Viele Studien belegen, dass Bewegung – auch während der Chemotherapie – den Heilungsprozess unterstützt.

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Bernhilde Hogeboom liebt das Walken in freier Natur.

Bernhilde Hogeboom liebt das Walken in freier Natur.

Kocur

Bernhilde Hogeboom liebt das Walken in freier Natur.

Düsseldorf. Als Bernhilde Hogeboom vor acht Jahren die Diagnose Blasenkrebs bekam, änderte sich ihr Leben. Sie begann, auf ihren Körper zu hören und ihn zu achten. Dazu gehören seitdem auch regelmäßige Besuche im Fitnessstudio. Viermal in der Woche nimmt sie an verschiedenen Kursen teil, um sich fit zu halten. Ihr Programm ergänzt sie dreimal in der Woche durch Walken. "So bekomme ich den Kopf frei und kann die Krankheit psychisch besser wegstecken", sagt die heute 70-Jährige und ergänzt: "Ich bin ausgeglichener und insgesamt entspannter."

Körperliche Aktivität als Therapie? Für Freerk Baumann, Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Rehabilitation und Behindertensport der Sporthochschule Köln, ist das schon lange keine Frage mehr. "Bewegung ist ganz klar ein Therapeutikum, weil es einen ganzheitlichen Einfluss auf Körper und Psyche hat."

Sport fördert die Selbstheilungskräfte

Drei Jahre lang hat Baumann während seiner Doktorarbeit als Sporttherapeut auf einer Krebsstation gearbeitet und die Patienten bei ihrem Training begleitet. Zudem betreut er an der Sporthochschule eine Sportgruppe für Brustkrebs-Betroffene und leitet aktuell zahlreiche Studien zum Thema "Körperliche Aktivität bei Krebs". "Es handelt sich nicht um Sport, sondern um eine Bewegungstherapie. Damit nutzen wir die Selbstheilungskräfte des Körpers", berichtet Baumann. Dabei solle die Medizin nicht ersetzt, sondern ergänzt werden.

Trotz mehr als 1000 Studien, die die Wirksamkeit einer Bewegungstherapie während und nach der Krebserkrankung belegen, raten viele Ärzte Krebspatienten in der Regel immer noch zu Ruhe und Schonung. Dabei bedenken sie nicht, dass sich der Patient dadurch in einen Teufelskreis aus negativen Folgen des Bewegungsmangels und medizinischen Behandlungen begibt. Diesen Teufelskreis kann die Bewegungstherapie durchbrechen. Beispiel Brustkrebs: Forscher der Sporthochschule Köln fanden erst kürzlich heraus, dass ein sanftes Krafttraining während der Chemotherapie bei Brustkrebspatientinnen die Kraftleistungsfähigkeit erhalten und verbessern kann und zudem die Lebensqualität positiv beeinflusst.

Frauen sollten direkt nach der Brust-OP Gymnastik machen

"Es ist sinnvoll, mit der Gymnastik unmittelbar nach der Brustoperation zu beginnen, jedoch zu Beginn nur mit einem Therapeuten. Ein frühzeitiges Training kann den Folgen des Eingriffs - wie Verkürzungen des Muskelgewebes oder Osteoporose - vorbeugen", sagt Baumann.

Dr. Freerk Baumann, Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Rehabilitation und Behindertensport der Sporthochschule Köln, und Prof. Klaus Schüle, Autor und Gründer der ersten Krebsnachsorge-Sportgruppe, veranstalten gemeinsam mit Studenten der Sporthochschule am 31. Januar 2009 eine kostenlose Infoveranstaltung unter dem Titel "Bewegung und Sport bei Krebserkrankungen". Im Hörsaal 2 der Sporthochschule, Am Sportpark Müngersdorf 6, werden von 10 bis 14 Uhr Vorträge zum Thema gehalten.

Die Deutsche Krebshilfe hat den blauen Ratgeber "Bewegung und Sport bei Krebs" herausgebracht, in dem Freerk Baumann unter anderem seine Bewegungsempfehlungen für unterschiedliche Krebsarten zusammengefasst hat. Das 78 Seiten umfassende Heft können Interessierte im Internet kostenlos bestellen oder auch herunterladen.

Neben einem gezielten Kraftaufbau empfiehlt er Brustkrebs-Patientinnen in der Nachsorge Wassertherapie sowie Ausdauersportarten wie Radfahren, Wandern, Schwimmen oder Nordic Walking in der Akutphase und der Nachsorge.

Entscheidend für eine erfolgreiche Bewegungstherapie sind die Art der Krebserkrankung und der Therapie - Operation, Chemotherapie oder Bestrahlung - und die Therapiephase, in der sich der Betroffene befindet. Bevor mit der Bewegung begonnen wird, hat der behandelnde Arzt das letzte Wort.

Für jeden Krebs gibt eine geeignete Sportart

Die Bewegungstherapie muss individuell ausgerichtet sein. Während Brustkrebsbetroffene Ausdauer und Kraft aufbauen sollten, spielt bei Patienten mit Prostatakrebs das Training von Herz und Kreislauf eine zunächst untergeordnete Rolle. Baumann: "Hier ist das größte Problem die Inkontinenz, die durch eine Beckenbodengymnastik bekämpft werden kann. Ausdauer kommt erst nach vier bis sechs Monaten hinzu."

Bei der Leukämie sind die Empfehlungen wieder anders. "Noch vor wenigen Jahren wurde Leukämiepatienten eher Ruhe verordnet. Das lag hauptsächlich daran, dass sie zu wenig Blutplättchen haben und ihre Blutgerinnung schlecht ist", berichtet Baumann. "Heute zeigen Untersuchungen, dass Betroffene schon während der Hochdosis-Chemotherapie eine sanfte Art der Bewegungstherapie machen können." Das gelte auch dann, wenn sie von der Außenwelt isoliert und zur Knochenmarkstransplantation im Krankenhaus seien.

Da die Chemotherapie das Immunsystem der Patienten schwächt, steht immer ein Einzeltraining mit Mundschutz an. Der Fachmann empfiehlt sanfte Einheiten auf dem Fahrrad-Ergometer und leichte Kräftigungsübungen. "Bewegung und Sport sollen bereits im Krankenhaus verhindern, dass sich Muskeln und Knorpel abbauen."

Der Körper benötigt auch Regenerationsphasen

Der Dozent warnt jedoch vor zu viel Aktivität. "Bewegungsmangel ist auch für Krebspatienten genauso schlecht wie zu viel Aktivität. Man muss einen gescheiten Mittelweg finden." Zwei Tage zur Regeneration müssen sein. Auch Bernhilde Hogeboom gönnt sich hin und wieder eine sportliche Auszeit.

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