Neuartiges EKG-Gerät
So sieht die Praxis aus: Martin Oehler (l.) positioniert das neuartige EKG-Gerät in einem Notarztwagen auf der Brust eines Probanden. (Foto: dpa)

So sieht die Praxis aus: Martin Oehler (l.) positioniert das neuartige EKG-Gerät in einem Notarztwagen auf der Brust eines Probanden. (Foto: dpa)

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So sieht die Praxis aus: Martin Oehler (l.) positioniert das neuartige EKG-Gerät in einem Notarztwagen auf der Brust eines Probanden. (Foto: dpa)

Braunschweig (dpa) - Wissenschaftler der TU Braunschweig haben ein neues EKG-Gerät entwickelt, das schneller und einfach die Herzaktivität misst. Das kissenähnliche Gerät wird auf die Brust gedrückt und 30 Sekunden später liegen die Messergebnisse vor.

Das kissenähnliche Gerät ist so groß, so rund und so dick wie eine Torte. Innen steckt viel Sensorik und Elektronik. Es ist ein neues EKG-Gerät, das schnell und einfach die Herzaktivitäten misst. Es wird leicht auf die Brust gedrückt und 30 Sekunden später ist die Herzkurve, drahtlos übertragen, auf einem PC-Monitor zu sehen. Das Gerät misst sogar kontaktlos durch die Kleidung hindurch. Es wurde von Wissenschaftlern des Instituts für Elektrische Messtechnik der Technischen Universität Braunschweig entwickelt.

Die aufwendige Prozedur des klassischen EKG mit dem Elektrodenkleben und Verkabeln fällt weg. Das dauert meist zwischen fünf bis zehn Minuten. Mit dem neuen Gerät können Ärzte oder Rettungssanitäter schneller erste Diagnosen stellen. In Notfällen könnte das möglicherweise Leben retten, sagt Martin Oehler, der das inzwischen patentierte EKG-Gerät entwickelt hat. Er hat kürzlich mit dem Wirtschaftsingenieur Henning Böge das Unternehmen Capical GmbH gegründet, um es zu vermarkten.

«Erste Geräte werden in einem Jahr auf den Markt kommen», kündigt Oehler an. Klinisch erprobt wurde das Gerät unter anderem am Herzzentrum der Universität Göttingen. «Wir haben eine erste klinische Studie durchgeführt», berichtet Prof. Lars S. Maier. Dabei habe man bei Patienten mit Herzinfarkt zeigen können, dass die EKG-Registrierungen des neuen Geräts sehr gut mit dem konventionellen EKG-Gerät vergleichbar seien. Er habe die Studie auf dem vorjährigen Kongress der American Heart Association (AHA) vorgestellt. Allein am Göttinger Herzzentrum werden nach Maiers Angaben jährlich rund 30 000 EKG erstellt.

Die Klinik-Tests hätten, so Oehler, zu technischen und ergonomischen Verbesserungen geführt. Das neue EKG-Gerät registriert - wie konventionelle Geräte - die elektrischen Impulse des Herzmuskels, die das Herz in Bewegung halten. Die sind noch auf der Haut messbar. Doch arbeitet das neue Gerät anders - so ähnlich wie ein Kondensator. Dabei werden sogenannte kapazitive Effekte genutzt. Unter dem textilen Kunststoffbezug des gut handhabbaren Geräts sind 29 Elektroden symmetrisch angeordnet. Ändert sich die elektrische Ladung auf der Haut, ändert sich auch die Ladung auf den Elektroden. Das funktioniert auch über geringe Entfernungen, durch Kleidung hindurch. Doch sind die gemessenen Signale so schwach, dass sie abgeschirmt und verstärkt werden müssen, bevor sie ausgewertet werden können.

«Wir können die Messergebnisse nicht nur als klassische EKG-Kurve darstellen, sondern auch als farbige räumliche Grafik", erläutert Böge. Es werde sozusagen eine Landkarte der Herzaktivität gezeigt. Ein weiterer Vorteil: Das neue Gerät sei ein Vielkanal-EKG. Die Zahl der Elektroden könne für andere Mess-Zwecke variiert werden.

Inzwischen haben die beiden Wissenschaftler bundesweit drei Gründer- und Medizintechnikwettbewerbe gewonnen. Mit den Preisgeldern haben sie ihre Firmengründung finanziert. Jetzt sollen mehrere Prototypen des Geräts weiter klinisch getestet und so Technik und Design noch einmal verbessert werden. Zugleich soll die Zulassung beim TÜV beantragt werden. Derzeit suchen die beiden innovativen Gründer einen Finanzinvestor und führen bereits erste Gespräche. Oehler denkt auch schon an künftige Produktvarianten - etwa an ein einfacheres EKG-Gerät, mit dem Patienten zu Hause selbst ihre Herzfunktionen checken können.

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