Vor allem das eigene Verhalten beeinflusst die Lebenserwartung. Veranlagung spielt eine kleinere Rolle.

alter
Eine Oma beim Vorlesen: Der Zusammenhalt der Generationen wird künftig eine noch wichtigere Rolle spielen. (imago)

Eine Oma beim Vorlesen: Der Zusammenhalt der Generationen wird künftig eine noch wichtigere Rolle spielen. (imago)

NN

Eine Oma beim Vorlesen: Der Zusammenhalt der Generationen wird künftig eine noch wichtigere Rolle spielen. (imago)

Wiesbaden/Düsseldorf. Die Lebenserwartung in Deutschland steigt und steigt. Bereits seit etwa 150 Jahren werden die Menschen hier und in anderen Industrieländern immer älter.

„Im Durchschnitt der letzten zehn Jahre steigt die Lebenserwartung in Deutschland bei Männern alle fünf Jahre um ein Jahr, bei Frauen ist es etwas weniger“, sagt Rembrandt Scholz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für demografische Forschung.

Ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. „Wahrscheinlich gibt es eine natürliche Grenze, aber bislang sehen wir sie nicht.“ Das liege vor allem am medizinischen Fortschritt, mit dem sich zumeist auch die Lebenserwartung verbessere.

„Man sollte alle Dinge tun, die die Mutter einem rät.“

Rembrandt Scholz, Wissenschaftler

Die eigene Lebenserwartung kann jeder Mensch selbst beeinflussen: durch die Lebensführung. Nur zu ungefähr einem Viertel sei die genetische Veranlagung entscheidend, so Scholz, den weit größeren Teil machen das eigene Verhalten und die Umwelt aus.

„Man sollte all die Dinge tun, die die eigene Mutter einem geraten hat“, bringt es Scholz auf den Punkt. Gesunde Ernährung, viel Sport und nicht zu rauchen seien drei entscheidende Punkte. Hinzu komme wenig Alkohol, viel Schlaf und möglichst kein negativer Stress.

Frauen werden in allen Industrienationen im Schnitt älter als Männer. Für dieses Phänomen gibt es viele Gründe – biologische und einige, die in Verhaltensweisen zu suchen sind. Sie ernähren sich in der Regel gesünder, trinken weniger Alkohol, gehen regelmäßiger zum Arzt und neigen weniger zu risikofreudigem Verhalten als Männer.

In den USA ist nach Angaben von Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung bei Personen mit geringerer Bildung im mittleren und höheren Alter eine Stagnation bei der Entwicklung der Lebenserwartung zu beobachten. Forscher führen dies vor allem auf die weit verbreitete Fettsucht in den USA zurück.

Statistiken und Studien im Internet:
dpaq.de/fvfV9 (Destatis)
dpaq.de/cIcDP (Eurostat)
dpaq.de/MwepO (DIW)
demogr.mpg.de (Max-Planck-Institut für demografische Forschung)

All diese Faktoren wirkten in der Regel nicht nur lebensverlängernd, sondern erhöhten auch die Chance, lange gesund zu bleiben.

Was die Statistiken zur Lebenserwartung nicht zeigen: Reiche haben eine höhere Lebenserwartung als Arme. Das ist das Ergebnis einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und des Robert Koch-Instituts.

Frauen aus armen Haushalten sterben im Schnitt dreieinhalb Jahre früher als wohlhabende Frauen. Männer aus Haushalten mit wenig Geld leben durchschnittlich fünf Jahre kürzer als bessergestellte Männer.

Bei der Finanzierung der Rente warten große Herausforderungen

Martin Kroh, Professor für Empirische Sozialforschung am DIW, sieht zwei mögliche Gründe dafür: dass sich Arme Gesundheitsförderung und -versorgung nicht leisten können oder dass sie einen ungesünderen Lebenswandel haben. „Vermutlich ist die Wahrheit eine Mischung aus beidem.“

Ein längeres Leben stellt die Gesellschaft aber auch vor große Herausforderungen. „Derzeit müssen 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter 32 Über-65-Jährige mitfinanzieren. 2050 werden es 65 sein“, rechnet Prof. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Uni Bremen vor.

Neue Wege: „Leih-Enkel“ könnten sich um Senioren kümmern

Neben der Rente muss die Finanzierung der Pflege und der medizinischen Versorgung betrachtet werden. Wenn immer mehr Menschen sehr alt werden, werden auch mehr Menschen Hilfe im Alltag benötigen. So rechnen Experten zum Beispiel mit einem starken Anstieg der Demenz.

Aber nicht jede Hilfestellung muss teuer sein. „Wir brauchen neue Versorgungskonzepte – und eine größere Einbindung Ehrenamtlicher“, sagt Juliane Köberlein vom Bergischen Kompetenzzentrum für Gesundheitsmanagement und Public Health.

So wie es „Leih-Omis“ gebe, die sich um Kinder kümmern, seien zum Beispiel auch „Leih-Enkel“ im Jugendalter denkbar, die sich um Senioren kümmern. Freizeitaktivitäten oder Unterstützung im Haushalt könnten dazu beitragen, dass die Eigenständigkeit im vertrauten Umfeld länger erhalten bleibt, so Köberlein.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer