr spät diagnostiziert. Foto: Fredrik von Erichsen

Ulm (dpa) - Unwissen, Scham oder Verdrängung: Eine bedeutende Zahl von HIV-Infizierten stellt sich nicht frühzeitig beim Arzt vor. Aber auch Mediziner erkennen manchmal auf HIV hinweisende Symptome bei ihren Patienten nicht. Das kann weitreichende Folgen haben.

Immer noch wird eine hohe Zahl von HIV-Infizierten nicht oder erst spät diagnostiziert - das hat nach Ansicht von Experten vielseitige Folgen. «Die Gruppe stellt inzwischen ein ziemliches Problem dar», sagt HIV-Fachmann und Mediziner Georg Härter von der Universitätsklinik Ulm. «Dabei ist die frühe Diagnose nicht nur essenziell, um Ansteckungen zu vermeiden, sondern auch für einen optimalen Therapiestart», ergänzt Härter im Gespräch.

Hochrechnungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge sind gut die Hälfte neu diagnostizierter Fälle sogenannte Late Presenter. Das sind Infizierte, die bei der Diagnose bereits ein deutlich geschwächtes Immunsystem aufweisen oder eine Aids-Erkrankung entwickelt haben, also schon therapiebedürftig sind. 2012 gab es in Deutschland nach RKI-Angaben insgesamt etwa 3400 Neuinfektionen.

Sowohl aus der Sicht der Präventionsmedizin als auch auf der Kostenseite habe eine späte Diagnose Auswirkungen, erklärt Härter. «Es ist in diesen Fällen auch so, dass die HIV-Infektion Symptome zeigt, oder Aids eben auch Krankenhausaufenthalte notwendig macht - das verursacht Kosten.» Auch Krankheitstage und Arbeitsausfälle kämen hinzu.

Hat der Patient bereits Aids-Symptome wie bestimmte Formen der Lungenentzündung, ist er trotz moderner Medizin von einem höheren Sterblichkeitsrisiko betroffen, wie der Leiter der Sektion Infektiologie und Klinische Immunologie in Ulm sagt. Die Therapie spreche häufig nicht so gut an, weil die Infizierten kränker seien.

Die Zahl der Late Presenter sei in den vergangenen Jahren zwar konstant, aber hoch geblieben. Für diese Entwicklung gebe es verschiedene Gründe. «Ich sehe eine potenzielle Gefahr, weil die HIV-Infektion leider immer noch stigmatisierend ist und daher einige das verdrängen oder sich nicht trauen, das beim Hausarzt anzusprechen», beschreibt Härter seine Erfahrung als Oberarzt in der Klinik sowie Referent für Ärztefortbildungen.

Es sei sehr wichtig, Medizinerkollegen für das Thema zu sensibilisieren, Warnsymptome zu erkennen und mit den Patienten einen HIV-Test zu besprechen. Es gebe Fälle, in denen auf HIV hinweisende Symptome wie Fieber, Lymphknotenschwellungen, Durchfall, Nachtschweiß oder Gewichtsverlust nicht mit dem Virus in Verbindung gebracht werden. Aber auch jede Geschlechtskrankheit sollte hellhörig machen und zu Nachfragen bei den Patienten führen, sagt Härter. «Aufgrund der erhöhten Zahlen von Late Presentern raten die Aids-Gesellschaften, niedergelassene Ärzte um das Wissen zu schulen, wie kann ich HIV oder Aids vielleicht früher diagnostizieren.»

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